Die Fakten
22 Forschungs- und Entwicklungsstandorte, 13 Produktionsstandorte und rund 20.000 Mitarbeiter:innen hat das globale Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo weltweit.
Hauptsitz ist in Tokio.
Der größte Produktionsstandort außerhalb Japans liegt im deutschen Pfaffenhofen: Von hier aus werden 55 Länder weltweit mit Arzneimitteln beliefert.

„Pfaffenhofen ist der Zukunft gewachsen“, so heißt es auf der offiziellen Website der Stadt. Und tatsächlich drängt sich dieser Eindruck auf, wenn man durch die rund 28.000 Einwohner:innen starke Kreisstadt fährt, die etwa 50 Kilometer nördlich von München liegt. Es ist eine gute Mischung: viel Natur drumherum, eine intakte Infrastruktur und zahlreiche Firmen, die sich hier niedergelassen haben. Eine davon ist das forschende Pharmaunternehmen Daiichi Sankyo: Mehr als zwei Milliarden Tabletten und über 100 Millionen Blister werden an diesem Standort hergestellt. Daneben werden auch sterile Abfüllungen wie Phiolen verpackt und von hier versandt. Für Patient:innen weltweit.
„Pfaffenhofen ist die größte Produktionsstätte von Daiichi Sankyo außerhalb Japans. Bis 2030 investiert Daiichi Sankyo rund eine Milliarde Euro in diesen Standort: So wollen wir ihn zu einem internationalen Innovationszentrum ausbauen und noch mehr Phiolen als bisher herstellen können – von Bayern aus in die Welt. Dabei entstehen hier bis zu 350 neue Arbeitsplätze“, erzählt Dr. Nora Urbanetz. Eine oberbayerische Kreisstadt als Heimat für international gefragte Spitzenforscher:innen und andere Fachkräfte? Das widerspricht sich nicht. Schon heute sind rund 1.000 Mitarbeiter:innen hier bei Daiichi Sankyo tätig.
Der lange Weg bis zum zugelassenen Arzneimittel

Dr. Urbanetz ist eine davon. Sie ist studierte Pharmazeutin und hatte den Lehrstuhl für Partikeltechnik an der Technischen Universität Graz inne, bevor sie bei Daiichi Sankyo die Verantwortung für die Tech Unit in Europa übernahm. „Die Tech Unit umfasst alle Arbeitsbereiche von der pharmazeutischen Entwicklung über die Produktion bis hin zur Auslieferung. Das heißt: Unsere Kolleg:innen in der klassischen Forschung und Entwicklung arbeiten an einem Molekül in Form einer chemischen Struktur. Ist das vorhanden, übernehmen wir. Wir sind in der Tech Unit dafür zuständig, dass aus diesem Molekül ein für die Patient:innen verfügbares Arzneimittel wird.“ Rezepturen müssen entwickelt, Herstellungsprozesse definiert und klinische Studien durchgeführt werden – unter anderem.
Wer dachte, mit der Identifizierung eines Moleküls ist die Pharmaforschung getan, irrt: „Für ein fertiges Arzneimittel – etwa in Tablettenform – braucht es unter anderem geeignete Hilfsstoffe, die dazu beitragen, dass der Wirkstoff an den Ort im Körper kommt, an dem er wirken soll. Ohne diese Hilfsstoffe hätte man zum Beispiel einen Wirkstoff von wenigen Mikrogramm – niemand kann das applizieren.“ Oder man stelle sich einen Wirkstoff vor, der sich im Magen-Darm-Saft nicht auflöst und den Körper ungenutzt verlässt: Es muss eine Lösung her. Alles andere kommt für Dr. Urbanetz und ihr Team nicht in Frage. Schließlich soll das Medikament Patient:innen mit schweren Erkrankungen helfen. Die Verantwortung für das jeweilige Arzneimittel gibt die Tech Unit übrigens erst ab, wenn es – aus welchen Gründen auch immer – vom Markt genommen wird.
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate gegen Krebs

