Ihr Unternehmen forscht ausschließlich im Bereich der Krebserkrankungen. Wo stehen wir heute beim Kampf gegen Krebs?

Martin Völkl: Wir haben große Fortschritte erzielt. Aber: Krebserkrankungen gehören zu den größten Gesundheitsbedrohungen und die Inzidenz steigt weiter – mit Fallzahlen von 200 bis 350 Erkrankten pro 100.000 Einwohner. Trotzdem ist es gelungen, dass die altersadjustierte Sterblichkeit als Folge einer Krebserkrankung seit 1990 um ein Drittel gefallen ist – dank besserer Diagnostik und der Arzneimittel-Innovationen. Die neuen Medikamente ermöglichen bei vielen Tumoren deutlich längere Überlebenszeiten und eine bessere Lebensqualität.
Ein Beispiel?
Völkl: Nehmen wir die chronische lymphatische Leukämie. Hier haben wir mittlerweile eine 5-Jahres-Überlebensrate von rund 87 Prozent erreicht; das bedeutet: Fünf Jahre nach Diagnose leben fast 90 Prozent der Betroffenen noch. Wir haben in Studien mit der neuen Generation unseres Bruton-Tyrosinkinase-Hemmers zeigen können, dass wir solche Werte auch im sechsten Jahr halten können: Mit jedem neuen Auslesen der Daten sind die Fortschritte für die Patientinnen und Patienten greifbar.
Leben wir – mit Blick auf die Onkologie – in einer Zeit des Innovationsbooms?
Völkl: Definitiv. Nie waren wir bei der Behandlung von Krebserkrankungen so effizient wie heute. Allein 2024 wurden 25 neue onkologische Präparate weltweit zugelassen. Wenn wir bis 2014 zurückrechnen, sehen wir fast 300 neue Substanzen. Es ist eine Ära der Innovationen. Aber es gibt noch viel zu tun; wir haben weiterhin einen hohen Bedarf an neuen Wirkstoffen.
In welche Richtung bewegt sich die Forschung?
Völkl: Viele Tumorarten sind immer noch schwer behandelbar, gerade bei Hochrisiko-Patienten. Es entstehen Resistenzen. Für die Betroffenen bedeutet das: Medikamente verlieren über die Zeit ihre Wirksamkeit; sie sind dann auf andere, neue Wirkstoffe angewiesen. Deshalb forschen wir weiter. Wir wollen niemanden zurücklassen. Das Ziel ist auch, den Krebs zu chronifizieren, ihn so gut zu kontrollieren, dass man mit ihm leben kann.
Allein BeOne entwickelt in rund 175 Studien weltweit neue Wirkstoffe – was können die Patient:innen erwarten?

