Antibiotikaresistenzen sind eine zunehmende, globale Gefahr. Eine Lösung? Pharmaforschung. Doch die hat es nicht leicht. Der Grund: Marktversagen. Foto: ©iStock.com/kieferpix
Antibiotikaresistenzen sind eine zunehmende, globale Gefahr. Eine Lösung? Pharmaforschung. Doch die hat es nicht leicht. Der Grund: Marktversagen. Foto: ©iStock.com/kieferpix

Arzneimittel verlieren Wirkung: Lösungen für Antibiotikakrise gesucht

2019 starben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation 1,3 Millionen Menschen weltweit, weil Antibiotika bei ihren Infektionen nicht wirkten. Immer mehr Bakterien werden resistent gegenüber verfügbaren Arzneimitteln. Eine Lösungsstrategie? Neue Wirkstoffe. Pharmazeutische Forschung ist gefragt. Doch die hat es nicht leicht. Ein Ökonom und eine Wissenschaftlerin führen das auf ein „Marktversagen“ zurück. Sie haben ein „Netflix“-Modell entworfen, womit die Politik die Forschung ankurbeln und zahlreiche Todesfälle verhindern könnte.

Ein „Marktversagen liegt vor, wenn der Marktmechanismus aus Angebot und Nachfrage nicht zu den volkswirtschaftlich wünschenswerten Ergebnissen führt“, heißt es im Online-Wirtschaftslexikon der Bundeszentrale für politische Bildung. Ein Beispiel, das sich zur Erklärung bestens eignet? Die Forschung und Entwicklung an neuen Antibiotika. Ökonom Adrian Towse aus dem Vereinigten Königreich (UK) und Wissenschaftlerin Rachel Silverman Bonnifield vom US-amerikanischen Think Tank „Center for Global Development“ schreiben in einer gemeinsamen Publikation: „Grob gesagt entsteht ein Marktversagen, weil es Privatunternehmen nicht möglich ist eine auskömmliche Rendite zu erwirtschaften – trotz des sehr hohen gesellschaftlichen Werts, den neue antimikrobielle Substanzen haben“. 

Der Bedarf an Antibiotika ist groß.
Es braucht Investitionen in F&E von neuen antimikrobiellen Substanzen. Foto: ©iStock.com/gorodenkoff

Das heißt konkret:

  1. Der Bedarf ist groß: Erst kürzlich hatte ein Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gezeigt, dass immer mehr Bakterien, die teils lebensbedrohliche Infektionen auslösen können, resistent gegenüber bewährten Antibiotika werden und sich ihrer Wirkung entziehen. WHO-Chef Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus warnt: „Antimikrobielle Resistenzen schwächen die moderne Medizin und bringen Millionen Menschen in Lebensgefahr.“ Towse und Bonnifield sagen: „Ohne genügend Investitionen in die Forschung und Entwicklung von neuen antimikrobiellen Substanzen könnte die Zahl der Todesfälle aufgrund arzneimittelresistenter Infektionen im kommenden Jahrzehnt drastisch ansteigen.“
  2. Obwohl neue Antibiotika dringend gebraucht werden, können forschende pharmazeutische Firmen nach ihrer Markteinführung nicht mit einer hohen Nachfrage rechnen. Denn um zu gewährleisten, dass die neuen Präparate lange ihre Wirksamkeit behalten, gilt es einer Resistenzentwicklung vorzubeugen und sie möglichst wenig einzusetzen. Towse und Bonnifield erklären: „Neue antimikrobielle Arzneimittel sollten nur bei jenem kleinen Teil an Patient:innen verwendet werden, bei denen andere, bewährte […] Therapieoptionen nicht funktioniert haben. Dadurch ist das anfängliche Verkaufsvolumen niedrig“. Die Nachfrage steigt erst über sehr lange Zeithorizonte hinweg – wenn Schritt für Schritt immer mehr der vormals bewährten Antibiotika ihre Wirkung verlieren. Den größten gesellschaftlichen Wert erlangen sie dementsprechend womöglich erst, wenn sie nicht mehr unter Patentschutz stehen und kostengünstige Nachfolgepräparate anderer Firmen verfügbar werden. Für privatwirtschaftlich agierende Pharmaunternehmen ist aber die Zeit, in der ihr Präparat unter Patentschutz ist, wichtig, um Einnahmen zu generieren. Nur so können sie weiter in Spitzenforschung investieren und an innovativen Therapien arbeiten. 

„Bei neuen Antibiotika-Klassen erreicht nur jeder 30. Wirkstoff-Kandidat in der präklinischen Entwicklung den Patienten – alle anderen scheitern aus den verschiedensten Gründen“, betonte John McGinley von Pfizer Deutschland in einem Interview mit Pharma Fakten. „Ein Antibiotikum zu entwickeln, kann über eine Milliarde Euro kosten – wir müssen die gescheiterten Projekte ja in die Kalkulation mit einbeziehen. Und es kann gut und gerne bis zu fünfzehn Jahre dauern.“ Auf diese Tatsache trifft eine geringe Renditeaussicht – ein Geschäftsmodell ist das nicht.

