Alle 2 Jahre erscheint der Access-to-Medicine-Index. Er misst, was Pharmaunternehmen tun, damit ihre Arzneimittel, Impfstoffe und Diagnostika auch Menschen in ärmeren Ländern zugutekommen. Foto: ©iStock.com / Professor25
Alle 2 Jahre erscheint der Access-to-Medicine-Index. Er misst, was Pharmaunternehmen tun, damit ihre Arzneimittel, Impfstoffe und Diagnostika auch Menschen in ärmeren Ländern zugutekommen. Foto: ©iStock.com / Professor25

Access-to Medicine-Index: Viel geschafft, noch mehr zu tun

Alle 2 Jahre erscheint der Access-to-Medicine-Index. Er misst, was Pharmaunternehmen tun, damit ihre Arzneimittel, Impfstoffe und Diagnostika auch Menschen in ärmeren Ländern zugutekommen. Bewertet werden die Kategorien Forschung und Entwicklung (F&E), Produktlieferungen und inwieweit das Thema in der Unternehmensstrategie verankert ist (Governance of Access). Der Bericht zeigt Licht und Schatten.

Es ist eine Art TÜV-Plakette: Zum 8. Mal erscheint der Access-to-Medicine-Index (AtMI). Er zeigt, was sich beim Zugang zu Medikamenten, Impfstoffen und Diagnostika für Menschen in Ländern mit niedrigen oder mittleren Einkommen getan hat (low and middle-income countries, LMICs). Auf dem Siegertreppchen ganz oben ist seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 2008 das in London angesiedelte Unternehmen GlaxoSmithKline. GSK hat die Versorgung von Menschen auf der ganzen Welt fest in seiner Unternehmensstrategie verankert und die größte für diese Regionen relevante Forschungspipeline unter den 20 untersuchten Unternehmen, so der Bericht. Platz 2 geht an das US-Unternehmen Johnson & Johnson. Zu den Top 3 gehört auch Astra Zeneca. Das Unternehmen hat sich gegenüber der letzten Ausgabe des AtMI um 4 Plätze nach oben gearbeitet. Von den deutschen Pharmaunternehmen sind vertreten: Merck (Platz 5), Bayer (9) und Boehringer Ingelheim (13).

Weltweiter Zugang zu Therapien und Impfstoffen
Teil der Unternehmensstrategien: Weltweiter Zugang zu Therapien. Foto: ©iStock.com/Natali_Mis

Der diesjährige Bericht steht unter dem Eindruck der Pandemie: „Die COVID-19-Pandemie hat uns die Power von Wissenschaft gezeigt; Spitzenforschung brachte lebensrettende Impfstoffe und Therapien in Rekordzeit zustande“, schreibt Jayasree K. Iyer, CEO der Access to Medicine Foundation in ihrem Vorwort. „Aber sie hat auch die Kluft zwischen reichen und armen Ländern verdeutlicht, weil noch immer hunderte von Millionen Menschen keinen adäquaten Zugang zu Medizin haben.“

Seit es den Bericht gibt, hat sich bei der medizinischen Versorgung auf der Welt einiges getan, aber es ist nicht Aufgabe der Autor:innen mit der Entwicklung zufrieden zu sein – zumindest so lange die Ungleichheiten so groß sind wie heute. An 31 Kennzahlen müssen sich die Unternehmen messen lassen – es geht um „aktuelle Performance, nicht um Versprechungen“ (O-Ton Iyer). Der AtMI zeigt, wie sehr der weltweite Zugang zu Therapien und Impfstoffen mittlerweile Teil der Unternehmensstrategien geworden ist. Aber er zeigt auch, dass noch viel zu tun ist. 

F&E: Über 1.000 Projekte in der Pipeline

1.060 Forschungsprojekte zählt der AtMI für insgesamt 83 Krankheiten auf, die Menschen in strukturschwachen Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen besonders treffen bzw. für die es keine oder unzureichende Behandlungsmöglichkeiten gibt. Neben Therapien und Impfstoffen gegen COVID-19 sind es Wirkstoffe im Kampf gegen HIV, Hepatitis B, Malaria, Tuberkulose, Schistosomiasis, Dengue-Fieber, die Chagas-Krankheit oder Leishmaniose. Seit dem Bericht von vor 2 Jahren gab es in diesen Indikationen 62 Neuzulassungen. 479 neue Forschungsprojekte kamen hinzu.