Völkl: Sie können vor allem erwarten, dass diese Dynamik in der Forschung weitergeht, sich vielleicht sogar noch beschleunigen wird. Wir haben bispezifische Antikörper, wir haben Protein-Degrader oder hochspezifische Kinase-Hemmer, wir haben die Antikörper-Wirkstoff-Konjugate oder DNA-basierte Ansätze. Und wir haben die Möglichkeit, diese Ansätze intelligent zu kombinieren, um wirksamer, aber auch verträglicher zu werden. Zusammen mit der molekularen Diagnostik werden wir zunehmend mehr personalisierte Therapieentscheidungen treffen können. Davon werden Menschen mit Krebs massiv profitieren.
Forschende Pharmaunternehmen betonen gerne: „Wir brauchen stabile Rahmenbedingungen und Planbarkeit.“ Warum?
Völkl: Die Entwicklung eines Medikaments dauert im Schnitt zwölf Jahre und kostet durchschnittlich über zwei Milliarden Dollar. 75 Prozent dieser Kosten entstehen durch die klinischen Studien. Der Prozess ist teuer, zeitintensiv und risikoreich – nur einer von rund 10.000 Kandidaten in der Frühphase der Forschung schafft es bis zur Zulassung. Umso wichtiger ist Planbarkeit – weil wir über sehr lange Zeiträume sehr viel Geld investieren müssen. Dabei geht es nicht nur um die Entwicklung des Wirkstoffes, sondern auch um Investitionen in neue Forschungs- und Produktionsstandorte. Wenn sich die Rahmenbedingungen – z. B. bei der Erstattung patentgeschützter Arzneimittel – fundamental verändern, ist die Refinanzierung von Innovation schwierig. Ich bin froh, dass wir in Deutschland mit Pharmastrategie, Koalitionsvertrag und Pharmadialog das politische Bekenntnis sehen, die Rahmenbedingungen für forschende Unternehmen zu stärken.
Wie bewerten Sie vor diesem Hintergrund den deutschen Standort?
Völkl: Wir sehen im Bereich der klinischen Forschung, dass Deutschland im weltweiten Ranking an Attraktivität eingebüßt hat. Das ist schon deshalb unglücklich, weil wir einen exzellenten Standort haben – mit einer starken Forschungslandschaft, professionell aufgestellten Studiengruppen und hochqualifizierten Fachkräften. Wir müssen schlicht schneller werden. Die üblichen Stichworte sind Bürokratisierung – zu viel – und Digitalisierung – zu wenig. Mit dem Medizinforschungsgesetz wurden Anreize geschaffen, um wieder mehr Menschen in klinischen Studien zu behandeln – eine wichtige Weichenstellung, um im internationalen Kontext mithalten zu können. Jetzt geht es um die Umsetzung.
Was muss passieren?

Völkl: Wir müssen in die Infrastruktur investieren, um mehr klinische Studien durchführen zu können. Das Instrument einer Studie als Therapieoption – z. B. für Menschen, die als austherapiert gelten – ist zu wenig bekannt. Das ist gerade bei Krebs dramatisch, weil in manchen Indikationen der Fortschritt so rasant ist, dass die klinische Studie und nicht das bereits zugelassene Arzneimittel die bessere Therapie sein kann. Deshalb arbeiten wir an Projekten, um mehr Transparenz darüber zu schaffen, welche Möglichkeiten den Betroffenen und ihren Behandlern offenstehen. Mehr Studien? Das hat auch einen ökonomischen Aspekt: In den Studien bezahlen wir Entwickler die Arzneimittel und nicht die Krankenkassen.
Werden Sie in Zukunft mehr Studien in Deutschland durchführen?
Völkl: Das ist das Ziel. Wir führen heute 11 Studien in 59 Zentren in den verschiedensten Krebsindikation durch und wollen das steigern. Aber man darf den internationalen Wettbewerb nicht unterschätzen. BeOne ist global aufgestellt. Wir führen klinische Studien niemals nur in einem Land durch. Da sie einen der zentralen Kostenblöcke darstellen, geht es neben der Sicherheit auch um Zeit. Keiner wird auf Dauer auf Deutschland warten, wenn es andere Länder schaffen, schneller zu rekrutieren. Das wäre auch unverantwortlich, weil es die Zeit zur Zulassung verzögert und Menschen mit Krebs auf ein innovatives Medikament warten müssten. Zeit ist etwas, was Krebspatienten in der Regel nicht haben.
Wenn wir schwer kranken Menschen etwas Gutes tun wollen und wir davon ausgehen, dass klinischen Studien etwas Gutes für schwer kranke Menschen sind, dann…
Völkl: …sollten wir zusehen, dass wir unsere Prozesse rund um klinische Studien beschleunigen, vor allem durch Digitalisierung. Und wir müssen sehen, dass die Fachkräfte dafür da sind. Klinische Studien erfordern eine hohe Expertise und sie erfordern Ressourcen – menschlich, technisch, finanziell.
Gerade im Bereich der Onkologie kritisieren die Krankenkassen massive Preissteigerungen bei neuen Präparaten. Was sagen Sie dazu?
Völkl: Forschung ist teuer. Der Return of Investment in der Pharmaforschung sinkt seit Jahren und liegt momentan bei rund 1,2 Prozent. Auf der anderen Seite bieten Arzneimittelinnovationen nicht nur einen medizinischen, sondern auch einen hohen volkswirtschaftlichen Nutzen – in erster Linie durch längere Lebenszeiten, weniger Hospitalisierungen, weniger Folgekosten, mehr Lebensqualität. In Deutschland haben wir bereits einen hohen Grad an Preisregulierung. Die Preise sind das Ergebnis der Verhandlungen zwischen den Krankenkassen und den jeweiligen pharmazeutischen Unternehmer. Es gibt also ein Einverständnis – von daher ist die Kritik der Kassen an zu hohen Preisen auch eine Kritik am eigenen Verhandlungsergebnis. Aber: Wir suchen mit den Kostenträgern natürlich nach tragfähigen Lösungen; eine Innovation ist nichts wert, wenn sie nicht da ankommt, wo sie gebraucht wird. Der Zugang zu unseren Medikamenten für Menschen, die sie benötigen, bestimmt unser Handeln. Das funktioniert: Unser BTK-Hemmer wird in 25 von 27 Ländern Europas bereits erstattet – ist also verfügbar.

