„Deutschland auf der Zielgeraden? Die Elimination von Hepatitis C BIS-2030“ – das war Thema einer Tagesspiegel-Expertenrunde.
„Deutschland auf der Zielgeraden? Die Elimination von Hepatitis C BIS-2030“ – das war Thema einer Tagesspiegel-Expertenrunde.

Hepatitis C-Elimination bis 2030: Warum Fachleute Zweifel haben

Potenziell lebensbedrohlich: Das ist Hepatitis C. Doch es gibt Test- und Behandlungsmöglichkeiten, die eine Elimination dieser gefährlichen Lebererkrankung möglich machen. Bis 2030 soll das eigentlich gelingen, gibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor. Doch Deutschland schafft das nicht – so sieht es aktuell zumindest aus. Die Leidtragenden sind die Betroffenen. Was nun passieren muss? Darüber sprachen Fachleute bei einer Tagesspiegel-Veranstaltung in Berlin.

Die Fakten

  • Die WHO hat das Ziel ausgerufen, bis 2030 die Virushepatitis zu eliminieren.
  • Dazu braucht es eine Reduktion der Hepatitis-B- und Hepatitis-C-Virus-Infektionen um 90 Prozent, die Behandlung von 80 Prozent der therapiebedürftigen Infizierten und eine Reduktion der HBV- und HCV-assoziierten Todesfälle um 65 Prozent.
  • Deutschland hinkt hinterher: Es sind 627 weniger HCV-Patient:innen diagnostiziert und 16.629 weniger therapiert, als zum jetzigen Zeitpunkt zur Zielerreichung notwendig wären (Stand: 1. Quartal 2026).

„Es ist eine einmalige Chance, die wir haben: Hepatitis C ist im Gegensatz zu anderen Infektionskrankheiten nahezu vollständig heilbar“, so leitete Nicolas Köhn, Geschäftsführer beim Tagesspiegel, in die von den Pharmaunternehmen AbbVie und Gilead unterstützte Expertenrunde ein. Das sei „eine wissenschaftliche Errungenschaft, die noch vor einer Generation nahezu undenkbar schien“.

Prof. Frank Tacke, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hepatologie und Gastroenterologie an der Charité, bestätigte: Früher ließ sich die Viruserkrankung mit Interferon höchstens „ein bisschen eindämmen“. Seit Anfang 2015 sei das anders: „Über sogenannte direkt antivirale Agenzien haben wir die Möglichkeit fast in 100 Prozent [der Fälle] das Virus zu eliminieren“ – relativ nebenwirkungsarm und innerhalb weniger Wochen per Tablette. Und ganz neu: „Wir haben nun auch die Chance, eine akute Hepatitis C zu behandeln, weil die Zulassung erteilt wurde. Das heißt, wir müssen nicht warten, dass sie chronifiziert“, ergänzte Dr. Kerstin Stein, Fachärztin für Innere Medizin und Gastroenterologie, Hepatologie in Magdeburg.

Man sollte meinen, so Tacke, „dass es eigentlich ein Leichtes wäre, Hepatitis C zu eliminieren“. Doch Realität ist: Die Therapie allein kann die Herausforderung nicht lösen. Schließlich müssen die Betroffenen zunächst gefunden und in Behandlung überführt werden. Das erweist sich als schwieriger als gedacht.

Hepatitis-Elimination: „zum Stillstand gekommen“

Im Jahr 2016 hatte sich Deutschland mit einer eigenen „Strategie zur Eindämmung von HIV, Hepatitis B und C sowie anderer sexuell übertragbarer Infektionen“ („BIS 2030“) dem WHO-Ziel angeschlossen. Zu Beginn waren die Fortschritte groß: Die Zahl der HCV-Infizierten sank zwischen 2012 und 2020 um circa 90.000 Fälle. „In Deutschland rechnen wir im Moment damit, dass noch ungefähr 0,2 Prozent der Bevölkerung betroffen sind“, weiß Tacke. Das entspricht rund 189.000 Menschen.

