Schuld sind unter anderem die Schmerzrezeptoren: Weil die Lunge nur wenige hat, zeigt Krebs in diesem Organ lange keine Symptome – rund die Hälfte der Fälle wird so spät diagnostiziert, dass eine Heilung fast unmöglich ist. Hinzu kommt: Die Tumore wachsen und metastasieren schnell – besonders bei der kleinzelligen Variante – und sind besonders aggressiv. Gleichzeitig gilt, dass sich 87 Prozent der Lungenkrebsfälle bei Männern und 86 Prozent bei Frauen auf das Rauchen zurückführen lassen. Eine wirksamere Tabakkontrolle ist deshalb für die Autor:innen der Studie der stärkste Hebel, um die Sterblichkeit weiter zu senken.
Lungenkrebs: Auch bei Frauen sinkt die Sterblichkeit

Die Studiengruppe um Professor Carlo La Vecchia von der Universität Mailand veröffentlicht bereits seit 2011 Daten zur Krebssterblichkeit in den wichtigsten Ländern Europas (und UK). Für das Jahr 2026 hat sie sich auf Lungenkrebs fokussiert. Die aktuelle Prognose rechnet bei den Männern mit 22,9 Todesfällen pro 100.000 Menschen, bei den Frauen sind es 12,5 – das entspricht bei den Männern eine Reduktion um fast 23 Prozent, bei den Frauen um rund fünf Prozent zum Vergleichszeitraum (2020-2022). Damit bleibt Lungenkrebs für Männer die tödlichste Krebsart. Bei den Frauen liegt die Sterblichkeit fast gleichauf mit Brustkrebs.
Für Deutschland weichen die Daten nur leicht ab: Bei den Männern werden es 20 Tote auf 100.000 sein; ein Rückgang um fast ein Viertel. Für Frauen liegt die prognostizierte Sterberate bei 14 (- 7 %). Der Unterschied zwischen den Geschlechtern erklärt sich damit, dass Männer früher als die Frauen mit dem Rauchen begonnen, aber auch früher begonnen haben, damit aufzuhören. All diese Zahlen sind altersbereinigt. Das bedeutet, dass Faktoren, die die Werte durch das Alter verzerren würden, herausgerechnet sind.
Lungenkrebs: Mehr Prävention, mehr Tabakkontrolle

Die Zahl der Lungenkrebsfälle herunterzuschrauben, wäre auch eine sinnvolle gesamtwirtschaftliche Investition. Die Krankheit gilt nicht nur als besonders tödlich, sondern auch als besonders teuer. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- Viele Betroffene sind noch im Erwerbsalter.
- Die hohe Sterblichkeit zieht große Produktivitätsverluste nach sich.
- Die oft späte Diagnose erfordert eine intensive Behandlung.
Allein für Deutschland sind es bis zu 10 Milliarden Euro direkter und indirekter Kosten, die für die Behandlung der Krankheit und ihrer Folgen für Arbeitsmarkt und Sozialsystem entstehen. Deshalb müsste Deutschland vermehrt die Weichen in Richtung Prävention und Früherkennung stellen. In diesen Bereichen ist der Nachholbedarf allerdings groß, wie der Public Health Index von AOK-Bundesverband und Deutschem Krebsforschungszentrum zeigt. Die hiesige Präventionspolitik im europäischen Vergleich? Mehr als ein „Sechs, setzen“ ist nicht drin. Die Initiative „Vision Zero in der Onkologie“ hat erst vor kurzem einen Zehn-Punkte-Plan für eine bessere Bekämpfung des Lungenkarzinoms in Deutschland vorgelegt. Ihn umzusetzen würde mittelfristig viele tausende Menschenleben retten – und sehr viel Geld sparen.
Arzneimittel: Immer gezielter, immer besser

Lungenkrebsmedikamente haben in den vergangenen Jahren die Art und Weise verändert, wie die Krankheit behandelt wird. Die Immuntherapie mit ihren so genannten Checkpoint-Inhibitoren löst die Bremsen im Körper, damit das Immunsystem mit Krebszellen gezielt aufräumen kann, die es bisher übersehen hat. Die zielgerichteten Therapien wirken auf bestimmte genetische Mutationen, die als Treiber für Tumoren identifiziert sind. Das bedeutet: Die Krebszellen verlieren ihr Wachstumssignal. Oft werden die beiden Ansätze auch miteinander kombiniert, um den bösartigen Zellen mögliche „Fluchtwege“ zu verbauen. Seitdem ist vieles anders: Statt einen „blinden“ Angriff auf den Körper (wie die klassische Chemotherapie) geht die moderne Medizin immer häufiger gezielt vor. Statt das Immunsystem zu schwächen, nutzt sie seine Power – und kann so längere Überlebenszeiten, oft weniger Nebenwirkungen und dadurch mehr Lebensqualität erreichen. In Deutschland leben Menschen mit metastasiertem Lungenkrebs seit mehr als zehn Jahren – mithilfe solcher Arzneimittelinnovationen. Vor der Jahrtausendwende? Unmöglich. Erst seit der Einführung der ersten zielgerichteten Therapie (2003) und der ersten Immuntherapie (2015) gibt es Medikamente, die nicht auf einer unspezifischen Zellgift-Therapie beruhen.
Alle Krebsarten: Gesamtsterblichkeit sinkt, Zahl der Toten steigt
Zurück zur Studie aus Mailand: Auch auf alle Krebsarten bezogen, wird die Sterblichkeit altersbereinigt in diesem Jahr weiter zurückgehen. Bei Männern sagen die Forschenden 114,1 Fälle auf 100.000 voraus – gegenüber den Jahren 2020 bis 2022 ist das ein Minus von 7,8 Prozent. Unter den Frauen sterben 74,7 auf 100.000, ein Rückgang von 5,9 Prozent. Gleichzeitig wird die absolute Zahl der Todesfälle ansteigen. In der EU rechnet das Team mit einem Anstieg auf 684.600 bei den Männern und 544.900 bei den Frauen, ein Plus von 2,7 bzw. 1,9 Prozent respektive. Das liegt vor allem an der älter werdenden Gesellschaft.
Link:
Annals of Oncology: European cancer mortality predictions for the year 2026: the levelling of female lung cancer mortality.
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