Die Arzneimittelherstellung in einer virtuellen Realität trainieren – diese Möglichkeit bietet das RESILIENCE-Programm aus dem Vereinigten Königreich. Foto: RIVERSTUDIO
Die Arzneimittelherstellung in einer virtuellen Realität trainieren – diese Möglichkeit bietet das RESILIENCE-Programm aus dem Vereinigten Königreich. Foto: RIVERSTUDIO

Arbeiten in der Pharmabranche – ausgebildet mit Virtual Reality

Der Fachkräftemangel stellt die Pharmaindustrie vor große Herausforderungen. Erschwerend kommt hinzu: Die Herstellung von Innovationen wie Gentherapien hat nur wenig mit traditioneller Medikamentenproduktion gemein. Das Vereinigte Königreich (UK) hat daher im April 2024 das Projekt „RESILIENCE“ gestartet: Es bietet Trainingsprogramme an, mit denen etwa Berufseinsteiger:innen oder Studierende die Arzneimittelherstellung in virtueller Realität erlernen können. Ein Interview mit RESILIENCE-Direktor Ivan Wall, Professor für Regenerative Medizin an der Universität in Birmingham.

Was genau ist RESILIENCE?

RESILIENCE-Direktor Ivan Wall, Professor für Regenerative Medizin an der Universität in Birmingham
RESILIENCE-Direktor Ivan Wall, Professor für Regenerative Medizin an der Universität in Birmingham. Foto: RIVERSTUDIO

Prof. Ivan Wall: RESILIENCE ist das UK Medicines Manufacturing Skills Centre of Excellence. Gefördert wird es vom Office for Life Sciences, Teil des Ministeriums für Wissenschaft, Innovation und Technologie der britischen Regierung. Es hat zum Ziel, die Life-Sciences-Industrie zu stärken – insbesondere die pharmazeutische Produktion sowie Innovationen wie Gentherapien. RESILIENCE wurde gegründet, um dem Arbeits- und Fachkräftemangel in diesem Sektor etwas entgegenzusetzen. Wir bieten Trainings für die Branche an und bauen gezielt Talente auf, damit wir in den nächsten zehn Jahren bis zu 150.000 neue Stellen im Vereinigten Königreich besetzen können. Wir wollen junge Menschen gewinnen und ihnen die nötigen Fähigkeiten und das Wissen für den Einstieg vermitteln.

„Wir müssen kreativ und innovativ sein, wenn es darum geht, wie wir Fachkräfte weiter- und neue Talente ausbilden.“ So werden Sie auf der RESILIENCE-Website zitiert. Was bedeutet das konkret?

Wall: In der Arzneimittelherstellung verändert sich derzeit sehr viel – insbesondere durch neue Modalitäten wie biologische Arzneimittel sowie Zell- und Gentherapien. Ein Beispiel sind Zelltherapie-Präparate, die auf Basis individueller Patientenzellen hergestellt werden. Die Herstellung unterscheidet sich grundlegend von der traditionellen pharmazeutischen Produktion, die auf sehr große Mengen ausgelegt ist. Wir müssen deshalb Kompetenzen rund um diese neuen Verfahren aufbauen. Wenn wir jedoch Tausende von Menschen im Umgang mit Einweg-Kunststoff-Bioreaktoren schulen wollten, die in der Herstellung von Zell- und Gentherapien eingesetzt werden, wäre das sehr teuer. Und es hätte erhebliche Umweltauswirkungen, da all diese Kunststoffe nach der Nutzung verbrannt werden müssen. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir digitale Technologien wie Virtual Reality (VR) einsetzen können, um praxisnah zu schulen, ohne dass die Menschen tatsächlich in Reinräumen sein müssen. Hier kommen Innovation und Kreativität ins Spiel: Wir ermöglichen Training über VR-Brillen – ohne den Risiken, ohne den hohe Kosten, ohne dem enormen logistischen und organisatorischen Aufwand und ohne den negativen Umweltauswirkungen klassischer Schulungen.

Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

Virtual Reality in der Medizin
Virtuell Prozesse trainieren und Risiken reduzieren. Foto: RIVERSTUDIO

Wall: An mehreren unserer Zentren – etwa an der Heriot-Watt Universität – haben wir Menschen, die einen Job in einer pharmazeutischen Produktionsstätte anfangen, bereits am ersten Arbeitstag mit VR geschult: Sie setzen also die VR-Brille auf und trainieren virtuell die Prozesse, die sie später in der Anlage bzw. im Labor durchführen sollen. Das reduziert potenzielle Risiken erheblich. Zumal Fehler in realen Produktionsumgebungen sehr teuer werden können. VR bietet eine sichere, relativ stressfreie Umgebung und stärkt sowohl Selbstvertrauen als auch Kompetenz. Kommen die Teilnehmenden anschließend an ihren tatsächlichen Arbeitsplatz, sind sie deutlich entspannter und sicherer. Wir hatten dazu eine Fallstudie in Schottland: Die Beteiligten berichteten, dass sie sich dank des VR-Trainings vom ersten Tag an voll einsatzfähig fühlten.

RESILIENCE ist auch für Studierende an Universitäten konzipiert – wie ist das Feedback?

Wall: Eine Gruppe von 50 Studierenden hat zum Beispiel VR genutzt, um Bioreaktoren einzurichten sowie verschiedene Prozessabläufe zu trainieren. Bioreaktoren kommen unter anderem bei der Herstellung von Gentherapien zur Anwendung. Am Ende baten wir die Studierenden um Feedback. Das Ergebnis war eindeutig: Alle bevorzugten das VR-Training und empfanden es als deutlich hilfreicher als klassische Lehrformen mit Büchern, PowerPoint-Präsentationen oder Videos. Zudem waren Wissen und praktische Fähigkeiten auf einem höheren Niveau als es nach einem reinen Vorlesungsformat der Fall gewesen wäre.

Wo gibt es das RESILIENCE-Programm?

Wall: Derzeit ist RESILIENCE im gesamten Vereinigten Königreich aktiv. Wir haben fünf Haupt-Partner: die University of Birmingham, das University College London, die Heriot-Watt University in Edinburgh, die Teesside University im Nordosten Englands sowie die Organisation Britest. Allein im ersten Jahr haben wir fast 15.000 junge Menschen geschult. So generieren wir umfangreiche Daten: Wir untersuchen momentan nicht nur die Auswirkungen des Trainings auf die Kompetenz der Teilnehmenden, sondern auch ökologische und soziale Aspekte. Dazu gehören Kosteneinsparungen und CO₂-Reduktion, weil wir keine Kunststoffe mehr verbrennen müssen, die bei klassischen Trainings anfallen würden.

Training mit VirtualReality
Training ohne VR: Nicht mehr zeitgemäß. Foto: RIVERSTUDIO

Ist ein Training ohne VR – angesichts von Innovationen wie Gentherapien – überhaupt noch zeitgemäß und ausreichend?

Wall: Nein, das ist es nicht. Derzeit ist die Trainingsqualität sehr unterschiedlich und oft inkonsistent. Tatsächlich sind 80 Prozent aller Herstellungsfehler auf Bedienfehler zurückzuführen, wobei uneinheitliche Schulungen ein wesentlicher Faktor sind. VR kann hier mehr Standardisierung bringen: Das VR-Training ist identisch, egal ob jemand in Birmingham oder in Berlin geschult wird. Unser Ziel ist es, dass dieser Ansatz weltweit eingesetzt werden kann.

Für wen genau ist RESILIENCE gedacht?

Wall: Für die gesamte Talentpipeline. Wir haben schon mit Kindern im Grundschulalter gearbeitet. Sie wissen meist, was Ärzte oder Pflegekräfte tun. Wir zeigen ihnen zusätzlich, was zum Beispiel Impfstoffhersteller machen. In weiterführenden Schulen – bei 15- bis 18-Jährigen – wollen wir möglichst praxisnah einen realistischen Eindruck möglicher Berufe vermitteln. Und an den Universitäten arbeiten wir mit Studierenden und Absolventen daran, den Übergang in den Beruf zu erleichtern, sodass sie die Technologien, Prozesse und Anforderungen bereits kennen – und ihr Wissen sogar per VR demonstrieren können.