Prof. Frank Tacke hatte einen Lagebericht zu Hepatitis C in Deutschland.
Prof. Frank Tacke hatte einen Lagebericht zu Hepatitis C in Deutschland.

Inzwischen sei das Ganze „ein bisschen zum Stillstand gekommen“. Der HCV-Tracker gibt dem Klinikdirektor Recht: Demnach hinkt Deutschland hinterher. Es sind 627 weniger HCV-Patient:innen diagnostiziert und 16.629 weniger therapiert, als zum jetzigen Zeitpunkt zur Erreichung der WHO-Ziele notwendig wären. Bis 2030 müssten noch rund 39.000 Patient:innen eine Diagnose erhalten und 85.000 behandelt werden (Stand: 1. Quartal 2026). Doch wie erreicht man die Menschen, „die nicht so leichten Zugang zum Gesundheitssystem haben“? HCV bleibe in den „Hoch-Risikopopulationen gefangen“. Übertragen wird das Virus meist über Blut – etwa über die gemeinsame Nutzung unsteriler Spritzen beim Drogenkonsum.

Laut Prof. Florian van Bömmel, Oberarzt in der Hepatologischen Ambulanz und beim Leberkrebszentrum am Uniklinikum Leipzig, gehören zu den vulnerablen Gruppen unter anderem Menschen mit intravenösem Drogenkonsum, Inhaftierte, Obdachlose und Wohnungslose, Migrant:innen aus Ländern mit hohen Erkrankungszahlen oder Menschen ohne Krankenversicherungsschutz.

Mikroelimination in Berlin: niedrigschwellig, aufsuchend, nahtlos

Die Sache mit der Elimination scheitert nicht an der Medizin; sie scheitert an mangelnden Strukturen im Gesundheitssystem. „Stellen Sie sich vor, Sie sind ein nicht Deutsch sprechender Mensch in Berlin: Wenn Sie Hepatitis C haben, dann müssen Sie zur fachärztlichen Praxis, warten vielleicht vier bis zwölf Wochen auf den Termin; womöglich stellt sich raus, Sie haben keine Krankenversicherung und dann reißt das irgendwann ab“, erläuterte Tacke. Soll heißen: Selbst, wenn eine Diagnose erfolgt ist, gelingt es nicht, alle Patient:innen in die Behandlung zu überführen.

Tacke fordert unter anderem niedrigschwellige Testangebote – in Drogenhilfeeinrichtungen und Notunterkünften zum Beispiel. Im Idealfall können die Betroffenen dort direkt mit den Medikamenten anfangen; Sozialarbeiter:innen begleiten die Therapie bei Bedarf, Folge- bzw. Kontrolluntersuchungen finden ebenfalls vor Ort „im Kiez“ statt. Inwiefern die sofortige Therapieeinleitung unabhängig vom Krankenversicherungsstatus zu einer erfolgreichen Mikroelimination beitragen kann, das untersucht die Pilotstudie „REACH C“. Tacke: „Ein Teil der Menschen wird getestet und kriegt das Angebot einer sehr schnellen fachärztlichen Weiterbehandlung. Der zweite Arm wird direkt vor Ort behandelt, in den Strukturen, die vorhanden sind.“ Die Hoffnung des Mediziners ist es, damit zeigen zu können, „wie wichtig es ist, zusätzliche Angebote für vulnerable Gruppen zu machen.“ Die letzten Verträge für diese Studie „werden gerade unterschrieben. Hoffentlich ist das etwas, was wir in diesem Jahr starten können.“

Projekt: Hepatitis-freies Leipzig

Prof. Florian van Bömmel stellte das Modellprojekt LeoH vor.
Prof. Florian van Bömmel stellte das Modellprojekt LeoH vor.