Eine viel gegoogelte Frage lautet: Wann wird Krebs heilbar sein?
Völkl: Es gibt nicht den einen Krebs; Krebs – das sind über 200 verschiedene Tumorerkrankungen mit eigener Biologie und eigenen Herausforderungen. Mit der Forschung erschaffen wir uns zunehmend ein breites Instrumentarium, um an den Ursachen ansetzen zu können. In einigen Indikationen sehen wir, dass Menschen nicht mehr am Krebs versterben, sondern mit dem Krebs; sprich: an anderen Krankheiten. Das ist ein großer Erfolg. Wann Krebs heilbar ist? Es wäre unseriös ein konkretes Datum zu nennen. Umso mehr müssen wir mit hohem Tempo weiter forschen. Nur in der Wissenschaft finden wir die Antworten darauf, wie wir Krebserkrankungen vielleicht eines Tages heilen können. Dass wir in diesem Punkt nicht nachlassen werden – das ist unser Versprechen.
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Vom Nutzen neuer Krebsmedikamente
Trotz aller Fortschritte bei Prävention, Diagnose, neuartigen Arzneimitteln und besserer Nachsorge stellen Krebserkrankungen eine große Herausforderung für die öffentliche Gesundheit dar. Gerade deshalb sollten Arzneimittelinnovationen als das betrachtet werden, was sie sind: eine Investition in die Zukunft und in eine prosperierende Wirtschaft. Das zeigt eine Studie, die der europäische Pharmaverband EFPIA vorgestellt hat.

Krebs: Den Kampf gegen die Krankheit neu denken
Mit der Nationalen Dekade gegen Krebs (NDK) ist Deutschland ein Vorreiter für koordinierte Krebsforschung. Die Initiative ist eine der ersten, staatlich initiierten nationalen Forschungs- und Aktionsstrategien gegen den Krebs. Sie zielt darauf ab, die Krebsforschung, Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge zu stärken. Das Besondere: Sie bringt alle relevanten Akteure an einen Tisch. Nun ist Halbzeit – und damit Zeit für eine Bilanz.

Investition in das Morgen: Gesundheit durch neue Krebs-Medikamente
Eine Balance finden: Das will Dr. Xiaobin Wu, der beim Onkologieunternehmen BeOne Medicines (ehemals BeiGene) das operative Geschäft leitet. Eine Balance zwischen den Möglichkeiten, die die Forschung für die Behandlung krebskranker Menschen heute schon bereitstellt, und der Notwendigkeit, dass Gesundheitssysteme nachhaltig finanzierbar bleiben müssen. Ein Pharma Fakten-Gespräch über den Einsatz gegen Krebs, das Ziel, die Forschung effizienter zu gestalten, und die Frage, wie man Menschen in einkommensschwächeren Regionen mit Innovationen unterstützen kann.
