In kaum einer anderen Indikation kann eine Therapie schon heute so patientenindividuell erfolgen wie bei Brustkrebs. Für immer mehr Betroffene ist eine Heilung oder Chronifizierung möglich. Foto: iStock.com / Liudmila Chernetska
In kaum einer anderen Indikation kann eine Therapie schon heute so patientenindividuell erfolgen wie bei Brustkrebs. Für immer mehr Betroffene ist eine Heilung oder Chronifizierung möglich. Foto: iStock.com / Liudmila Chernetska

Wie Innovation Krankheit besiegt: Brustkrebs

Komplexe Erkrankungen behandeln Mediziner:innen am besten möglichst personalisiert, also auf die Patient:innen zugeschnitten. Doch nicht überall ist das heute schon möglich. Die Brustkrebstherapie gilt als Vorreiter: Über 20 Arzneimittel stehen zur Verfügung, die gezielt bestimmte Veränderungen in den Tumorzellen angreifen können. Für immer mehr Betroffene ist eine Heilung oder Chronifizierung möglich.
Gerhard Schumacher, Franchise Head Breast Cancer & Gynecological Cancer beim biopharmazeutischen Unternehmen AstraZeneca in Deutschland
Gerhard Schumacher. Foto: AstraZeneca

„Brustkrebs ist eine der Tumorerkrankungen, bei der wir in den letzten 10 bis 15 Jahren grandiosen Fortschritt gesehen haben, mit deutlichen Verbesserungen für Patient:innen: Heutzutage überleben etwa 80 Prozent der Betroffenen die ersten fünf Jahre, fast 70 Prozent leben noch 10 Jahre nach der Diagnosestellung“, konstatiert Gerhard Schumacher, Franchise Head Breast Cancer & Gynecological Cancer beim biopharmazeutischen Unternehmen AstraZeneca in Deutschland.

Korbinian Berschneider, Therapeutic Area Director Breast Cancer beim forschenden Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo in Deutschland, führt aus: „In der Brustkrebstherapie befinden wir uns heute im Zeitalter der ‚gezielten Therapien’“. Was das heißt? „Wir sind in der Lage, Tumore auf molekularer Ebene präzise zu charakterisieren und verfügen mittlerweile über hochwirksame Behandlungsoptionen, wie beispielsweise Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC), die gezielt bestimmte Tumormerkmale erkennen und ansprechen. Dadurch konnten wir sowohl die Präzision als auch die Wirksamkeit der Therapien deutlich steigern. Für viele Patientinnen bedeutet dies weniger Nebenwirkungen, längere krankheitsfreie Zeiten und in einigen Fällen sogar eine komplette Remission – wo früher lediglich eine Lebensverlängerung möglich war.“

Möglich gemacht wurde das durch ein wachsendes Wissen rund um die Erkrankung: Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Heutzutage ist bekannt: Die Patient:innen weisen ganz individuelle Krankheitsmerkmale auf. In rund 80 Prozent der Fälle gilt der Brustkrebs etwa als „Hormonrezeptor-positiv“. Das heißt, er weist zahlreiche Hormonrezeptoren auf, die bei dem Andocken der Hormone Östrogen oder Progesteron das Wachstum der Tumorzelle fördern. Es können Medikamente zum Einsatz kommen, welche die Interaktion zwischen Rezeptor und Hormon verhindern. Anderes Beispiel: Rund 9 Prozent der Patientinnen haben eine genetische Mutation im sogenannten BRCA1- oder BRCA2-Gen. Hier ist es unter anderem möglich, auf PARP-Inhibitoren zurückzugreifen: Sie blockieren die Reparatur von DNA-Schäden in Krebszellen, was zum Zelltod führen soll.

Brustkrebs: Moderne Medikamente verbessern Überleben

Laut der Studie Wert von Innovationen“, welche die Agentur Vintura im Auftrag von LAWG Deutschland erstellt hat, stehen insgesamt 21 Therapien zur Verfügung, die – einzeln oder in Kombination – gezielt zehn verschiedene Veränderungen des Brusttumors angreifen können. LAWG Deutschland ist ein Verein, dem 17 weltweit agierende, forschungsorientierte Arzneimittelunternehmen angehören. Die neuen Medikamente sind der Veröffentlichung zufolge das Resultat enormer Investitionen: „Weltweit haben Pharmaunternehmen seit 1990 über 2.200 klinische Studien mit 550.000 Patientinnen durchgeführt, um diese Brustkrebs-Therapien zu entwickeln“, heißt es im Bericht.

