Wo stehen wir im Kampf gegen Krebs? Ein Gespräch mit dem Wissenschaftler Professor Christof von Kalle.
Wo stehen wir im Kampf gegen Krebs? Ein Gespräch mit dem Wissenschaftler Professor Christof von Kalle.

Weltkrebstag: Die Null als Leitmotiv in der Krebsmedizin

Der Weltkrebstag wird seit 26 Jahren am 4. Februar begangen – mit dem Ziel, Prävention, Früherkennung, Behandlung und Nachsorge von Tumorerkrankungen zu verbessern. Wo stehen wir im Kampf gegen Krebs? Dazu haben wir mit Professor Christof von Kalle gesprochen. Er ist einer der führenden Köpfe in der deutschen und europäischen Onkologie. Sein Wirken hat maßgeblich dazu beigetragen, dass moderne Krebstherapien heute zielgerichteter, effektiver und stärker auf die individuellen Bedürfnisse der Patient:innen abgestimmt sind.

Die Fakten

  • Rund 500.000 Krebsneudiagnosen in Deutschland im Jahr
  • 40 Prozent davon ließen sich durch Primärprävention vermeiden
  • 230.000 bis 240.000 Menschen sterben an den Folgen von Krebs
  • In den vergangenen 20 Jahren sind 282 neu entwickelte Krebsmedikamente in die Versorgung gekommen, weltweit laufen über 2.000 klinische Studien zur Entwicklung neuer Arzneimittel
Professor Christof von Kalle ist Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften am Berlin Institute of Health (BIH) an der Charité in Berlin, wo er die translationale klinische Forschung, Digitalisierung und Patientenbeteiligung vorantreibt. Außerdem ist er Direktor des Luxembourg Center for Translational Research (LCTR) und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Initiative Vision Zero in der Onkologie, die das Ziel hat, jeden vermeidbaren Krebsfall zu verhindern.
 
Professor von Kalle, wo stehen wir heute in Sachen Krebsbekämpfung?
 
Prof. Dr. Christof von Kalle vom Berlin Institute of Health an der Charité
Prof. Dr. Christof von Kalle, Charité. Foto: BIH/Stefan Zeitz
Professor Christof von Kalle: Wir haben zwei Seiten zu betrachten: Auf der einen Seite waren wir noch nie so erfolgreich, Tumorerkrankungen früh zu erkennen und erfolgreich zu behandeln. Das wachsende Wissen über die Biologie von Krebszellen, moderne Technologien wie bildgebende Verfahren und molekulare Testung, innovative Arzneimittel – das alles sorgt dafür, dass Menschen mit Krebs länger und besser leben können. Die altersangepasste Sterblichkeit sinkt. Das ist schon ein großer Erfolg.
 
Jetzt kommt das „aber“, oder?
 
Von Kalle: Wir sind nach wie vor mit einer stetig steigenden Zahl von Krebserkrankungen konfrontiert. Als wir 2019 den gemeinnützigen Verein Vision Zero gegründet haben, hatten wir 500.000 Krebsneuerkrankungen pro Jahr zu verzeichnen und das, obwohl bei Prävention, Präzisionsdiagnostik und innovativen Therapiekonzepten bereits viel erreicht worden war. Leider nicht genug, denn immer noch sterben jeden Tag rund 600 Menschen an Krebs, eine Viertelmillion Menschen pro Jahr, was der Einwohnerzahl von deutschen Großstädten wie Freiburg oder Augsburg entspricht. Das ist eine Katastrophe, die wir uns nicht länger leisten dürfen.
 
Dem setzen Sie eine Vision Zero entgegen – eine Art evidenzbasierte Sicherheitsideologie, mit der es etwa gelungen ist, Todesfälle in Verkehrssystemen drastisch zu reduzieren…
 
Von Kalle: Wir setzen uns für eine Vision Zero als Leitmotiv in der Krebsmedizin ein – eben, weil das Konzept in anderen Lebensbereichen längst erfolgreich etabliert ist. Dabei wird klug in passive und aktive Sicherheit, also in Prävention und in systematische statt zufällige Verbesserungen investiert. Das funktioniert, wie etwas in Helsinki oder Bologna, die im vergangenen Jahr keinen einzigen Verkehrstoten mehr zu verzeichnen hatten, und ist ein Erfolg. Dieser Erfolg beruht auf einem sinnvollen Bündel aus Maßnahmen wie Tempo 30 innerstädtisch, breiten Radfahrwegen und intelligenter Verkehrsraumgestaltung – immer basierend darauf, dass wir keinen einzigen Verkehrstoten zu akzeptieren bereit sind.
 