Auch im Raum Leipzig gibt es engagierte Menschen, die alles daransetzen, dass die Versorgung von Menschen mit viralen Hepatitiden besser wird. Der Leberexperte Prof. Florian van Bömmel ist wissenschaftlicher Leiter bei „LeoH: Leipzig ohne Hepatitis“. 2025 wurde es als gemeinsames Modellprojekt des Universitätsklinikums Leipzig, des Klinikums St. Georg und des Wissenschaftlichen Instituts für Gesundheitsökonomie und Gesundheitssystemforschung ins Leben gerufen. Ziel ist es, bestehende Versorgungslücken zu erkennen, ein flächendeckendes Screening zu etablieren und Erkrankte an einen behandelnden Arzt aus dem Netzwerk zu vermitteln. Ein zeitnaher Termin sollte bestenfalls „in der Minute des Anrufs“ mit einer Partnerpraxis verabredet sein, so van Bömmel.

In seinen Augen müssten die bestehenden Strukturen im Gesundheitssystem – im Sinne des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz – insgesamt so angepasst werden, „dass wir die Menschen tatsächlich managen können“; es gilt, sicherzustellen, dass Betroffene frühzeitig diagnostiziert, klassifiziert und effizient dem richtigen Behandler zugeordnet werden. Van Bömmel wünscht sich dabei auch „Unterstützung der Politik“, bis sich die Strukturen von selbst tragen. Ein Projekt wie LeoH funktioniert momentan mit Unterstützung von Pharmaunternehmen: AbbVie und Gilead Sciences sind an Board.

Der Mediziner glaubt „nicht, dass es realistisch ist, dass wir die Eliminierung bis 2030 schaffen“. Aber: „Ich kenne die Community der Hepatologen und die Ärzte in Deutschland. Da sind viele engagierte Leute dabei. Die wollen das schaffen.“ Das stimmt ihn optimistisch. „Wann wir das Ziel erreichen, kann ich nicht sagen, aber wir werden dorthin kommen. Wenn wir Unterstützung kriegen aus der Politik, wird es schneller gehen und dann werden wir Strukturen schaffen, die uns langfristig helfen, Menschen mit Lebererkrankungen schnell zum richtigen Behandler zu bringen und Folgeschäden, metabolische Störungen und Leberkrebs, zu verhindern.“

Hepatitis-Elimination: Politik gefragt

Die Elimination von Hepatitis C bis 2030 war Thema einer Tagesspiegel-Expertenrunde.
Die Elimination von Hepatitis C bis 2030 war Thema einer Tagesspiegel-Expertenrunde.

Auf der Tagesspiegel-Veranstaltung jedenfalls zeigte sich die Bundespolitik engagiert. CDU-Mann Prof. Hendrik Streeck, Grünen-Politikerin Linda Heitmann und SPDler Serdar Yüksel waren vor Ort und sprachen über Themen wie Drogenkonsumräume („wichtiger Baustein“ laut Streeck), Suchthilfe („vielerorts unterfinanziert“ – O-Ton Heitmann), die medizinische Versorgung in Haft (Heitmann: „keine einheitliche Datenlage“) oder zielgenaue Aufklärung rund um Hepatitis („Mehrsprachige Angebote sind wichtig“ – Yüksel).

Streeck betonte, dass die Politik trotz des aktuellen Sparkurses das Thema nicht aus dem Auge verlieren wolle. Yüksel findet: „Der Staat hat eine große Verantwortung. Man kann nicht die BIS-2030-Ziele formulieren und es dann dabei bewenden lassen, dass Hochglanzbroschüren gedruckt und verteilt worden sind.“

Dirk Schäffer, Referent für Drogen und Strafvollzug bei der Deutschen Aidshilfe, unterstrich: „Unser Ziel muss sein, möglichst vielen Menschen Testangebote zu machen und sie erfolgreich zu behandeln. Wir haben so einen Fund in der Hand mit einer tollen Therapie, die weitgehend nebenwirkungsfrei ist und die unabhängig von der Zielgruppe fast zehn von zehn Menschen heilt. Das muss handlungsleitend sein für alle“.

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