Positiv bewertet der AtMI zudem Preisstrategien, die sich an den sozioökonomischen Möglichkeiten der jeweiligen Länder orientieren, oder Assistenzprogramme für Patient:innen, die die Versorgung verbessern und Gesundheitssysteme stärken. Auch gibt es die Möglichkeit der Lizenzvereinbarungen, bei denen Unternehmen ihre patentgeschützten Präparate Generika-Herstellern in strukturschwächeren Ländern zur Herstellung und Distribution freigeben. Und schließlich geht es schlicht um Produktspenden. 

Lizenzvereinbarungen: Ein Instrument zur Stärkung der Gesundheit vor Ort

Lizenzvereinbarungen: Ein Instrument zur Stärkung der Gesundheit vor Ort
PrEP: Eines der wichtigsten Instrumente, um HIV einzudämmen. Foto: ©iStock.com/nito100

Auf das Instrument freiwilliger, nicht-exklusiver Lizenzvereinbarungen setzen immer mehr Pharmaunternehmen, stellt der Report fest. Sie ermöglichen nicht nur die Herstellung großer Mengen, wie sie beispielsweise für die Versorgung von Millionen von HIV-Betroffenen nötig sind, die ihre Arzneimittel jeden Tag einnehmen müssen. Sie stehen auch für den Transfer von Technologie, weil Produktions-Knowhow und -kapazitäten aufgebaut werden. Der HIV-Weltmarktführer Gilead Sciences nutzt dieses Instrument bereits seit 2006 und hat die meisten Lizenzvereinbarungen unterzeichnet: Für eine schnelle, kostengünstigere Versorgung großer Mengen stellt er den Patentschutz hintenan. So war es auch möglich, sein antivirales COVID-19-Medikament – das erste, das bei der Pandemie zur Verfügung stand – schnell und in großen Mengen herzustellen. Durch Gileads Lizenzvereinbarungen konnten Menschen in 127 LMICs millionenfach profitieren. 25 Dritt-Hersteller wurden dadurch Teil eines globalen Produktionsnetzwerks. 

Das Konkurrenzunternehmen ViiV Healthcare hat für sein langwirksames Präparat zur HIV-Prävention – es ist das erste seiner Art – ebenfalls eine Lizenzvereinbarung unterzeichnet. Es erlaubt ausgewählten Herstellern, eine generische Version zu entwickeln, herzustellen und in 87 Länder weltweit zu liefern. „Eine bemerkenswerte Entwicklung“, kommentiert der AtMI, „die besonders für Frauen im gebärfähigen Alter in Subsahara-Afrika Bedeutung haben wird.“ Sie sind überproportional stark von HIV betroffen; in der Region ist die Erkrankung für Frauen und Mädchen im Alter zwischen 15 und 49 Jahren die häufigste Todesursache. Die Prä-Expositionsprophylaxe (PrEP) gilt als eines der wichtigsten Instrumente, um HIV einzudämmen, solang es keine Heilung oder Impfung gibt.

Erstmals gibt es auch ein nicht-exklusives Lizenzabkommen für ein Krebsmedikament. Das Schweizer Unternehmen Novartis ermöglicht damit Generika-Herstellern die Produktion ihres Arzneimittels zur Behandlung einer bestimmten Form von Leukämie bei Kindern und Erwachsenen. Novartis nimmt im diesjährigen Ranking Platz 4 ein. 53 Wirkstoffe entwickeln die Schweizer für Krankheiten, die der AtMI als Priorität definiert, allein 11 Projekte gegen Malaria und 5 gegen die Chagas-Krankheit. Außerdem ist das Unternehmen Teil der Access to Oncology Medicines (ATOM)-Initiative, deren Ziel es ist, den Zugang zu Krebsmedikamenten in strukturschwachen Ländern zu fördern. Besonderen Fokus legt Novartis auf den Aufbau von Knowhow und Kapazitäten vor Ort.