Kritiker sagen: Das ist eine Vision, die unrealistisch ist…
 
Von Kalle: Ein Vision Zero-Konzept ist kein Traum, sondern schlicht eine Frage der Prioritäten: Wenn der Schutz des „schwächsten“ Verkehrsteilnehmers zum Maßstab wird, können durch kluge Planung und klare Strategien Leben gerettet werden. Übertragen auf die Krebsmedizin heißt das: Es braucht Mut, klare Entscheidungen und den festen Willen, Patientinnen und Patienten bei allen wichtigen Entscheidungen in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen sowie gemeinsam Prävention neu zu denken.
 
Um Ihr Ziel zu erreichen, müsste massiv in Prävention investiert werden, oder?
 
Von Kalle: Natürlich. Aber auch das ist keine Raketenwissenschaft. Schauen Sie nach Bayern. Dort gibt es seit vergangenem Jahr einen Masterplan Prävention, der wichtige Elemente enthält, die wir jetzt brauchen, um die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung nachhaltig zu fördern: angefangen bei gesunder Ernährung an den Schulen über mehr kostenlose Sportmöglichkeiten bis zu landesweiten Präventionskonferenzen. 
 
Krankheitsvermeidung ist bei Krebs ein wichtiger Hebel: 40 Prozent der Neuerkrankungen ließen sich allein durch Primärprävention vermeiden. Lassen Sie uns mal rechnen: Ausgehend von den rund 500.000 erwähnten neuen Fällen pro Jahr, wären das 200.000 Menschen in Deutschland, denen wir nicht mitteilen müssten, dass sie Krebs haben.
 
Vision Zero setzt sich zudem für eine starken Gesundheitsstandort ein. Warum?
 
Von Kalle: Was wir in Deutschland dringend brauchen, ist eine aktive, intelligente Industriepolitik, die Prioritäten setzt und eine echte Willkommenskultur für Innovationen in Deutschland beinhaltet. Diese Industriepolitik muss entlang der gesamten Wertschöpfungskette gedacht werden. Unser Ziel muss Exzellenz in Schlüsseltechnologien wie der Gesundheitswirtschaft sein. Wir brauchen mehr Mut, internationale Wettbewerbsfähigkeit, Zukunftsfähigkeit und nationale Souveränität für Deutschland, zumal in der Gesundheitswirtschaft inzwischen mehr als 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet wird und jeder fünfte Beschäftigte im Bereich Medizin, Gesundheit, Pharma und MedTech arbeitet. Das ist übrigens nicht nur eine Frage der Wirtschaft, sondern gerade der Gesundheit.
 
Am 4. Februar ist Welt-Krebs-Tag
Am 4. Februar ist Welt-Krebs-Tag. Foto: ©iStock.com/Chinnapong
Inwiefern?
 
Von Kalle: Jede klinische Studie, die wir hierzulande nicht durchführen, weil andere Länder in der Rekrutierung und Auswertung schneller sind, bedeutet für Menschen, denen die Therapieoptionen ausgehen, unnötiges Leiden und ggf. früher Tod. Denn sie müssen in diesem Fall darauf warten, bis eine Arzneimittelinnovation zugelassen ist – und das kann Jahre dauern. Mit klinischen Studien holen wir uns medizinischen Fortschritt viel früher ins Land – und damit Lebensperspektiven für schwerkranke Menschen. Das gilt insbesondere für die Krebsmedizin, weil hier der pharmakologische Fortschritt so schnell ist, dass der Begriff „rasant“ eigentlich zu schwach ist, um ihn zu beschreiben. 
 
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