Die gesundheitspolitische Aufgabe des 20. Jahrhunderts war es, das Leben zu verlängern. Die Aufgabe des 21. Jahrhunderts ist es, die zusätzliche Lebenszeit zu gesunder Lebenszeit zu machen. Ein Kraftakt. Foto: ©iStock.com/standret
Die gesundheitspolitische Aufgabe des 20. Jahrhunderts war es, das Leben zu verlängern. Die Aufgabe des 21. Jahrhunderts ist es, die zusätzliche Lebenszeit zu gesunder Lebenszeit zu machen. Ein Kraftakt. Foto: ©iStock.com/standret

Gesucht: Mehr gesunde Lebensjahre

Die große gesundheitspolitische Aufgabe des 20. Jahrhunderts war es, das Leben zu verlängern. Die Aufgabe des 21. Jahrhunderts ist es, die zusätzliche Lebenszeit zu gesunder Lebenszeit zu machen. Doch eine Studie, veröffentlicht im Fachblatt The Lancet Public Health, zeigt: Die Gesundheit der Menschen hält mit der gewonnenen Lebenszeit nicht Schritt. Die so genannte Morbiditätslücke, also die Zeit zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenszeit, ist gewachsen – auch in Deutschland. Es braucht einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitspolitik.

Die Fakten

  • Von 1990 bis 2023 stieg die weltweite Lebenserwartung von 64,6 auf 73,8 Jahre (+ 9,2 Jahre).
  • Die gesunde Lebenserwartung nahm im gleichen Zeitraum jedoch nur um 7,2 Jahre von 55,9 auf 63,1 Jahre zu; die durchschnittliche Morbiditätslücke erhöhte sich von 8,8 auf 10,7 Jahre beziehungsweise um 21,9 Prozent.
  • Auch in Deutschland ist die Lücke größer geworden; sie stieg von 10,1 (1990) auf 11,9 (2023) Jahre.
Zunächst einmal sind es zwei gute Nachrichten in einer: Die Lebenserwartung weltweit steigt – und die Zeit, die Menschen in guter Gesundheit verbringen, auch. Aber: Die gesunde Lebenserwartung steigt nicht im gleichen Maße, wie die Lebenszeit. Das aber hat unzählige Folgen: Die Betroffenen leiden. Und: Angesichts der Alterung wird dieser Fakt zusätzlich zu einer sozial- und wirtschaftspolitischen Größe. Denn jedes zusätzliche Jahr in guter Gesundheit bedeutet länger selbstständig zu leben, später pflegebedürftig werden (und Angehörige zu entlasten), länger erwerbsfähig oder gesellschaftlich aktiv bleiben, weniger Krankenhaus- und Rehabilitationsbedarf und höhere Lebensqualität. Jedes zusätzliche Jahr in guter Gesundheit bedeutet weniger Ausgaben für Krankheit, für Sozialsysteme, bedeutet, dass die Volkwirtschaft gestärkt wird.
 
Gesucht: Mehr gesunde Lebensjahre
In Forschung zu investieren spart Geld. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff
If you think research is expensive, try disease!” – diesen Spruch prägte die US-Gesundheitsaktivistin Mary Lasker; sie wollte damit mehr öffentliche Mittel für medizinische Forschung aktivieren: Wenn Du glaubst, dass Forschung teuer ist, versuch es mal mit Krankheit. Das Credo lässt sich übertragen: Denn in Gesundheit zu investieren, kostet erstmal Geld. Aber eine wachsende Krankheitslast der Bevölkerung kostet den Staat mehr. Wieviel? Das weiß niemand genau. Denn die Jahre in Krankheit stehen in keiner einzelnen Bilanz. Bezahlt werden sie trotzdem – mit Gesundheitsausgaben, Arbeitskraft, Pflegezeit, Selbstständigkeit und Lebensqualität. Mit sinkender Produktivität, weniger volkswirtschaftlicher Ertragskraft, höheren Sozialausgaben. Krankheiten bremsen Menschen aus – und ganze Volkswirtschaften. Um eine Idee für die Dimensionen zu bekommen, ein paar Zahlen:
 

Gesundheit muss zum eigentlichen Investitionsziel werden

Jedes zusätzliche gesunde Lebensjahr ist deshalb nicht nur ein Gewinn für den Einzelnen. Es entscheidet mit darüber, ob eine alternde Gesellschaft Krankheits- und Pflegekosten in der Größenordnung von mehreren 100 Milliarden Euro pro Jahr schultern muss. Deshalb braucht es in der Gesundheitspolitik dringend einen Paradigmenwechsel: Wenn Krankheit der eigentliche Kostenfaktor ist, muss Gesundheit zum Investitionsziel werden – weg von einer Politik, die Gesundheitsausgaben vor allem als Kosten betrachtet, hin zu einer Politik, die in gesunde Lebensjahre investiert.
 