Und Sie bieten pharmazeutischen Unternehmen Trainings an?

Wall: Genau. Darüber hinaus haben wir spezifische Partnerschaften mit mehreren Pharmaunternehmen im Vereinigten Königreich: Sie nutzen die VR-Trainingssoftware der Firma FourPlus Immersive, an der ich beteiligt bin, und können die Trainingsprotokolle an ihre spezifischen Anforderungen anpassen. Die Unternehmen erhalten eine Art App, mit der sie über ein No-Code Drag-and-Drop-System eigene Trainingsumgebungen erstellen können. Die Trainingsprotokolle werden anschließend remote auf die VR-Headsets übertragen. Es entsteht eine dreidimensionale Trainingsumgebung, in der Mitarbeitende so tätig werden können, als befänden sie sich in einer GMP-Anlage – tatsächlich aber sitzen sie in einem normalen Raum.

Wie lange hat die Entwicklung dieser Software gedauert?

Wall: Fast zwei Jahre – aber die Entwicklung ist keineswegs abgeschlossen. Wir erweitern die Software kontinuierlich um neue Interaktionen und Funktionen. Wir integrieren zum Beispiel Chatbots auf Basis Künstlicher Intelligenz, mit denen die Teilnehmenden während des Trainings interagieren können – um Fragen zu stellen und direkt Feedback zu erhalten. Wir entwickeln auch maßgeschneiderte Funktionen für Unternehmen, die diese benötigen.

Weiterführender Link:
https://www.resilience-skills.com/

Weitere News

Daiichi Sankyo ist ein globales Pharmaunternehmen mit Hauptsitz in Tokio. Der größte Produktionsstandort außerhalb Japans liegt im deutschen Pfaffenhofen. Foto: Daiichi Sankyo

Arzneimittel-Innovationen made in Pfaffenhofen

Daiichi Sankyo ist ein globales Pharmaunternehmen mit Hauptsitz in Tokio. Doch der größte Produktionsstandort außerhalb Japans liegt in Deutschland: Ausgehend von Pfaffenhofen werden 55 Länder weltweit mit Arzneimitteln gegen Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen beliefert. Künftig soll der Standort weiter an Bedeutung gewinnen. Wir waren vor Ort und haben mit Dr. Nora Urbanetz, Leiterin der Tech Unit in Europa, gesprochen.

Weiterlesen »

Warum eine starke Pharmabranche wichtig für Deutschland ist

Sie bietet zahlreiche Arbeitsplätze und gilt als besonders forschungsintensiv: Die aktuellen „Pharma-Daten“ des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zeigen einmal mehr, warum die Pharmabranche wichtig für die Bundesrepublik ist. Daraus geht aber auch hervor: Zu Stabilität und Sicherheit kann sie nur dann voll beitragen, wenn sie politisch gestärkt wird.

Weiterlesen »
Dr. Marion Hitchcock ist seit November 2024 Geschäftsführerin des Berlin Center for Gene and Cell Therapies. Ein Interview.

Innovative Zell- und Gentherapien „made in Germany“

Wenn Zell- und Gentherapien weniger in Deutschland oder Europa entwickelt werden, sondern vermehrt anderswo, ist das ein Problem – für die Patient:innen, die Wissenschaftler:innen, die hiesige Wirtschaft. Die Bayer AG und die Charité – Universitätsmedizin Berlin wollen das ändern – indem sie ein „Berlin Center for Gene and Cell Therapies“ errichten. Seit ein paar Monaten ist Dr. Marion Hitchcock dort Geschäftsführerin. Im Interview erklärt sie, wie das Zentrum dazu beitragen soll, dass neuartige Behandlungsmöglichkeiten den Patient:innen schneller zur Verfügung stehen.

Weiterlesen »

Verwandte Nachrichten

Anmeldung: Abo des Pharma Fakten-Newsletters

Ich möchte per E-Mail News von Pharma Fakten erhalten:

© Pharma Fakten e.V.
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und dienen dazu, Sie wiederzuerkennen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und unserem Team zu helfen, zu verstehen, welche Bereiche der Website Sie am interessantesten und nützlichsten finden.