Direkt zu Beginn des Impulspapiers zitiert der BKK-Dachverband Sir Michael Marmot; er ist britischer Professor für Epidemiologie und Public Health am University College London und findet: „Was nützt es, Menschen zu behandeln, wenn wir sie anschließend in die Bedingungen zurückschicken, die sie krank gemacht haben?“ Denn Tatsache ist, so schreibt es der Dachverband: „Gesundheit liegt nicht allein in der Hand des Einzelnen; sie ist immer auch das Produkt der gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben.“

Ein Beispiel: In Deutschland sind knapp 20 Prozent aller Krebsneuerkrankungen auf das Rauchen zurückzuführen; bei Lungenkrebs ist Rauchen der Hauptrisikofaktor – und für vier von fünf der Todesfälle verantwortlich. Gleichzeitig zeigt der Public Health Index, herausgegeben vom AOK-Bundesverband und vom Deutschem Krebsforschungszentrum: Die hiesige Präventionspolitik hinkt im europäischen Vergleich hinterher. Tabakprodukte zum Beispiel sind zu billig, beim Nichtraucherschutz gibt es zu viele Ausnahmen, noch immer sind Markenlogos und andere Designelemente auf den Verpackungen zu finden – was zu einem „Lifestyle-Status“ beitragen kann. Um mit Sir Marmot zu gehen: Deutschland behandelt Menschen aufgrund von Lungenkrebs – doch hält an einem kontraproduktiven Umfeld fest, das sie weiterhin zu häufig den Gefahren von Tabakprodukten aussetzt. Und das gilt nicht nur für Raucher:innen; auch Passivrauchen erhöht das Risiko für verschiedene Krebsarten. Immerhin will die Regierung die Tabaksteuer nun deutlich erhöhen, so der Plan.
Gesundheit: erhalten statt reparieren

„Gesundheit entsteht vor dem Eintritt in das Gesundheitssystem“, betont der BKK-Dachverband. In seinem Impulspapier fordert er: „Gönnt uns einen Staat, der uns gesund hält“. Es komme dabei „nicht auf die Menge der Aktivitäten an, sondern wie alles vernetzt ist und ineinandergreift“. Das heißt:
- Deutschland braucht „eine klare Roadmap für eine nationale Public Health-Strategie mit verbindlichen, messbaren Gesundheitszielen wie z. B. mehr gesunde Lebensjahre“. Auch „größere Zukunftsaufgaben“ wie der Klimawandel und verschiedene Politikfelder sollten eingebunden werden.
- Gesundheitsförderliche Angebote, die beispielweise in Betrieben, Kitas, Schulen gemacht werden, „müssen langfristig stabilisiert und strukturell verankert werden“ – sodass eine verlässliche Finanzierung sichergestellt ist.
- Angesichts des hiesigen Föderalismus betont der BKK-Dachverband: „Nur wenn Gesundheitsförderung überall gleichermaßen kommunal und auf Landesebene verankert und strukturell gesichert ist, kann sie flächendeckend wirken.“
- Eine übergreifende Kommunikationsstrategie ist dabei wichtig. Dazu gehören „verständliche und zugängliche Gesundheitsinformationen für alle Bevölkerungsgruppen“ und ein „positives Storytelling über Gesundheit“.
Gesundheitsdaten: mehr wissen, mehr verändern