Noch ist die Menschheit weit davon entfernt. Forschende des Institute for Health Metrics an der Universität in Washington konnten mit einer Studie zeigen, 
  • dass wir länger leben – aber die gesunde Lebenszeit nicht Schritt hält. Die durchschnittliche Morbiditätslücke stieg von 8,8 auf 10,7 Jahre – ein Plus von knapp zwei Jahren;
  • dass die erhoffte „Kompression der Morbidität“ bislang kaum stattfindet. Sie bezeichnet die Annahme, dass Menschen nicht nur länger leben, sondern den Beginn von Krankheit stärker hinauszögern als den Tod. Die Studie zeigt außerdem, dass die gesundheitlichen Beeinträchtigungen sich nicht lediglich auf eine kurze Phase unmittelbar vor dem Tod manifestieren, sondern sich über das gesamte Erwachsenenleben ausweiten;
  • dass Frauen länger leben, aber auch mehr Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen verbringen: 2023 lag die weltweite Morbiditätslücke bei Frauen bei 12,1 Jahren, bei Männern bei 9,3 Jahren. Es ist ein so genanntes Gender Health Paradox;
  • dass vor allem chronische, nicht unmittelbar tödliche Erkrankungen die wesentlichen Treiber für die Morbiditätslücke sind. Fast 60 Prozent der in beeinträchtigter Gesundheit verbrachten Jahre werden von Muskel-Skelett-Erkrankungen – besonders Rückenschmerzen –, psychischen Erkrankungen, Hör- und Sehbeeinträchtigungen, unbeabsichtigte Verletzungen wie Stürze sowie weitere nichtübertragbare Erkrankungen verursacht. Wichtige beeinflussbare Risikofaktoren sind unter anderem erhöhter Blutzucker, Übergewicht und Tabakkonsum.
Deutschland lag 2023 bei einer geschätzten Morbiditätslücke von rund 11,9 Jahren im westeuropäischen Mittelfeld: Italien (11,8), Spanien (12,1), Frankreich (12,5), Großbritannien (12,7) und die Niederlande mit 12,9 Jahren kommen auf ähnliche Werte. Deutschland ist also kein Ausreißer – teilt aber das strukturelle Problem vieler wohlhabender europäischer Länder: Die Erfolge bei der Lebensverlängerung werden nicht vollständig in zusätzliche gesunde Lebenszeit übersetzt.
 

Lebenserwartung: Good News mit großem Aber 

Lebenserwartung: Good News mit großem Aber
Die Lebenserwartung steigt, die Morbiditätslücke wird größer. Foto: CC0 (Stencil)
Seit 1990 haben die Menschen in Deutschland also rund 5,3 Lebensjahre gewonnen, aber nur etwa 3,5 gesunde Lebensjahre. Hier liegt für eine neu austarierte Gesundheitspolitik mit strategischem Weitblick eine Riesenchance. Denn unser Land gibt bereits viel Geld für Gesundheit aus, wie man bei der OECD nachlesen kann: 12,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beziehungsweise kaufkraftbereinigt 9.365 US-Dollar pro Kopf, gegenüber 9,3 Prozent und 5.967 US-Dollar im OECD-Durchschnitt. Es gibt beispielsweise 810 vermeidbare Krankenhausaufnahmen je 100.000 Einwohner:innen, gegenüber 473 im OECD-Mittel. Deutschland gibt also nicht zu wenig aus – es übersetzt seinen hohen Ressourceneinsatz nur nicht immer effizient genug in bessere gesundheitliche Ergebnisse. Verschärfend kommt hinzu, dass bereits 2035 – also in neun Jahren –jede vierte Person hierzulande mindestens 67 Jahre alt sein wird und bis 2050 die Zahl der über 80-Jährigen von 6,1 Millionen (2024) auf bis zu 9,8 Millionen zunehmen dürfte. Die Demografie lässt die absolute Krankheitslast steigen – und wird das Gesundheitssystem zusätzlich belasten. Da gleichzeitig die Zahl der Erwerbstätigen sinkt, braucht niemand einen Rechenschieber, um zu erahnen, wo das hinführt.
 
Gesundheitspolitisch erfolgreiche Politik muss sich deshalb nicht nur an Lebenserwartung, Sterblichkeit, Fallzahlen und Beitragssätzen messen lassen. Vielmehr braucht es zusätzliche, mit konkreten Zielen hinterlegte Indikatoren wie gesunde Lebenserwartung, Jahre ohne schwere Einschränkungen, Erhalt von Mobilität und Selbstständigkeit, vermiedene Pflegebedürftigkeit oder psychische Gesundheit. Nicht allein länger leben, sondern länger gesund, selbstständig und teilhabefähig leben – das müsste zum zentralen Outcome werden.
 

Innovationen als Investition in eine bessere öffentliche Gesundheit

Innovationen als Investition in eine bessere öffentliche Gesundheit
Gesucht: Gesundheitspolitik, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt. Foto: ©iStock.com/SeventyFour
Dieser Ansatz muss zu Ende gedacht werden: Gerade bei der Finanzierung von Innovationen bei Arzneimitteln, Medizinprodukten und digitalen Interventionen müsste künftig stärker gefragt werden:
 
  • Verhindert die Innovation Krankheit und Behinderung?
  • Bleiben Menschen länger mobil und selbstständig?
  • Verringert die Innovation Schübe, Schmerzen oder Erschöpfung, verhindert sie Pflegebedürftigkeit?
  • Entlastet sie Angehörige und erreicht sie die Patient:innen, die besonders profitieren?
Erst dann wird aus einer Gesundheitspolitik nach Kassenperspektive (bzw. Beitragssätzen) eine, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt und fragt, wie sehr eine medizinische Intervention die Pflege- und Rentenversicherung, Arbeitgeber, Angehörige oder öffentliche Haushalte entlasten kann; sprich: eine Investition ist. Eine ausschließlich einnahmenorientierte Ausgabenpolitik, wie sie jetzt in Form des Beitragssatzstabilisierungsgesetzes umgesetzt wurde, kann das nicht leisten und schadet dem Land sogar.
 
Das dürfte die Kernfrage sein: Setzt die Gesundheitspolitik weiter auf kurzfristige Budgetwirkung oder wird sie eine gesamtgesellschaftliche Gesundheitsbilanz erstellen?
 
Link: Lancet – Global Health 2026: Global, regional, and national trends in the morbidity gap and contributing diseases, injuries, and risk factors, 1990–2023: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2023.

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