Die Anästhesie ist heute eine eigene medizinische Fachdisziplin. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. © iStock.com / ronnachaipark
Die Anästhesie ist heute eine eigene medizinische Fachdisziplin. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. © iStock.com / ronnachaipark

Die Geschichte der Anästhesie

„Ich habe heute etwas gesehen, das um die Welt gehen wird.“ – Diese Bemerkung des Chirurgen Henry Jacob Bigelow im Anschluss an die erste öffentliche Demonstration einer Äther-Narkose sollte sich bewahrheiten: Das Jahr 1846 gilt heute als Geburtsjahr der modernen Anästhesie. Doch wie liefen Operationen vorher ab, mit welchen Mitteln versuchten Mediziner:innen, den Schmerz ihrer Patient:innen zu lindern, und wie hat sich die Anästhesie seit dem Jahr 1846 weiterentwickelt?

Inhalt

Das Wichtigste in Kürze

  • Vor 1846 wurden Schmerzen mit Opium, Alkohol, Kälte oder Kompression gelindert. Erst die öffentliche Äthernarkose markierte den Beginn der modernen Anästhesie.
  • Pioniere wie Humphry Davy, William T. G. Morton und John Snow prägten die Entwicklung von Inhalations- und Lokalanästhesie.
  • Seit dem 19. Jahrhundert folgten entscheidende Fortschritte wie intravenöse Narkose, Novocain, Epiduralanästhesie und moderne Wirkstoffe wie Propofol.
  • Anästhesie ermöglichte komplexe, sichere und längere Operationen und legte die Grundlage für moderne Chirurgie und Transplantationsmedizin.
  • Heute stehen Regionalanästhesie, opioidfreie Verfahren und verbesserte Sicherheitskonzepte im Fokus – mit dem Ziel, Eingriffe noch schonender zu machen.

Von Mohnsaft bis Äther : Die Geschichte der Anästhesie

Der Begriff Anästhesie stammt vom altgriechischen Wort „anaisthesía“ ab, was in etwa „Zustand der Empfindungslosigkeit“ bedeutet.2 Die Anästhesie ist heute eine eigene medizinische Fachdisziplin – doch bis dahin war es ein weiter Weg.

Im alten Ägypten und im antiken Griechenland behalf man sich mit pflanzlichen Substanzen wie Opium, Alraune, Bilsenkraut oder dem morphinhaltigen Mohn, um Schmerzen zu lindern und operative Eingriffe – etwas das Ziehen eines kranken Zahns – erträglicher zu gestalten. Die betäubenden Pflanzenextrakte wurden dabei entweder lokal aufgetragen, oral verabreicht oder inhaliert. Für den Zeitraum um 990 gibt es auch Hinweise für die Verwendung von Mohnsaft zur lokalen Anästhesie am Auge. Ab dem 12. Jahrhundert kamen örtlich betäubende Pflaster mit Alraune, Pfeffer oder Bilsenkraut zum Einsatz.2

Zu den frühen Methoden der Anästhesie zählte des Weiteren die Betäubung, zum Beispiel durch eine gezielte Kompression der Halsgefäße. Diese aus heutiger Sicht brutal anmutende Vorgehensweise war bei den alten Assyrern üblich, wurde aber selbst Ende des 19. Jahrhunderts auch in Europa noch empfohlen, unter anderem von dem berühmten Mediziner Alexander Fleming. Die lokale Betäubung durch Kälte sowie das Herbeiführen eines Alkoholrausches zur Schmerzlinderung zählen ebenfalls zu den frühen Versuchen, chirurgische Eingriffe für die Betroffenen erträglicher zu machen.2

Der Beginn der modernen Anästhesie

Noch im Jahr 1839 sagte der französische Chirurg Alfred Armand Velpeau: „Schmerzen bei Operationen zu vermeiden, ist eine Schimäre, die man heute nicht weiter verfolgen darf.“8 Doch zum Glück gab es Pioniere der Anästhesie, die das anders sahen. Im frühen 18. Jahrhundert kam es zu ersten Versuchen mit gasförmigen Substanzen wie Lachgas und Sauerstoff. Der englische Chemiker Humphry Davy stellte in Selbstversuchen fest, dass das Einatmen von Lachgas das Schmerzempfinden mindern oder ganz aufheben kann. Was heute zunehmend als Partydroge missbraucht wird, wurde schon damals zu „gesellschaftlichen Belustigungen“ verwendet. Wahrscheinlich ist das ein Grund, warum die Idee, es als chirurgische Anästhesie einzusetzen, zu dieser Zeit nicht weiterverfolgt wurde.