Die Prognose hängt unter anderem davon ab, wann die Erkrankung identifiziert wird. „Je früher der Brustkrebs erkannt und behandelt wird, desto höher ist die Überlebenswahrscheinlichkeit. Während wir bei Betroffenen in den frühen Stadien immer häufiger von Heilung sprechen können, sieht die Realität für Betroffene im metastasierten Stadium leider noch anders aus“, betont Schumacher, AstraZeneca. Bei circa 20 Prozent der Patientinnen hat der Brustkrebs bei Diagnose schon in Lymphknoten (III) oder ferne Gewebe (IV) gestreut – er gilt meist als unheilbar. Doch selbst dann kann der Krebs mit entsprechender Behandlung immer öfter über lange Zeit chronifiziert werden – die Menschen leben dann viele Jahre mit der Erkrankung. Der Anteil der Betroffenen, die nicht mehr an ihrem Brustkrebs sterben, wächst (s. Grafik).

Mehr Forschung gegen Brustkrebs

Das Ende der Fahnenstange ist lange nicht erreicht. Laut der LAWG-Veröffentlichung nimmt die klinische Forschung gegen Brustkrebs vor allem seit 2018 an Fahrt auf. Seitdem werden besonders viele Studien gestartet – es sind zwischen 100 und 140 pro Jahr. Es bestehe „ein hoher therapeutischer Bedarf an wirksamen Therapien für Patient:innen mit bereits metastasiertem Brustkrebs“, erklärt Schumacher. „Hinzu kommt, dass im weiteren Therapieverlauf die Anzahl der Patient:innen deutlich abnimmt – so erreichen etwa 43 Prozent der Patient:innen mit HER2-positivem metastasiertem Brustkrebs die dritte Therapielinie nicht mehr. Betroffenen mit metastasiertem Brustkrebs mehr Lebenszeit zu ermöglichen, ist weiterhin eine große Herausforderung, und weitere Therapieoptionen sind dringend nötig. Durch kontinuierliche Forschung wollen wir Behandlungsmöglichkeiten erweitern, das Überleben verbessern und langfristig auch kurative Ansätze ermöglichen.“

Korbinian Berschneider, Therapeutic Area Director Breast Cancer beim forschenden Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo in Deutschland
Korbinian Berschneider. Foto: Daiichi Sankyo / Fotograf: Rainer Haeckl

Korbinian Berschneider, Daiichi Sankyo, blickt in die Zukunft: „Durch verbesserte Diagnostik und noch genauere Therapien wird es möglich sein, Tumore genetisch und molekular noch detaillierter zu analysieren – und das dynamisch im Verlauf der Erkrankung. So können Behandlungen noch gezielter eingesetzt werden. Gleichzeitig entstehen neue Therapieoptionen, die tumorbiologische Mechanismen noch präziser adressieren und dadurch eine höhere Wirksamkeit bei besserer Verträglichkeit erreichen“. Weiterentwicklungen – für mehr Präzision, verbesserte Wirksamkeit, weniger Resistenzentwicklung – sagt er auch mit Blick auf Antikörper-Wirkstoff-Konjugate hervor: Hierbei transportiert ein Antikörper huckepack einen hochwirksamen zytotoxischen Wirkstoff zielgerichtet zum Tumor.

„Eine große Herausforderung wird sein, aus der Vielzahl an verfügbaren Therapien die individuell passendste für jede Patientin zu identifizieren und diese im Krankheitsverlauf optimal anzupassen. Dabei wird die Analyse komplexer Daten mithilfe künstlicher Intelligenz eine bedeutende Rolle spielen“, so der Experte. Kurz gesagt: „Die Personalisierung und Präzisierung der Therapie werden sich noch weiter vertiefen“. Denn die Erfolge moderner Therapien treiben die Forschung in diesem Bereich weiter voran – um insbesondere auch Menschen mit einer fortgeschrittenen Erkrankung ein Langzeitüberleben zu ermöglichen.

Der Artikel ist Teil unserer Serie „Wie Innovation Krankheiten besiegt“: https://pharma-fakten.de/schlagworte/schlagwort/wie-innovation-krankheit-besiegt/. Sie basiert auf dem Report „Der Wert medizinischer Innovationen“ von LAWG Deutschland e.V.: https://lawg-deu.de/studie-wert-von-innovationen-vintura/.

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