Was muss passieren, damit Deutschland als Gesundheitswirtschaftsstandort Teil der Weltspitze bleibt? Die IGBCE sowie acht Pharmaunternehmen haben dazu ein Positionspapier erarbeitet. Foto: iStock.com/industryview
Was muss passieren, damit Deutschland als Gesundheitswirtschaftsstandort Teil der Weltspitze bleibt? Die IGBCE sowie acht Pharmaunternehmen haben dazu ein Positionspapier erarbeitet. Foto: iStock.com/industryview

Innovationen made in Germany: Forschung „darf nicht im Labor stecken bleiben“

Die industrielle Gesundheitswirtschaft – mit einer Bruttowertschöpfung von mehr als 100 Milliarden Euro und knapp 1,1 Millionen Arbeitsplätzen – ist wichtig für Deutschland. Doch die hiesige Innovationskraft steht unter internationalem Wettbewerbsdruck. Was muss passieren, um nicht den Anschluss zu verlieren? Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE) sowie mehrere Pharmaunternehmen haben dazu ein Positionspapier erarbeitet – mit sechs Handlungsempfehlungen „für eine zukunftsfeste und gesunde Industriepolitik“.
„Gesunde Industriepolitik – Fortschrittsdialog“ - Thema des diesjährigen Dialogformats war die Überwindung der Translationslücke.
„Gesunde Industriepolitik – Fortschrittsdialog“ – Thema des diesjährigen Dialogformats war die Überwindung der Translationslücke.

„Deutschland verfügt über eine starke Basis an universitären und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Doch die Erkenntnisse der exzellenten Grundlagenforschung werden noch zu selten in marktreife Gesundheitsinnovationen übersetzt, die einen spürbaren Mehrwert für die direkte Patient:innenversorgung bedeuten“, schreiben die IGBCE, Amgen, Bayer, Boehringer Ingelheim, Gilead, Novartis, GSK, Roche und Merck in ihrer gemeinsamen Publikation. Verabschiedet wurde das Papier auf einem Treffen der Veranstaltungsreihe Gesunde Industriepolitik – Fortschrittsdialog“ in Berlin: Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft diskutierten dort darüber, wie die sogenannte Translationslücke überwunden und der Innovationsstandort Deutschland gestärkt werden kann.

Dr. Guillaume Wendt, Evidence Generation Director bei Novartis Deutschland, erklärte: „Als forschendes Pharmaunternehmen bedeutet Translation für uns, wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete Therapien zu überführen – und das schneller als bisher“. Forschung, klinische Entwicklung und industrielle Umsetzung müssten dafür „Hand in Hand gehen“. Entscheidend seien „starke Kooperationen und Partnerschaften mit Forschungseinrichtungen, Universitäten, Start-ups und anderen Akteuren“. Hatice Camdere, Executive Director Value, Access & Policy, Amgen, betonte: „Wir brauchen klare politische Signale für stabile Rahmenbedingungen. Ein starker Forschungsstandort zeichnet sich nicht nur durch Exzellenz in Wissenschaft und Entwicklung aus, sondern auch durch einen breiten und schnellen Marktzugang für innovative Arzneimittel. Wo dieser Zugang eingeschränkt ist, werden Investitionen in Frage gestellt. Eine stärkere Vernetzung von öffentlichen Forschungseinrichtungen und privaten Unternehmen würde den erforderlichen Wissenstransfer beschleunigen.“

Handlungsempfehlungen „für eine zukunftsfeste und gesunde Industriepolitik“

Sabine Süpke, Leiterin des Landesbezirks Hessen-Thüringen bei der IGBCE, ist überzeugt: „Nur wenn wir als Industriestandort – Beschäftigte, Forschung, Länder, Wirtschaft und Politik – zusammenwirken, kann Deutschland seine Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit voll entfalten.“ Im Positionspapier haben Industriegewerkschaft und Pharmaunternehmen sechs Handlungsempfehlungen formuliert:

Pharmastandort Deutschland
6 Handlungsempfehlungen für mehr Innovationskraft. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff
  1. konditionierte Forschungsförderung: Die staatliche Forschungsförderung sei „eine große Chance, medizinische Innovationen voranzutreiben“ – es müsse jedoch „darauf geachtet werden, dass öffentliche Gelder in Cluster, Forschungseinrichtungen, Start-ups oder Unternehmen fließen“, die soziale Standards (z. B. faire Löhne) und ökologische Standards einhalten. Dafür braucht es „klare, messbare Ziele und Kontrollmechanismen“.
  2. Bündelung von Fördertöpfen und -quellen: Die zahlreichen öffentlichen Förderquellen für Forschung und Entwicklung in Bund und Ländern sollten gebündelt, „durch privates Kapital flankiert und zu einer lückenlosen Finanzierungskette über alle Wertschöpfungsstufen und Regionen verbunden werden.“ Der geplante „Deutschlandfonds“ könne ein „wertvolles Instrument“ sein: Die „bereitgestellten Mittel müssen auch in Richtung Gesundheitsforschung fließen. Hierzu wird ein dedizierter Biotech oder Life Science Fond benötigt“ – gerade mit Blick auf die Finanzierung von Start-ups.
  3. Erleichterung des Zugangs zu Wagniskapital: Um die Gründung und Entwicklung von Start-ups z. B. in der Biotechnologie zu unterstützen, braucht es einfacheren Zugang zu Wagniskapital . Hier gibt es viele Ansatzpunkte – darunter die „Schaffung von steuerlichen Anreizen“: Denkbar ist die „Einführung eines Wagniskapitalfreibetrags, bei dem ein bestimmter Teil der Investitionen in innovative Start-ups steuerfrei bleibt.“
  4. Förderung von Cluster-Strukturen: „In den Bundesländern sollten die regionalen Innovationscluster durch eine verbesserte Infrastruktur, gezielte Ansiedlungshilfen für Start-ups und die Stärkung des Clustermanagements gefördert werden“, heißt es. „Es muss Schluss sein mit der Förderung immer neuer Cluster durch neue Fördermaßnahmen“ – das erzeuge Doppelstrukturen und letztlich Konkurrenz „um dieselben privaten Mittel und öffentlichen Projektförderungen.“
  5. Erhöhung der Durchlässigkeit zwischen akademischer und industrieller Forschung: Wie kann es gelingen, den Austausch von Wissen und Innovationen zu fördern? Zum Beispiel durch „gemeinsame Karrierepfade und Förderprogramme für Doppelkarrieren“. Andere Vorschläge: „Indikatoren wie die Anzahl der Ausgründungen und Industriekooperationen könnten herangezogen werden, um die Qualität und in letzter Instanz auch das Budget einer Universität zu bestimmen.“ Und: Priorität muss die Gewinnung, Entwicklung und Bindung von Beschäftigten für die Forschung haben.
    Stärkung der Translationsinfrastruktur und Förderung von Inkubator Strukturen
    Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft effizient miteinander vernetzen. Foto: ©iStock.com/Ridofranz
  6. Stärkung der Translationsinfrastruktur und Förderung von Inkubator Strukturen: Empfohlen wird u. a. die Schaffung von „One-Stop-Shops“. Das sind zentrale Anlaufstellen, bei denen wichtige Dienstleistungen und Ansprechpartner:innen rund um den Technologietransfer gebündelt sind – sodass sich Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft effizient miteinander vernetzen können, ohne viele verschiedene Institutionen einzeln kontaktieren zu müssen. Eine weitere denkbare Maßnahme wäre auch, dass zum Beispiel Universitäten „einen einheitlichen Formularschrank zur Verfügung stellen, so dass nicht jeder Vertrag (Lizenzvertrag, Kaufvertrag, Mietvertrag etc.) von jedem Spin-Off wieder neu verhandelt werden muss.“

Matthias Mieves, MdB, Mitglied im Ausschuss für Gesundheit sowie im Ausschuss für Digitales und Staatsmodernisierung und stellvertretender gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, unterstrich als Schirmherr des Fortschrittsdialogs: „Die industrielle Gesundheitswirtschaft ist ein entscheidender Motor für Innovation. Die Basis dafür ist Forschung, und diese darf nicht im Labor stecken bleiben. Wir brauchen Menschen, die etwas wagen, die neue Produkte entwickeln, innovative Lösungen finden und Unternehmen gründen. Dafür braucht es Mut und Energie, aber auch die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Deshalb setze ich mich dafür ein, dass Gründungen bei uns einfacher werden. Mit Start-up-Hubs, gezielten Förderprogrammen und konkreter Unterstützung wollen wir jungen und kleinen Unternehmen helfen, zu wachsen und erfolgreich zu sein.“

Weiterführende Links:

https://fortschrittsdialog.de/

Positionspapier: „Gemeinsam für eine zukunftsfeste und gesunde Industriepolitik“

https://www.novartis.com/de-de/medien/pressemitteilungen/vom-forschungsergebnis-zur-anwendung-treffen-von-gesunde-industriepolitik-fortschrittsdialog-liefert-strategien-fur-erfolgreichen-wissenstransfer

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