Es war einmal – da war Tuberkulose auch in Europa ein großer Killer. Ein Beispiel aus London: Mitte des 18. Jahrhunderts starb dort pro Jahr rund ein Prozent der Bevölkerung daran – also 1 von 100 Menschen. „Würde London dieses Ausmaß an Infektionen und Todesfälle heute erleben, würde Tuberkulose jedes Jahr rund 90.000 Menschen töten“, schreiben die Wissenschaftlerinnen Hannah Ritchie und Fiona Spooner auf der Plattform Our World in Data. Zum Vergleich: 2023 starben insgesamt circa 54.000 Menschen in der britischen Hauptstadt – über alle Todesursachen wie Krebs, Demenz, Verkehrsunfälle, Morde hinweg.
Es war der deutsche Mediziner Robert Koch, der das Bakterium Mycobacterium tuberculosis als Verursacher für die Infektionskrankheit im Jahr 1882 identifizierte. Die Erreger befallen vor allem die Lunge – Husten ist ein erstes Symptom – aber auch andere Organe können betroffen sein. Früher wurde die Krankheit auch als „Schwindsucht“ bezeichnet, weil die Betroffenen im fortgeschrittenen Stadium oft viel Gewicht verloren. „Ohne Behandlung starben die meisten Menschen mit einer aktiven Tuberkulose-Infektion“, so Spooner und Ritchie. Sie verweisen auf Daten aus den frühen 1900er-Jahren aus Großbritannien, Schweden und Dänemark, die zeigen, dass ein Drittel der Patient:innen innerhalb eines Jahres, zwei Drittel innerhalb von fünf Jahren der Krankheit erlag; 80 Prozent waren nach 10 Jahren verstorben. Das Lungengewebe war meist stark geschädigt.
Tuberkulose: Antibiotika brachten die Wende

Die Bedingungen für die Ausbreitung der Tuberkulose-Erreger waren damals in einer Stadt wie London nahezu perfekt: Die Menschen lebten und arbeiteten eng auf eng, Wasserqualität und Ernährung waren mangelhaft. Saubere Sanitäranlagen, gute Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie Ernährung – all das trägt dazu bei, um der Tuberkulose etwas von ihrer tödlichen Gefahr zu nehmen. Ab den späten 1800er-Jahren gab es erste öffentliche Gesundheitsprogramme – um die Bevölkerung über Ausbreitung und Präventionsmöglichkeiten aufzuklären.
Doch letztlich waren „Antibiotika der Durchbruch, auf den die Welt gewartet hatte“, betonen Ritchie und Spooner. In den 1950ern wurden sie verfügbar. „Das führte zu einem dramatischen Rückgang der Tuberkulose-Todesfälle in Ländern, die sich die Behandlung leisten und großflächig verfügbar machen konnten, vor allem in Nordamerika und Europa.“ Noch 1952 starben fast 20.000 Menschen in den USA an der Schwindsucht. Nur ein Jahrzehnt später hatte sich diese Zahl mehr als halbiert. Heutzutage sind es zwischen 500 und 600 pro Jahr. In Deutschland gibt es rund 4.500 gemeldete Infektionen und 127 Todesfälle pro Jahr (2023, s. RKI).
Viele vermeidbare Tuberkulose-Todesfälle
„Tuberkulose ist heilbar“, konstatiert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). „Die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Standardtherapie besteht aus der Einnahme von vier Medikamenten über einen Zeitraum von sechs Monaten.“ Besonders gut funktioniere das, wenn die Patient:innen „durch speziell ausgebildete Helfer betreut werden. Diese kontrollieren die korrekte Einnahme der Medikamente und ermutigen die Patienten, die Therapie trotz der oft unangenehmen Nebenwirkungen durchzustehen. Zwischen 2000 und 2016 konnten so etwa 53 Millionen Leben gerettet werden.“
Doch noch immer sterben 1,28 Millionen Menschen pro Jahr weltweit (s. Grafik) – Tuberkulose ist damit die tödlichste Infektionskrankheit. Vor allem ärmere Länder sind betroffen. Besonders gefährdet sind Menschen mit geschwächtem Immunsystem wie HIV-Infizierte. Wenn es der Weltgemeinschaft gelänge, die weltweite Todesrate auf das Niveau der USA zu senken, würden „nur“ noch rund 16.000 Menschen an Tuberkulose versterben. Damit ließen sich mehr als 1,2 Millionen Leben retten – pro Jahr.
Antibiotika-Resistenzen hemmen Kampf gegen Tuberkulose

„Problematisch ist neben einer mangelnden medizinischen Versorgung in ärmeren Ländern die zunehmende Zahl an Resistenzen gegen gängige Tuberkulose-Therapien“, so das Leibniz-Institut für Naturstoff-Forschung und Infektionsbiologie (Leibniz-HKI). Bislang eingesetzte Medikamente verlieren also zunehmend ihre Wirkung. Was es braucht: dringend mehr Forschung.
Große Hoffnungen liegen auf dem Antibiotikum BTZ-043, der von Wissenschaftler:innen in Deutschland seit über 10 Jahren in einer Kooperation entwickelt wird. Es hat einen völlig neuen Wirkmechanismus. „Die mehrere Millionen Euro teure Medikamentenentwicklung ist nur durch gemeinsame Finanzierung von öffentlicher und privater Hand möglich“, so das Leibniz-HKI. BTZ-043 soll auch gegen resistente Bakterien wirken – und hat in klinischen Studien am Menschen eine gute bakterizide Wirkung gezeigt. Laut aktueller Forschungsergebnisse im Mausmodell kann es zudem sogar Bakterien an schwer zugänglichen Stellen im Körper bekämpfen. „Diese Erkenntnisse sind vielversprechend für die Millionen von Menschen, die weltweit an Tuberkulose erkrankt sind, und bieten einen Ausblick auf eine Zukunft, in der schwer zugängliche Tuberkuloseläsionen mit einem weiteren Wirkstoff erreicht werden können“, sagt Dr. med. vet. Julia Dreisbach vom Tropeninstitut München.
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