Auf einem Symposium von Lilly Deutschland auf dem Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit sprachen Fachleute darüber, warum Deutschland Adipositas systematischer managen sollte.
Adipositas in Deutschland: Eine „XXL-Versorgungslücke“
Ein Plus von 62 Prozent in den vergangenen 20 Jahren: Immer mehr Menschen in der Bundesrepublik leben mit Adipositas. Ginge es um andere Themen – wie Arbeitslosigkeit – würde man längst von einer nationalen Krise sprechen, sagte Dr. Malina Müller vom Wirtschaftsforschungsinstitut WifOR auf einem Symposium des forschenden Pharmaunternehmens Lilly Deutschland. Mit Blick auf Adipositas ist noch immer das Gegenteil der Fall: Die Erkrankung bleibt unterschätzt und die Patient:innen sind unterversorgt. Das wird sich die Politik auf Dauer nicht leisten können. In Berlin sprachen Expert:innen darüber.
20 bis 25 Prozent der Erwachsenen in Deutschland leben mit Adipositas. Die Prävalenz ist in den vergangenen 20 Jahren um 62 Prozent gestiegen.
Die direkten Kosten durch Adipositas und Folgeerkrankungen belaufen sich auf 29,4 Milliarden Euro pro Jahr. Hinzu kommen indirekte Kosten (33,4 Mrd. €, z. B. Produktivitätsverluste) und intangible Kosten (18,4 Mrd. €, z. B. weniger Lebensqualität).
Die Vermeidung von Übergewicht und Adipositas könnte das deutsche Bruttoinlandsprodukt bis 2050 um 180 Milliarden Euro pro Jahr steigern.
Diskussionen im Gesundheitssystem drehen sich meist vor allem um eins: Wo lassen sich Kosten minimieren, wo Geld sparen? „Was wir dabei jedoch vergessen: Gesundheit ist die Basis für Wohlstand, Wachstum und Innovation“, sagte Dr. Malina Müller, Head of Health Economics beim WifOR Institut. Gerade bei Adipositas gilt: Die Erkrankung betrifft nicht nur einzelne Menschen, „sondern die Gesundheitssysteme, die Sozialversicherungssysteme, den Arbeitsmarkt und somit auch die Zukunft der Volkswirtschaft in Deutschland.“ Wenn es mit Blick auf die medikamentöse Therapie vor allem um „vermeintlich zu erwartende Kostenexplosionen in der GKV“ geht, würden die „gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen der Folgeerkrankungen kurz- und langfristig vernachlässigt“, kritisierte sie. Sie plädierte für einen Perspektivwechsel; die Frage müsste lauten: „Können wir es uns leisten, nichts zu tun?“ Dr. Müller hatte dazu einige Fakten:
„Die direkten Kosten der Adipositas belaufen sich auf etwa 29,4 Milliarden Euro pro Jahr“, so Müller. Verantwortlich sind „erhöhte Risiken für kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs, Depressionen, Arthrose, Schlafapnoe – und vieles mehr.“
Hinzu kommen indirekte Kosten, die der Wirtschaft u. a. durch Krankheitstage oder Erwerbsminderung entstehen. Sie liegen bei 33,7 Milliarden Euro pro Jahr. „Können wir es uns leisten, diesen Produktivitätsausfall vor dem Hintergrund unseres stagnierenden Wachstums unbehandelt zu lassen?“, fragte Müller. 33,7 Milliarden Euro: Das entspreche circa 315.000 Erwerbstätigen. Das ist, als ob eine Stadt wie Nürnberg ein Jahr lang nicht arbeiten gehen würde, sagte sie.
Durch Übergewicht und Adipositas gehen fast 370.000 qualitätsadjustierte Lebensjahre (QALYs) pro Jahr verloren. „Eine Stadt wie Bochum verliert ein Jahr lang die komplette Lebensqualität“, erläuterte Müller beispielhaft. Der monetäre Gegenwert: 18,4 Milliarden Euro.
Andersherum gilt: Die Vermeidung von Übergewicht und Adipositas könnte das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) bis 2050 um 180 Milliarden Euro pro Jahr steigern – durch höhere Produktivität, weniger Arbeitsausfälle, Entlastung der Sozialsysteme und stärkeres volkswirtschaftliches Wachstum.
Adipositas: Medikamente nicht erstattungsfähig
Prof. Dr. Matthias Laudes & Dr. Alexander Horn
Aus Sicht von Dr. Alexander Horn, Geschäftsführer bei der Lilly Deutschland GmbH, ist „schwer zu verstehen, dass Adipositas derzeit die einzige chronische Erkrankung in Deutschland ist, bei der die Therapie nicht erstattungsfähig ist.“ Der Grund ist eine Regelung im Paragraf 34 des Fünften Buchs im Sozialgesetzbuch: Dort ist festgelegt, dass unter anderem Arzneimittel zur Gewichtsreduktion oder Appetitzügelung von den GKV-Leistungen ausgeschlossen sind. Das sei „nicht nur ungerecht den Patienten und Patientinnen gegenüber“, sondern „gesundheitspolitisch gesehen auch extrem kurzsichtig“. Denn eine konsequente Adipositas-Therapie sei ein präventives Instrument, „um dem System mittel- bis langfristig Geld zu sparen.“ Dr. Müller bestätigte: „Die Frage ist nicht, ob wir zahlen, sondern wofür.“ Für „Prävention und frühe, effektive Adipositas-Therapie oder für enorm teure und vermeidbare Folgeerkrankungen?“, ergänzte Horn.