Dennoch läuteten Davys Entdeckungen eine neue Ära in der Geschichte der Anästhesie ein. Um 1830 folgten Versuche, Schmerzen durch Hypnose zu lindern. Der sogenannte Mesmerismus (benannt nach seinem Entwickler Franz Anton Mesmer) erlangte große Aufmerksamkeit, wurde aber letztlich durch die an Bedeutung gewinnende Inhalationsanästhesie verdrängt.1, 2

Ein entscheidender Fortschritt in der Geschichte der Anästhesie war die Einführung des Äthers im 19. Jahrhundert. Zwar war die betäubende Wirkung des „süßen Vitriols“ – wie Äther damals genannt wurde – bereits seit dem Mittelalter bekannt, doch erst 1842 wurde er erstmals gezielt zur Narkose bei einer Operation eingesetzt. 1846 fand die erste öffentliche Äthernarkose durch den US-amerikanischen Zahnarzt William Thomas Green Morton in Boston statt. Das Jahr gilt als offizielles Geburtsdatum der modernen Anästhesie. Der Hörsaal an der Harvard Medical School, in dem die Demonstration stattfand, trägt heute den Namen Ether-Dome. Auch in Europa verbreitete sich die neue Methode schnell. Hier galt der Engländer John Snow als erster (hauptberuflicher) Anästhesist. Parallel zu Äther wurde bis 1890 auch Chloroform für die Inhalationsnarkose genutzt, aufgrund der starken Nebenwirkungen jedoch immer seltener.2, 7

Was ist Äther ?

Äther – genauer gesagt Diethylether – ist eine farblose, leicht bewegliche und sehr flüchtige Flüssigkeit mit süßlichem Geruch. Chemisch gehört er zur Stoffklasse der Ether und wurde ursprünglich aus Ethanol und Schwefelsäure hergestellt, weshalb er früher auch „Schwefeläther“ genannt wurde. Aufgrund seiner betäubenden Wirkung fand Diethylether im 19. Jahrhundert breite Anwendung in der Medizin, insbesondere als Narkosemittel. Darüber hinaus wird er auch als Lösungsmittel, Reaktionsmedium und sogar als Starthilfe für Motoren verwendet.

Intravenöse Anästhesie

Bereits 1875 gelang eine Narkose durch Einspritzung eines Schlafmittels in die Venen. Durchgesetzt hat sich die intravenöse Anästhesie aber erst mit Beginn des neuen Jahrhunderts. Etwa zeitgleich wurde erstmals mit Methoden zur künstlichen Beatmung experimentiert. Auch die Lokalanästhesie entwickelte sich weiter: von der Verwendung von Kokain in den 1860er Jahren zu Novocain, dem ersten sicheren Lokalanästhetikum, das ab 1905 verwendet wurde.2, 3

Zeitleiste: Entwicklung der Anästhesie seit 18462

1905

Entdeckung von Novocain (erstes synthetisches Lokalanästhetikum)

1875

Erste intravenöse Anästhesie

1860er

Entwicklung des Lokalanästhetikums Kokain

1846

Erste öffentliche Äthernarkose

1980er

Markteinführung des modernen Anästhetikums Propofol

1956

Einführung von Halothan als sicheres Inhalationsanästhetikum

1940er

Beginn der Epiduralanästhesie (Revolution der Schmerztherapie während der Geburt)

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Wichtige Pioniere der Anästhesie Geschichte

John Snow. Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

John Snow

(1813-1858)

Einer der ersten Anästhesisten, der die Anwendung von Chloroform wissenschaftlich untersuchte und standardisierte.

Humphry Davy. Foto: Nilfanion, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (Bild wurde zugeschnitten.)

Humphry Davy

(1778-1829)

Entdeckte die schmerzlindernden Eigenschaften von Lachgas. Foto: Nilfanion, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons (Bild wurde zugeschnitten.) http://bit.ly/3H6cnZQ / https://bit.ly/4kRGe67

Joseph Priestley. Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Joseph Priestley

(1733-1804)

Entdeckte Sauerstoff und Stickoxidul (Lachgas), was die Erforschung von Gasen für medizinische Zwecke inspirierte.

William T.G. Morton. Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

William T.G. Morton

(1819-1868)

Führte 1846 die erste öffentliche Demonstration einer Äthernarkose durch.

James Young Simpson. Bild: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

James Young Simpson

(1811-1870)

Etablierte Chloroform als Anästhetikum.