„Wir machen Medikamente gegen die häufigsten Todesursachen weltweit verfügbar“, so die Tech Unit-Leiterin. „Dazu gehören Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit mehr als 10.000 Todesfällen pro Tag in Europa. Und Krebs – die zweithäufigste Todesursache.“ Daiichi Sankyo gilt als Pionier bei der Entwicklung moderner Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) zur Tumortherapie. Das sind zielgerichtete Medikamente, die aus drei Teilen bestehen: aus einem Antikörper, der spezifisch an eine bestimmte Struktur auf einer Krebszelle andockt; aus einem Wirkstoff; und aus einem Linker, also einem Verbindungsstück, das den Wirkstoff am Antikörper befestigt.
Die Idee dahinter ist genial: Um zu verhindern, dass sich der Wirkstoff wie bei einer klassischen Chemotherapie überall im Körper verbreitet, wird er mit einem Antikörper kombiniert, der ihn ganz zielgerichtet zum Tumor transportiert. „Die Kunst liegt in dem Verbindungsstück“, so Dr. Urbanetz. „Es muss stabil genug sein, dass die Chemotherapie-Moleküle wirklich erst in der Krebszelle freigesetzt werden. Gleichzeitig darf es nicht zu stabil sein – schließlich soll sich der Wirkstoff in der Krebszelle loslösen und sie zerstören können.“ Überprüft wird das zum Beispiel an Zellmodellen. „Uns ist es gelungen, diesen Linker so zu optimieren, dass das ADC bestmöglich wirken kann.“ Seit 2010 forscht Daiichi Sankyo an ADCs. Die erste europäische Zulassung gab es 2021 – mehr als zehn Jahre später.
Das Potenzial der ADCs ist groß: Sie kommen heute unter anderem bei Brust-, Magen-, Lungen- und Darmkrebs zum Einsatz – insbesondere in fortgeschrittenen Stadien, wo der Bedarf an innovativen Therapien groß ist. An welchem Ort im Körper der Tumor sitzt, spielt eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist die Frage, welche Strukturen die Krebszellen auf ihrer Oberfläche aufweisen. Die Behandlung der Patient:innen wird so immer mehr auf die spezifischen Eigenschaften des individuellen Tumors zugeschnitten. Es ist wie beim Puzzeln: Passt das ADC auf die vorliegende Struktur, kann es dort andocken. Daiichi Sankyo hat sich für 2028 zum Ziel gesetzt, ADCs in mehr als 20 Indikationen zur Zulassung zu bringen. Teilweise arbeitet es mit anderen Pharmafirmen zusammen – sie bündeln ihre Ressourcen und Stärken, um noch mehr Patient:innen weltweit zu erreichen. Und immer dann, wenn die Forschung Strukturen auf Krebszellen entdeckt, die der Menschheit bisher unbekannt waren, öffnet das Türen, um bestenfalls neue ADCs zu entwickeln, die dazu passen.
Innovative Krebsmedikamente made in Pfaffenhofen

„Unsere Vision ist, dass wir in Pfaffenhofen bis 2030 ein One-Stop-Shop für ADCs sind. Zwar werden schon ADCs von hier aus in die Welt verschickt, aber wir verpacken nur die Phiolen in Kartons. Die anderen Schritte vorab passieren woanders“, so Dr. Urbanetz. Das soll sich ändern: „Der gesamte Prozess wird künftig hier stattfinden. Dafür bauen wir mehrere Gebäude.“ Zwei davon sind fertiggestellt, zwei befinden sich im Bau. „Damit wollen wir eine steigende Zahl an Phiolen produzieren können und alles – von der Herstellung des Wirkstoffs und der Formulierung, über die Abfüllung in Phiolen, bis hin zur Verpackung in Kartons – hier machen. So wird der Standort von der größten Produktionsstätte außerhalb Japans zu einem internationalen Innovations- und Vertriebszentrum.“ Ist der Fachkräftemangel nicht hinderlich? Darüber macht sich Dr. Urbanetz nicht allzu große Sorgen. „Natürlich ist das eine Herausforderung. Aber da ist die Region sehr gut aufgestellt.“ Pfaffenhofen ist wahrhaftig der Zukunft gewachsen.
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