Die WHO und die Internationale Agentur für Krebsforschung haben eine neue Analyse veröffentlicht: Bis zu 40 Prozent aller Tumorfälle weltweit wären demnach vermeidbar. Foto: ©iStock.com/Bulgnn
Die WHO und die Internationale Agentur für Krebsforschung haben eine neue Analyse veröffentlicht: Bis zu 40 Prozent aller Tumorfälle weltweit wären demnach vermeidbar. Foto: ©iStock.com/Bulgnn

Weltweit vermeidbar: 40 Prozent aller Krebsfälle

7,1 Millionen Diagnosen pro Jahr müsste es nicht geben: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehen fast 40 Prozent aller Tumorerkrankungen weltweit auf Ursachen zurück, die sich verhindern ließen. Zahlreiche Menschen könnten vor der belastenden Diagnose „Sie haben Krebs“ bewahrt werden – vorausgesetzt, die Prävention wird gestärkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie.

Die Fakten

  • Rund 40 Prozent aller Krebserkrankungen gehen auf vermeidbare Ursachen zurück.
  • 2022 waren das 7,1 Millionen Fälle weltweit.
  • Auch in Deutschland liegt viel Präventionspotenzial brach: Auf dem Public Health Index belegt es im europäischen Vergleich den 17. Platz (von 18).
Weltweit vermeidbar: 40 Prozent aller Krebsfälle
Krebsprävention: 7,1 Millionen Diagnosen pro Jahr müsste es nicht geben. Foto:©iStock.com/Katarzyna Bialasiewicz

„Dies ist die erste globale Analyse, die zeigt, wie stark das Krebsrisiko durch Ursachen beeinflusst wird, die wir verhindern können“, sagt Dr. Ilbawi, Leiter für Krebsbekämpfung bei der WHO und Autor der Studie. Ein Wissenschaftler:innen-Team der WHO und der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) hat für die aktuelle Veröffentlichung im Fachmagazin Nature Medicine mit Daten aus 185 Ländern zu 36 Krebsarten gearbeitet. Dazu haben die Verantwortlichen 30 vermeidbare Ursachen unter die Lupe genommen – darunter Rauchen, Alkoholkonsum, Übergewicht, Luftverschmutzung sowie neun krebserregende Infektionen.

Demnach ist Tabakkonsum die weltweit führende vermeidbare Krebsursache und verantwortlich für 15 Prozent aller neuen Fälle. Es folgen Infektionen (10 %) und Alkoholkonsum (3 %). „Drei Krebsarten – Lungen-, Magen- und Gebärmutterhalskrebs – machten weltweit bei Männern und Frauen zusammen nahezu die Hälfte aller vermeidbaren Krebsfälle aus“, schreibt die WHO in einer Pressemitteilung. „Lungenkrebs war in erster Linie mit Rauchen und Luftverschmutzung verbunden, Magenkrebs überwiegend auf eine Infektion mit Helicobacter pylori zurückzuführen und Gebärmutterhalskrebs wurde überwiegend durch das humane Papillomavirus (HPV) verursacht.“

Bei Männern wären laut WHO und IARC 45 Prozent aller Erkrankungen (vor allem durch stärkere Tabakkontrolle) vermeidbar. Bei Frauen sind es 30 Prozent – bei ihnen verursachen vor allem Infektionen unnötiges Leid. Dabei gibt es etwa gegen HPV und Hepatitis B Impfungen.

Enormes Präventionspotenzial bei Krebs

Dr. Ilbawi & Dr. Isabelle Soerjomataram
Dr. Ilbawi & Dr. Isabelle Soerjomataram. Foto: Screenshot aus WHO-Pressekonferenz

„Die Bekämpfung dieser vermeidbaren Ursachen bietet eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten, die weltweite Krebsbelastung zu reduzieren“, betont IARC-Expertin Dr. Isabelle Soerjomataram als Seniorautorin der Studie.