„Dadurch gelingt es sogar Unternehmen, die erfolgreich ein neuartiges Antibiotikum entwickelt und auf den Markt gebracht haben, meist nicht, ihre Investitionen wieder hereinzuholen. Mehrere kleine Biotechfirmen sind Bankrott gegangen, nachdem sie neue antimikrobielle Präparate verfügbar gemacht hatten“, so Towse und Bonnifield. 

Ein „Netflix“-Modell für den Antibiotika-Markt?

Ein „Netflix“-Modell für den Antibiotika-Markt?
Für den Antibiotika-Markt: Ein „Netflix“-Modell? Foto: ©iStock.com/Richard Villalonundefined

Was also tun, um das zu ändern? Ein „besonders vielversprechender […] Ansatz – ein sogenanntes Abo-Modell – würde Antibiotika-Herstellern eine jährliche Bezahlung garantieren, die vom Verkaufsvolumen losgelöst ist.“ Am Beispiel der USA haben Towse und Bonnifield ein „Abo-Modell im Netflix-Stil“ entworfen und durchgerechnet: „Es würde den Firmen bei erfolgreicher Markteinführung fixe, planbare Einnahmen bieten. Die Bezahlung würde über eine Dekade lang jedes Jahr getätigt werden – das würde die US-Regierung dazu berechtigen, ihrer Bevölkerung eine unbegrenzte Menge des jeweiligen Arzneimittels zu beschaffen.“ Nach Ablauf des Abo-Zeitraums könnte die Regierung das Arzneimittel weiterhin erwerben – zu einem stark vergünstigten Preis.

„Die USA sollten sich für die nächsten 30 Jahre an ein solches Programm binden, um langfristige Investitionen in Forschung und Entwicklung möglich zu machen“, so die Empfehlung. Dem Modell zufolge könnte es über diese gesamte Periode 383.000 Todesfälle verhindern sowie Kosten im Gesundheitswesen und die Krankheitslast in der Bevölkerung im Wert von insgesamt 494,8 Milliarden US-Dollar senken – weil 18 neue Antibiotika verfügbar werden. Dem gegenüber stehen 17,9 Milliarden US-Dollar: So viel kostet das Programm die US-Regierung im gesamten Zeitraum. Global gedacht könnte noch mehr erreicht werden: Kosten in Höhe von 38,9 Milliarden US-Dollar stünden 9,9 Millionen verhinderten Todesfällen weltweit sowie eine deutlich geringere Krankheitslast – beziffert mit einem Wert von 4,9 Billionen US-Dollar – gegenüber.

Auf Basis ihrer Ergebnisse ermutigen Towse und Bonnifield den US-Kongress dazu, unbedingt ein „Abo-Modell“ für neue antimikrobielle Arzneimittel zu finanzieren und zu bewilligen. Sie verweisen explizit auf den sogenannten „PASTEUR Act“ – ein bereits vorgelegter Gesetzentwurf, der tatsächlich mittels Abo-ähnlichen Zahlungen der Antibiotikaforschung unter die Arme greifen möchte.

Menschheit: Nicht machtlos gegenüber Antibiotikakrise

Menschheit: Nicht machtlos gegenüber Antibiotikakrise
Antibiotikakrise: Nichtstun kommt nicht in Frage. Foto: ©iStock.com/microgen

„Die Menschheit befindet sich in einem Wettrennen mit der Resistenzentwicklung“, so der Ökonom und die Wissenschaftlerin. Die Lebensspanne von Medikamenten wie Antibiotika ist natürlicherweise durch Evolutionsprozesse begrenzt – denn Krankheitserreger mutieren über die Zeit; das Bakterium, das sich am besten anpasst und am überlebensfähigsten ist, setzt sich durch. Nichtstun kommt nicht in Frage: „Wir müssen sicherstellen, dass neuartige antimikrobielle Arzneimittel verfügbar sind, um althergebrachte Therapien, deren Wirkung abnimmt, zu ersetzen.“ 

Für „eine starke Entwicklungspipeline“ zu sorgen ist allerdings nicht die einzig zu ergreifende Maßnahme. „Das Risiko für Resistenzen steigt, wenn antimikrobielle Medikamente zu oft oder unsachgemäß angewendet werden“. Ein zu früher Therapieabbruch, übermäßiger Gebrauch von Antibiotika in der Tierhaltung, unbedachte Freisetzung der Wirkstoffe in die Umwelt – dies alles beschleunigt die Krise.

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