Healthy Heart Africa: Gesundheitsinitiativen stärken Gesundheitssysteme

Healthy Heart Africa: Gesundheitsinitiativen stärken Gesundheitssysteme
Gesundheitsinitiativen stärken Gesundheitssysteme. Foto: ©iStock.com/Avatar_023

Einen Sprung nach vorne im AtMI-Ranking hat AstraZeneca gemacht – von Rang 7 auf den dritten Platz. Die Autor:innen bescheinigen dem Pharmaunternehmen große Fortschritte in allen untersuchten Kategorien. Mehr als 2 Milliarden Dosen seiner COVID-19-Vakzine hat es auf Basis von Lizenzabkommen an LMICs abgegeben – zum Selbstkostenpreis. Bereits 2014 hatte Astra Zeneca die Initiative Healthy Heart Africa ins Leben gerufen. In 10 Ländern des Kontinents wird über die Folgen von Bluthochdruck aufgeklärt, wurden bereits mehr als 29 Millionen Blutdruckmessungen durchgeführt, mehr als 9.000 Gesundheitsprofis aus- und weitergebildet und mehr als 1.000 medizinische Einrichtungen eröffnet. Solche Initiativen haben nachhaltige Wirkung: Neben dem konkreten gesundheitlichen Nutzen für die Menschen, stärken sie das Knowhow in den Gesundheitssystemen und unterstützen beim Aufbau von Gesundheitsinfrastruktur.

Seit vielen Jahren erfolgreich – allerdings in unseren Breitengraden kaum wahrgenommen – sind Initiativen, die die Bekämpfung, Kontrolle und Eliminierung so genannter vernachlässigter Tropenerkrankungen (neglected tropical diseases, NTDs) zum Ziel haben. Laut Weltgesundheitsorganisation leben rund 1 Milliarde Menschen mit dem Risiko, eine solche Erkrankung zu bekommen. In mehr als 40 Ländern ist es bereits gelungen, mindestens eine dieser NTDs zu eliminieren; zwischen 2015 und 2019 wurden mehr als eine Milliarde Menschen gegen mindestens eine dieser Erkrankungen behandelt. Eines der größten Projekte ist das Global Programme to Eliminate Lymphatic Filariasis (GPELF). Seit seinem Start in den 1990er Jahren konnte die Zahl der Infektionen dieser durch Fadenwürmer ausgelösten Erkrankung um 74 Prozent reduziert werden. GlaxoSmithKline stellt dafür das Antiwurmmittel Albendazol zur Verfügung – seit 1999 waren das mehr als 10 Milliarden Tabletten. Und hat versprochen, das so lange zu tun, bis die Krankheit von der Weltkarte verschwunden ist. Die Bayer AG hat eines der 2 verfügbaren Arzneimittel gegen die Chagas-Erkrankung entwickelt und stellt das Mittel zur Verfügung, solange es gebraucht wird. Das gleiche gilt für die Afrikanische Schlafkrankheit (Afrikanische Trypanosomiasis).

Globale Gesundheit: Erschreckendes Ungleichgewicht

Globale Gesundheit: Erschreckendes Ungleichgewicht
Gesundheit muss global gedacht werden. Foto: ©iStock.com / Professor25

Noch immer ist viel zu tun – die Pandemie hat das erschreckende gesundheitliche Ungleichgewicht auf dieser Erde wie unter einem Brennglas deutlich gemacht. Sie hat auch gezeigt, wie sehr Gesundheit global gedacht werden muss – allein durch die Klimakrise werden sich Krankheiten, die bisher regional begrenzt waren, in andere Regionen der Welt ausbreiten. AtMI-Gewinner GSK hat angekündigt, in den kommenden Jahren mehr als eine Milliarde Euro in „globale Forschung und Entwicklung“ zu investieren. Weitere rund 120 Millionen Euro sollen dabei helfen, in ärmeren Regionen die Gesundheitssysteme zu stärken.

„Das Ziel ist simpel”, schreibt Jayasree K. Iyer. „Sicherzustellen, dass Menschen in LMICs Zugang zu bezahlbaren Wirkstoffen haben – von Impfstoffen gegen neu auftretende Infektionen bis zu Therapien gegen Diabetes und Krebs.“ Und sie ergänzt: „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“

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