Tatsache ist: Wer Ziele setzt, muss auch messen und ablesen können, ob sie erreicht werden. „Gönnt uns Fakten statt Bauchgefühl“ – so bringen es die Betriebskrankenkassen auf den Punkt. „Steuerungsfähigkeit entsteht nur, wenn Daten über einheitliche Meldewege zusammengeführt werden. Dafür braucht es eine nationale Daten- und Evaluationsplattform – beispielsweise angesiedelt beim Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit und in enger Kooperation mit dem Robert Koch-Institut, den Ländern und Kommunen.“ Weil Gesundheit stark von den Lebensumständen abhängt, sollten in die Gesundheitsberichterstattung auch soziale, psychische, regionale, und klimabezogene Faktoren einbezogen werden. Schließlich nützt es wenig zu wissen, dass Ungleichheiten bestehen – wenn niemand beantworten kann, worauf sie zurückzuführen sind oder was sich dagegen tun lässt. „Gesundheitsberichte sollten so gestaltet sein, dass sie auch für Nicht-Insider leicht verständlich und adressatengerecht zur Verfügung stehen“. Und die „Inhalte müssen so vermittelt werden, dass sie schnell erfasst und unmittelbar genutzt werden können. So entsteht eine Berichterstattung, die tatsächlich handlungsfähig macht.“
Klar ist auch: „Viele wirksame Maßnahmen für unsere Gesundheit liegen außerhalb des Gesundheitswesens. Ob Stadtentwicklung, Verkehrs-, Agrar-, Bildungs-, Umwelt- oder Arbeitsmarktpolitik: hier wird täglich über unsere Gesundheit ‚mitentschieden ‘“. Gesundheit müsse daher in allen Politikbereichen verankert werden, so ist es im Impulspapier zu lesen. Wäre es nicht denkbar, die Verkehrspolitik verstärkt auch an Gesundheitsziele zu koppeln? Mehr Alltagsbewegung durch Mobilitäts- und Stadtentwicklungspolitik erreichen – zum Beispiel? Mehrere Ressorts bzw. zuständige Ministerien müssten sich dazu auf messbare, gesundheitsrelevante Ergebnisse einigen und ihre Strategien aufeinander abstimmen, sagt der BKK-Dachverband. Außerdem spricht er sich für mehr „Health Impact Assessments“ aus: Das „sind Verfahren, die vor Gesetzesvorhaben prüfen, welche Auswirkungen diese auf die Gesundheit der Bevölkerung haben könnten – sowohl positive als auch negative. Dies muss als verbindliche Gesundheitsfolgenabschätzung zur Pflicht werden. Konkret: Jedes politische Vorhaben in Bildung, Wohnen, Verkehr oder Klima muss vorab zeigen, welche Gesundheitswirkungen es erzeugt und wie negative Effekte vermieden werden können.“ Anders gesagt: „Gönnt uns Politik ohne Nebenwirkungen“. Nebenbei gilt es Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung aufzubauen, sodass die Menschen von Klein auf das Wissen und die Instrumente haben, um gesundheitsförderliches Verhalten leben zu können.
Gesundes Verhalten einfach machen

Aber mal „Hand aufs Herz: Wer verändert sein Verhalten aufgrund einer Gesundheitsbroschüre? Gesundheit lässt sich selten ‚herbei lesen ‘. Aufklärung und Informationen für eine gesunde Lebensweise sind wichtig, reichen aber allein nicht aus“, wissen die Krankenkassenvertreter:innen. Die „echten Gamechanger liegen woanders: in den Lebensverhältnissen.“ An die Politik gerichtet heißt das: „Gönnt uns Machen statt Quatschen“ – und Rahmenbedingungen, mit denen „gesundes Verhalten automatisch und ohne große Willensanstrengung möglich wird.“ Wer politisch das Prinzip „Eigenverantwortung“ proklamiere, zementiere „nur die bestehende Ungleichheit“, heißt es kritisch.
Der BKK-Dachverband hat entsprechende Forderungen aufgestellt: zur Reduktion des Konsums von Tabak, Nikotin und Alkohol, zur Förderung einer gesunden und klimaschonenden Ernährung, zur Förderung von mehr Bewegung und zum Schutz der Natur und des Klimas. Steuern auf Tabak und Alkohol müssten beispielsweise „deutlich“ erhöht werden – das plant aktuell auch die Bundesregierung. Umfassende Außenraum-Rauchverbote ähnlich wie in Frankreich würden zudem vor Passivrauchen schützen. Sinnvoll wäre es, eine „planetare Ernährung als bevorzugte Ernährungsform in Kitas, Schulen, Ferienfreizeiten, Spartierheimen, Betrieben, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen“ zu etablieren; denn eine maßgeblich pflanzenbasierte Kost führt „nachweislich zur Reduktion ernährungsassoziierter Erkrankungen und trägt zur Schonung ökologischer Ressourcen bei“. Ein Win-win wäre es auch, Lebensräume so gestalten, dass Alltagswege – etwa zur Schule oder zum Einkaufen – zu „Fuß oder mit dem Rad bewältigbar sind“; das stärkt die Gesundheit und trägt gleichzeitig dazu bei, Verkehrsemissionen zu senken.
Es gibt viel zu tun. „Eine seriöse nationale Public Health Strategie überlässt Gesundheit nicht einfach dem Zufall“, resümiert der Dachverband. „Sie schafft Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben für jeden Einzelnen. Und eine Gesellschaft, die Gesundheit stärkt, stärkt auch ihre Demokratie. Sie wird widerstandsfähiger, handlungsfähiger und am Ende lebenswerter für alle.“
Weiterführender Link: BKK-Dachverband: „Gönnt uns Gesundheit“, Juli 2026
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