Übrigens: In Frankreich war die Situation bis vor Kurzem ähnlich wie in Deutschland. Medikamente zur Adipositas-Therapie konnten per Gesetz nicht erstattet werden; vor drei Wochen hat das Land diese Regelung abgeschafft. Michael Wirtz, Vorsitzender bei AdipositasHilfe Deutschland e.V., sprach sich ebenfalls für „eine Lockerung des Paragrafen 34“ aus; gleichzeitig brauche es „verbindliche Regeln für dein Einsatz der medikamentösen Therapie“. Er denkt, dass der Druck auf die Politik irgendwann groß genug wird, dass die Bundesrepublik nachzieht. „Ich warte nur darauf, dass irgendwann eine große Klage bei einem großen Gericht aufschlägt.“
Adipositas multimodal behandeln
Dr. Tanja Machalet, SPD-Fraktion
Das Gesundheitssystem, die Politik: Sie hinken dem medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritt hinterher, bremsen ihn gar aus. Längst ist bekannt, dass Adipositas eine chronische, multifaktorielle Erkrankung ist, bei der auch genetische Faktoren eine Rolle spielen – und die in der Regel eine multimodale Behandlung notwendig macht. „Auf dem Papier haben wir eigentlich alles, was wir brauchen“, so Wirtz: von Präventionsangeboten, über konservative, medikamentöse und chirurgische Therapie bis hin zu einem seit 2023 beschlossenen Disease-Management-Programm (DMP). Doch die Realität sieht anders aus. Wer gesetzlich versichert ist, muss die Kosten für eine medikamentöse Adipositas-Therapie derzeit in aller Regel selbst tragen; die Menschen auf dem Land leiden unter Versorgungslücken; hinzu kommen Stigmatisierung und Falschinformationen rund um Adipositas; und das DMP, das als strukturiertes Behandlungsprogramm für chronisch kranke Menschen die Versorgung koordinieren und die Behandlungsabläufe standardisieren soll, kommt „nicht in die Spur“. Die Patient:innen würden zum „Spielball“ im Gesundheitssystem, kritisierte Wirtz.
Uwe Deh, Vorstandsvorsitzender bei der IKK gesund plus
Immerhin: Prof. Dr. Matthias Laudes, Präsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und Facharzt beim Uniklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) am Campus Kiel, hat Hoffnung, was das DMP angeht. „Der Stein rollt und es wird kommen, das steht außer Frage.“ Auch von Krankenkassenseite kam Zuspruch. Uwe Deh, Vorstandsvorsitzender bei der IKK gesund plus, outete sich als „echter DMP-Fan“. Darüber hinaus plant die Bundesregierung, ab 2028 eine Abgabe auf zuckergesüßte Getränke einzuführen. „Wenn wir damit dafür sorgen, dass der Zuckeranteil in Getränken reduziert wird, dann ist das auch positiv für das Thema Adipositas“, findet Dr. Tanja Machalet, SPD-Fraktion und Ausschuss für Gesundheit im Deutschen Bundestag. Außerdem haben die Deutsche Adipositas-Gesellschaft (DAG) und die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) eine neue Fortbildung zur „Adiposiolog*in“ gestartet, um Mediziner:innen auf den aktuellen Stand der Wissenschaft zu bringen. Es scheint sich einiges zu tun mit Blick auf Adipositas – doch die Mühlen im Gesundheitssystem mahlen langsam.
Das Satellitensymposium „XXL-Versorgungslücke – Warum Deutschland Adipositas systematischer managen sollte: strukturieren, versorgen, finanzieren“ von Lilly Deutschland GmbH fand im Rahmen des Hauptstadtkongresses Medizin und Gesundheit statt.
Bei einer chronischen Erkrankung wie Rheuma oder Asthma ist allen klar: Die Patient:innen brauchen eine gute, umfassende Behandlung. Warum ist das bei Adipositas anders? Vorurteile, fragwürdige Ratschläge und Stigmatisierung verhindern bis heute, dass Betroffene die medizinische Versorgung erhalten, die sie brauchen. Dabei ist die Vorstellung von Adipositas als reines Lifestyle-Problem wissenschaftlich gesehen längst überholt. Darüber sprachen mehrere Fachleute auf der F.A.Z. Konferenz Gesundheit & Ernährung 2026.
Adipositas ist immer noch eine verkannte und unterschätzte Erkrankung. Dabei gilt sie längst als eine der größten gesundheitlichen und gesundheitspolitischen Herausforderungen weltweit – die Zahl der Betroffenen auch in Deutschland steigt. Auf dem Europäischen Gesundheitskongress München (EGKM) wurde darüber diskutiert, wie sich die Versorgung der Patient:innen verbessern ließe.
1923 machte das forschende Pharmaunternehmen Lilly das weltweit erste Insulinpräparat verfügbar – ein Meilenstein für die Behandlung von Diabetes . Seitdem hat die Forschung viele Fortschritte gemacht. Es stehen heute gezielt wirkende Arzneimittel zur Verfügung, die weitaus mehr können als nur den Blutzuckerspiegel zu senken. Darüber spricht Dr. Jörg-Markus Paul, Medizinischer Leiter Kardiometabolische Gesundheit bei Lilly Deutschland, im Interview.