Quelle: gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Auswirkungen auf Chirurgie und Medizin

Die Anästhesie revolutionierte die Medizin im Allgemeinen und die Chirurgie im Besonderen, und das gleich in mehrfacher Hinsicht:

  • Da die Patient:innen während der Eingriffe schmerzfrei sind, ermöglichte die Anästhesie komplexere und länger andauernde Operationen, die vorher undenkbar waren.1
  • Sie erlaubte präzisere Eingriffe und ein sorgfältigeres Arbeiten, weil potenziell störende Reaktionen der Patient:innen ausblieben.1
  • Sie legte den Grundstein für die Entwicklung neuer chirurgischer Techniken und Spezialgebiete, darunter die Herzchirurgie und die Transplantationsmedizin.4
  • Sie verbesserte die Patientensicherheit und ermöglichte eine bessere Kontrolle von Vitalfunktionen während operativer Eingriffe. Auch die Überlebensrate stieg deutlich an.4
  • Für die Patient:innen bedeutet sie eine emotionale Entlastung, weil sie keine unerträglichen Schmerzen befürchten müssen.4

Entwicklung der Anästhesie: die moderne Anästhesie

Die moderne Anästhesie hat in den vergangenen Jahrzehnten bedeutende Fortschritte gemacht, die sowohl die Patientensicherheit als auch die Effizienz von operativen Eingriffen erhöht haben.

Regionalanästhesie

Die Regionalanästhesie ist eine spezielle Form der Anästhesie, bei der nur bestimmte Körperregionen betäubt werden. Die Schmerzwahrnehmung wird durch die gezielte Injektion eines Anästhetikums in die Nähe der entsprechenden Nerven blockiert, während der:die Patient:in bei vollem Bewusstsein bleibt. Es gibt verschiedene Formen der Regionalanästhesie:

  • Spinalanästhesie (Betäubung der unteren Körperregion)
  • Epiduralanästhesie (häufig angewandt bei Geburten)
  • Nervenblockaden (Betäubung spezifischer Körperteile wie zum Beispiel eines Arms)

Ein operativer Eingriff unter Regionalanästhesie ist für die Betroffenen wesentlich schonender als eine Vollnarkose. Auch das Risiko für Komplikationen und Nebenwirkungen fällt deutlich geringer aus.5

OFA (Opioidfreie Anästhesie)

Synthetische Opioide wie Fentanyl nehmen einen hohen Stellenwert in der Anästhesie ein, denn sie sind auch bei Patient:innen in schlechtem Allgemeinzustand anwendbar. Allerdings gehen sie auch mit Risiken wie einer verzögerten Erholung oder einer möglichen Atemdepression einher, weshalb nach Alternativen geforscht wurde. Im Rahmen der opioidfreien Anästhesie kommen nun immer häufiger neu entwickelte und nebenwirkungsärmere Schmerzmittel zum Einsatz, darunter die Substanzen Clonidin und Lidocain.6

Ausblick: aktuelle Forschung und Innovation

Entwicklungen wie die Regionalanästhesie und OFA zeigen: Innovationen in der Anästhesie haben nicht nur die Grenzen der Medizin und Chirurgie erweitert, sondern auch das Fundament für eine moderne und humane Behandlung gelegt, die Patient:innen auf der ganzen Welt zugutekommt. Neue klinische Studien und technologische Fortschritte zielen außerdem darauf ab, Risiken weiter zu senken, die Erholung der Patient:innen zu verbessern und die individuelle Therapie zu optimieren. Einige aktuelle Forschungsprojekte zeigen, wohin sich die Anästhesie in Zukunft entwickeln könnte. Gearbeitet wird etwa daran, Narkosen noch schonender und nebenwirkungsärmer zu gestalten oder Übelkeit nach Operationen besser zu vermeiden.

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  1. https://www.aerzteblatt.de/archiv/150-jahre-anaesthesie-eine-entdeckung-in-der-chirurgie-2c6a4588-ee58-488e-98c7-c3da343e89d2
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/An%C3%A4sthesie
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/Lokalan%C3%A4sthetikum
  4. https://link.springer.com/article/10.1007/s00101-021-01043-1
  5. https://www.anaesthesisten-im-netz.de/anaesthesie/was-ist-eine-regionalanaesthesie/
  6. https://www.anaesthesie.news/allgemein/opioidfreie-anaesthesie-pro-contra/
  7. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84ther-Dom
  8. https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2009-12/geschichte-anaesthesie
  9. https://seafile.rlp.net/f/a89eacb04bcf493987e8/

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