56 Prozent der Menschen in Europa haben Übergewicht oder leben mit Adipositas – darunter rund jedes dritte Kind. Eine aktuelle Analyse des Office of Health Economics (OHE) im Auftrag des Pharmaverbands EFPIA macht nun deutlich, wie groß die gesundheitliche und wirtschaftliche Krankheitslast tatsächlich ist. Untersucht wurden Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, Irland, Griechenland, Rumänien und das Vereinigte Königreich. Demnach stehen in den acht Ländern jährlich rund 278.000 Todesfälle mit einem erhöhten Body-Mass-Index (BMI) in Verbindung. Hinzu kommen fast acht Millionen sogenannte DALYs – „Disability-adjusted life years“. Sie bilden sowohl durch vorzeitigen Tod verlorene Lebensjahre ab als auch Lebenszeit, die Menschen aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht bei voller Gesundheit verbringen. Denn ein erhöhter BMI ist mit zahlreichen nichtübertragbaren Erkrankungen assoziiert – und zum Beispiel mit fast 60 Prozent aller durch Typ-2-Diabetes verursachten DALYs.
Die Auswirkungen reichen weit über die Gesundheit hinaus. Die wirtschaftliche Last eines erhöhten BMI beträgt in den untersuchten Ländern zwischen 0,6 Prozent und 1,4 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts. Die Bundesrepublik kommt im Ländervergleich absolut gesehen auf die höchsten Kosten: Es sind geschätzte 55,2 Milliarden Euro jährlich. Oder: 662 Euro pro Kopf (s. Grafik). Etwa die Hälfte (55 %) davon geht auf direkte Kosten zurück – das sind vor allem Ausgaben, die durch Folge- und Begleiterkrankungen verursacht werden. Die andere Hälfte (45 %) umfasst die indirekten Kosten: Sie entstehen zum Beispiel, wenn Menschen aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen weniger oder gar nicht am Erwerbsleben teilnehmen können oder Angehörige Zeit für ihre Betreuung aufbringen. In Deutschland machen Fehlzeiten am Arbeitsplatz mit 8,7 Milliarden Euro hierbei den größten Posten aus.
Gesundheit als Wirtschaftsthema

Darin liegt eine zentrale Botschaft der OHE-Analyse: Erkrankungen verursachen nicht erst dann Kosten, wenn Patient:innen zu ihren Ärzt:innen gehen. Können Menschen krankheitsbedingt nicht arbeiten, müssen sie ihre Erwerbstätigkeit komplett aufgeben oder sind sie weniger leistungsfähig, dann hat das wirtschaftliche Folgen. Gleiches gilt, wenn Angehörige Zeit für Betreuung und Pflege aufbringen.
Das OHE fordert deshalb, Adipositas – bei Erwachsenen definiert als BMI ab 30 kg/m² – nicht nur gesundheits-, sondern auch wirtschaftspolitisch zu einer Priorität zu machen. Dazu gehört unter anderem, Adipositas als chronische Erkrankung anzuerkennen, Stigmatisierung abzubauen und den Zugang zu kontinuierlicher Versorgung von Prävention bis Behandlung zu verbessern. Zudem brauche es mehr Evidenz dazu, welchen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen Maßnahmen gegen diese Erkrankung haben – etwa mit Blick auf Produktivität, Erwerbsbeteiligung und Sozialausgaben.
Für Nathalie Moll, Generaldirektorin des europäischen Pharmaverbands EFPIA, ist klar: „Adipositas zu bekämpfen ist entscheidend, um die Gesundheit und das Wohlergehen der Menschen zu schützen, unsere europäischen Gesundheitssysteme abzusichern und nachhaltiges Wachstum in Europa zu gewährleisten.“ Sie fordert in diesem Sinne ein „Umdenken bei Wahrnehmung, Prävention, Diagnose und Behandlung“. Welches wirtschaftliches Potenzial dahintersteht, zeigt noch einmal der Blick auf Deutschland: Die durch einen erhöhten BMI verursachten Kosten entsprechen rund 1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (Stand: 2024).
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Herz-Kreislauf: Warum Europa Prävention neu denken muss
„In Europa kennt fast jeder einen Menschen, der von einem Herzleiden, einem Schlaganfall, Diabetes, Adipositas oder Bluthochdruck betroffen ist“, heißt es seitens des Pharmaverbands EFPIA. 1,7 Millionen EU-Bürger:innen sterben jedes Jahr an den Folgen von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Eine Analyse der Beratungsgesellschaft PwC zeigt: Gesundheitschecks zur Prävention und Früherkennung könnten dazu beitragen, die gesundheitlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen zu verringern. Die Zeit drängt.

Adipositas in Deutschland: Eine „XXL-Versorgungslücke“
Ein Plus von 62 Prozent in den vergangenen 20 Jahren: Immer mehr Menschen in der Bundesrepublik leben mit Adipositas. Ginge es um andere Themen – wie Arbeitslosigkeit – würde man längst von einer nationalen Krise sprechen, sagte Dr. Malina Müller vom Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR auf einem Symposium des forschenden Pharmaunternehmens Lilly Deutschland. Mit Blick auf Adipositas ist noch immer das Gegenteil der Fall: Die Erkrankung bleibt unterschätzt und die Patient:innen sind unterversorgt. Das wird sich die Politik auf Dauer nicht leisten können. In Berlin sprachen Expert:innen darüber.

Adipositas ganzheitlich denken: Das ist „wirklich notwendig“
Bei einer chronischen Erkrankung wie Rheuma oder Asthma ist allen klar: Die Patient:innen brauchen eine gute, umfassende Behandlung. Warum ist das bei Adipositas anders? Vorurteile, fragwürdige Ratschläge und Stigmatisierung verhindern bis heute, dass Betroffene die medizinische Versorgung erhalten, die sie brauchen. Dabei ist die Vorstellung von Adipositas als reines Lifestyle-Problem wissenschaftlich gesehen längst überholt. Darüber sprachen mehrere Fachleute auf der F.A.Z. Konferenz Gesundheit & Ernährung 2026.
