Anfangs hatte das Virus nicht einmal einen richtigen Namen; die Wissenschaft sprach von Non-A-/Non-B-Hepatitis, weil es sich von den bereits bekannten Viren unterschied. 1989 gilt als das offizielle Entdeckungsjahr des Hepatitis-C-Virus (HCV) – es war der Startpunkt einer ganz besonderen Geschichte aus dem Reich der Infektiologie. Denn nur 25 Jahre später kam mit Sofosbuvir der therapeutische Durchbruch. Dieser direkt wirkende, antivirale Wirkstoff (DAA: Direct Acting Antivirals) und seine Nachfolger in verschiedenen Kombinationspräparaten machen aus einer schwer beherrschbaren eine heilbare Krankheit. Seitdem gibt es den Plan, Hepatitis C bis 2030 weltweit weitgehend auszurotten. Möglich wäre es – dank intensiver Forschung.
Was die modernen DAAs können, zeigt die Grafik: Heilungsraten, die an der 100-Prozent-Marke kratzen. Selbst schwere, fortgeschrittene Krankheitsverläufe sind heute in der Regel heilbar. Was DAAs von früheren Therapien unterscheidet: Sie hemmen virale Enzyme direkt – und das sehr effektiv und nebenwirkungsarm. Die in früheren Jahren durchgeführte Interferon-Therapie geht einen indirekten Weg: Durch gezielte Beeinflussung des Immunsystems (Immunmodulation) wird es anregt, Virus-infizierte Zellen zu erkennen und zu zerstören. Doch viele Betroffene hielten die Therapie aufgrund der Nebenwirkung nicht durch. Das ist heute anders: Je nach Präparat sind es acht bis zwölf Wochen mit einer einfachen Therapie auf Tablettenbasis (statt bis zu 48 Wochen regelmäßige Injektionen), die für Heilungsraten wie aus dem medizinischen Bilderbuch sorgen.
Hepatitis C eliminieren: Ergebnis intensiver Forschung
Die neue Generation von Hepatitis C-Medikamenten ist das Resultat enormer Investitionen. Weltweit haben Pharmaunternehmen seit 1990 über 870 klinische Studien mit 170.000 Patient:innen durchgeführt. Sie waren damit so erfolgreich, dass die Entwicklung neuer Therapien mittlerweile fast komplett eingestellt ist. Aus medizinischer Sicht ist Hepatitis C längst keine große Herausforderung mehr.
Weiterhin herausfordernd bleibt der Zugang der Betroffenen zu Testung und Behandlung, weil viele Menschen mit HCV zu den so genannten vulnerablen Zielgruppen zählen. Das geht aus dem Weißbuch „Die Elimination von Hepatitis C“ hervor, das die Pharmafirma Gilead Sciences mitentwickelt hat. „In Deutschland haben wir konzentrierte Hepatitis-C-Epidemien in Gruppen mit erhöhtem Risiko“, sagt Martin Flörkemeier, Senior Director Public Affairs bei dem Unternehmen. „Das sind besonders Drogengebrauchende, Menschen im Strafvollzug oder in Obdachlosigkeit und Migrant:innen aus Ländern mit höherer Prävalenz.“ Diese haben gemeinsam, dass sie kaum Zugang zum Gesundheitssystem finden. „Sie fallen bereits bei der Testung häufig durch das Raster. Sie haben kaum Anbindung an die hausärztliche Versorgung und werden daher über die bestehenden Screening-Angebote nicht erreicht“, so Flörkemeier. Unter anderem wird in dem Weißbuch vorgeschlagen, neue Wege zu gehen und den Betroffenen dort Test- und Behandlungsmöglichkeiten anzubieten, wo sie sich aufhalten.
HC-Virus: Die genetische Vielfalt als Herausforderung

Hepatitis C ist ein Virus, das die Leberzellen angreift; Impfstoffe, um das zu verhindern, gibt es bis heute nicht. Bisher ist die Forschung an der genetischen Vielfalt von HCV gescheitert. Allerdings gab es im Jahr 2024 einen wissenschaftlichen Durchbruch. Das Team um Prof. Thomas Krey von der Universität zu Lübeck gelang es, einen Ansatz mit breitneutralisierenden Antikörpern zu entwickeln, der als Grundstein für eine neue Generation von Impfstoffen gilt. Doch bis zu einem zugelassenen Impfstoff ist es noch ein weiter Weg.
In 80 Prozent der Fälle kann der Körper eine akute HCV-Infektion nicht heilen, eine chronische Infektion ist die Folge. Sie wird oft erst spät diagnostiziert, aber sorgt in ihrem Verlauf zu hohen Arbeitsausfällen, unter anderem, weil die Betroffenen sehr müde sind. Nach 20 Jahren entwickeln bis zu 30 Prozent von ihnen eine Leberzirrhose . Man geht in Deutschland von rund 180.000 Betroffenen aus; genau ist das wegen der Dunkelziffer nicht bekannt. Weltweit sollen es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 50 Millionen chronisch Erkrankte sein, 242.000 Menschen sterben pro Jahr an den Folgen (Stand: 2022) – meist aufgrund einer Zirrhose oder an Leberkrebs.
Seit Oktober 2021 haben gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren in Deutschland Anspruch auf ein einmaliges Screening auf Hepatitis B und C im Rahmen der allgemeinen Gesundheitsuntersuchung „Check-up 35“ – auch das soll einen Beitrag leisten, die Erkrankung zu eliminieren.
Der Artikel ist Teil unserer Serie „Wie Innovation Krankheiten besiegt“: https://pharma-fakten.de/schlagworte/schlagwort/wie-innovation-krankheit-besiegt/. Sie basiert auf dem Report „Der Wert medizinischer Innovationen“ von LAWG Deutschland e.V.: https://lawg-deu.de/studie-wert-von-innovationen-vintura/.
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