
In der Onkologie geht was in Deutschland. In den vergangenen Jahren hat sich die 5-Jahresüberlebensrate von Krebspatient:innen bei ungefähr 60 Prozent eingependelt. Die Therapiefortschritte sind enorm, der Übergang von Chemotherapien zu personalisierten Ansätzen ist eingeleitet, was die Wirksamkeit erhöht und die Nebenwirkungen reduzieren kann – und dadurch die Lebensqualität der Menschen mit Krebs verbessert. Ein Treiber dieses Fortschritts ist die NDK – jene Initiative, die 2019 von den Bundesministerien für Bildung und Forschung (BMBF, heute: BMFTR) und für Gesundheit (BMG) gestartet wurde. Auch forschende Pharmaunternehmen spielen eine tragende Rolle – Grund für die LAWG Deutschland e.V., ein Verein, in dem 17 forschende Pharmaunternehmen aktiv sind, auf einem parlamentarischen Abend in Berlin eine Zwischenbilanz zu ziehen.
Forschende Pharmaunternehmen leisten im Kampf gegen Krebs durch Forschung, klinische Studien, Kapitalfonds, Start-up-Förderung und Qualitätssicherung einen wichtigen Beitrag. „Unter dem Dach der NDK engagieren wir uns zusätzlich in der Versorgungsforschung, Prävention, digitalen Onkologie, bei neuen Ansätzen in der Früherkennung und Biomarkerforschung“ so Dr. Michael Busse, der beim Unternehmen MSD für die Onkologie zuständig ist. Oder um es mit den Worten des Parlamentarischen Staatsekretärs im BMFTR Michael Hauer zu sagen: „Sie leisten Großartiges. Ohne die Innovationskraft der Unternehmen, ohne den Transfer aus den Laboren in marktfähige Anwendungen, ohne den Mut zu investieren, würden die großartigen Ideen nicht den Weg zu den Patientinnen und Patienten finden.“
Krebs: Große Fortschritte, aber der Kampf ist nicht gewonnen

Der Kampf gegen Krebs wird immer besser, aber er ist nicht gewonnen. 500.000 Neudiagnosen sind es im Jahr, Ende des Jahrzehnts werden es wahrscheinlich 600.000 sein. „Innovation ist deshalb unverzichtbar“, so Busse. Gen- und Zelltherapien, Antikörper-Wirkstoffkonjugate, therapeutische Krebsimpfstoffe, Liquid Biopsy oder KI-gestützte Forschung stehen für neue Chancen, Krebskrankheiten besser behandeln zu können. Aber der Manager sieht auch Herausforderungen. „Da ist die Finanzierung von Hochrisikoforschung, die Abhängigkeit vom US-amerikanischen Markt, wie haben mit dem AMNOG ein komplexes Regelwerk der Nutzenbewertung.“ Mittlerweile sind es rund 100 Arzneimittel, die in Deutschland nicht verfügbar, aber in anderen Ländern zugelassen sind. „Wir sehen, dass Forschungsanreize verloren gehen und Schlüsseltechnologien anderswo weiterentwickelt werden – dafür müssen wir nur in den Fernen Osten schauen.“ Dass sich das ändern soll, kann man im Koalitionsvertrag nachlesen; dort hat sich die Bundesregierung das Ziel gesetzt, Deutschland zu einem weltweit führenden Standort für Pharmaforschung zu machen.
Im Rahmen der NDK wurde das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen, kurz: NCT, von zwei auf sechs Standorte ausgebaut. „Sie verbinden exzellente Forschung und Versorgung unter einem Dach, damit schaffen wir für noch mehr kranke Menschen neue Diagnose- und Therapiemöglichkeiten“, sagt Hauer. Außerdem ist es erklärtes Ziel, die Zahl der klinischen Studien zu steigern. „Wir wollen verstehen, was in Tumorzellen geschieht und wie sie der Kontrolle des Körpers entkommen.“ Allein dafür hat sein Ministerium Millionensummen zur Verfügung gestellt. Eines dieser Projekte ist die Erforschung einer CAR-T-Therapie bei Bauchspeicheldrüsenkrebs, die von Forschung und Pharmaindustrie gemeinsam entwickelt wird. „Wir wollen Spitzenforschung, die unmittelbar den Menschen zugutekommt.“
Prävention und Früherkennung: Drei Viertel der Todesfälle vermeiden

Den Krebs gar nicht erst entstehen zu lassen – auch die Prävention will die NDK gezielt stärken. Hier sieht Hauer großes Potenzial: „40 Prozent aller Krebserkrankungen könnten verhindert werden, ergänzt man die Früherkennung, könnten wir künftig drei Viertel der Todesfälle vermeiden.“ Und noch eines ist ihm wichtig: „Wir sind davon überzeugt, dass Forschung besser wird, wenn Patientenvertreterinnen und Patientenvertreter eingebunden sind.“ Hauer sagt, dass die NDK die Voraussetzungen schafft, um den Kampf gegen den Krebs „neu zu denken.“
Ulla Ohlms ist selbst Brustkrebspatientin und seit vielen Jahren in der Interessensvertretung engagiert. Sie sagt: „Wir Patientinnen und Patienten haben von der NDK sehr profitiert. Mit der NCT-Erweiterung haben wir eine ganz neue Rolle gekriegt.“ Aus Patient:innen sind im Rahmen der Dekade Forschungspartner geworden. „Es gibt keine Forschungsanträge mehr, ohne dass Patienten mitgesprochen haben.“
Bei der Durchführung klinischer Studien konkurriert Deutschland mit anderen Ländern, die unbürokratischer, digitaler und dadurch schneller unterwegs sind. Der SPD-Politiker Matthias Mieves verwies darauf, dass die Politik in dieser Hinsicht schon einiges geliefert habe. Mit dem Medizinforschungsgesetz wurden die Rahmenbedingungen verbessert, „damit Studien in Deutschland einfacher, schneller und unbürokratischer werden.“ Mit dem Gesundheitsdatennutzungsgesetz habe man die Bedingungen geschaffen, um künftig Gesundheitsdaten besser nutzen zu können. „Unser Ziel ist: Wir wollen in Europa wieder die Nummer 1 bei klinischen Studien werden“, so der SPD-Mann.
Krebs: Exzellente Forschungslandschaft, aber…

Die Voraussetzungen dafür sind gut – zumindest, wenn man Professorin Dr. Ulrike Köhl vom Fraunhofer Institut zuhört. „Deutschland hat eine exzellente Forschungslandschaft. Wenn wir uns aber die Gen- und Zelltherapien anschauen, dann findet zwar die Innovation hier statt, aber das Geldverdienen woanders. 90 Prozent aller Gen- und Zellstudien laufen in China und USA und weniger als fünf Prozent in Deutschland. Das müssen wir ändern.“
„Stellen Sie sich vor, wir wachen in einer Welt auf, in der Krebs nicht mehr eine lebensverändernde Diagnose, sondern eine beherrschbare Erkrankung ist.“ Mit diesen Worten war Staatsekretär Hauer in seinen Vortrag gestartet. „Eine Welt, in der die Therapien so präzise sind, dass der Schrecken der Krankheit an Macht verliert.“ Das Erfolgsrezept dabei ist, dass alle relevanten Akteure eingebunden sind: Die Politik, die Wissenschaft und Forschung, das Gesundheitswesen, die Patient:innen und die pharmazeutischen Unternehmen. Denn der Kampf gegen Krebs ist nur gemeinsam wirklich erfolgreich.
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