WHO und IARC fordern daher „kontextspezifische Präventionsstrategien, darunter wirksame Maßnahmen zur Tabakkontrolle, eine Regulierung des Alkoholkonsums, Impfungen gegen krebserregende Infektionen wie HPV und Hepatitis B, eine bessere Luftqualität, sicherere Arbeitsplätze sowie gesundheitsfördernde Ernährung und Bewegung.“ Was es dazu braucht: „ein koordiniertes Vorgehen über verschiedene Sektoren hinweg – von Gesundheit und Bildung bis hin zu Energie, Verkehr und Arbeit“. Das könne „Millionen von Familien davor bewahren, mit der Belastung einer Krebsdiagnose konfrontiert zu werden.“ Hinzu kommt: „Die Reduzierung vermeidbarer Risikofaktoren senkt nicht nur die Krebsinzidenz, sondern verringert langfristig auch die Gesundheitskosten und verbessert die Gesundheit sowie das Wohlbefinden der Bevölkerung insgesamt“, heißt es in der Pressemitteilung.

Deutschland setzt zu wenig auf Prävention

In Deutschland erkranken rund 500.000 Menschen pro Jahr an Krebs. Und auch wenn die altersstandardisierten Neuerkrankungs- sowie Sterberaten in den vergangenen Jahren gesunken sind (s. RKI), gilt in der Bundesrepublik: Viel Präventionspotenzial liegt brach. Wer einen Blick in den Public Health Index von AOK-Bundesverband und Deutschem Krebsforschungszentrum wirft, muss feststellen: Deutschland belegt Platz 17. Nur die Schweiz ist noch schlechter darin, wissenschaftlich empfohlene Maßnahmen zur Förderung gesunder Lebensweisen umzusetzen.

Sechs, setzen: Deutschlands Tabakkontrollpolitik
Tabakkonsum ist die weltweit führende vermeidbare Krebsursache. Foto: ©iStock.com/Zhang Rong

Gar nicht gut ist die Bundesrepublik zum Beispiel in Sachen Tabak-Kontrolle: „Die Tabaksteuer liegt unter dem von der WHO empfohlenen Niveau, Werbung ist am Verkaufsort weiterhin erlaubt und in vielen Bundesländern bestehen Ausnahmen beim Nichtraucherschutz. Selbst in den wenigen Feldern, in denen es Fortschritte gab – etwa bei rauchfreien Umgebungen – erreicht Deutschland nur etwa die Hälfte der möglichen Punktzahl“, so der AOK-Bundesverband. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert anlässlich des diesjährigen Weltkrebstages „einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik hin zu mehr Prävention ein“ und meint damit unter anderem mehr Einsatz im Kampf gegen das Rauchen.

Immerhin: Die missliche GKV-Finanzlage hat diesbezüglich eine Diskussion entfacht. Unions- und SPD-Politiker:innen schlagen eine Erhöhung der Tabaksteuer vor. Gegenüber der BILD-Zeitung erklärte Bundesdrogenbeauftragter Hendrik Streeck: „Tabakkonsum kostet Deutschland jedes Jahr rund 131.000 Menschenleben und verursacht über 30 Milliarden Euro direkte Gesundheitskosten sowie fast 70 Milliarden Euro volkswirtschaftliche Folgekosten. Deshalb müssen wir bei Tabak als Verursacher der Kosten auch über höhere Tabaksteuern sprechen.“ Höhere Steuern seien „kein moralischer Zeigefinger, sondern eines der wirksamsten Instrumente für Gesundheitsschutz“. Denn sie würden nachweislich den Konsum senken – und somit Krankheiten verhindern und das solidarisch finanzierte Gesundheitssystem sowie die Beitragszahlenden entlasten. „Wenn wir einen Teil der Mehreinnahmen gezielt in Prävention und Rauchentwöhnung investieren, ist das ein Gewinn für alle.“

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