„Klare Strukturen“ standen im Mittelpunkt einer Online-Veranstaltung zum Thema „Impfen“ – nicht nur Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek fand dabei klare und deutliche Worte. Foto: ©iStock.com/LeManna
„Klare Strukturen“ standen im Mittelpunkt einer Online-Veranstaltung zum Thema „Impfen“ – nicht nur Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek fand dabei klare und deutliche Worte. Foto: ©iStock.com/LeManna

Impfen: Weshalb klare Strukturen so wichtig sind

„Impfen: Nur klare Strukturen bringen uns weiter!“ – was nach einer Binsenweisheit klingt, ist im wirklichen Leben eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe. Weshalb das so ist und wie „klare Strukturen“ im medizinischen (Impf-)Alltag konkret aussehen könnten, darüber sprachen medizinische Expert:innen bei einem Online-Event – sie kamen dabei zu bemerkenswerten Erkenntnissen.
Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek
Klaus Holetschek, Gesundheitsminister Bayern. Foto: ©Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege / Andi Frank

Warum klare Strukturen und entschlossenes Handeln beim Thema „Impfen“ so wichtig sind, das wurde anhand der Zahlen deutlich, die der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek vorstellte: „Nur 37 Prozent der über 60-Jährigen sind gegen Grippe geimpft“, erklärte er, und die Zahl der Pneumokokken-Impfungen liege in dieser Altersgruppe bei gerade mal 15 Prozent. Sorgen bereiten Holetschek aber nicht nur die Impfquoten von ältere Menschen, sondern auch die der jungen Generation: „Nur 40 Prozent der Mädchen ab 15 Jahren sind gegen HPV geimpft, bei den Jungs sind es nur 4 Prozent – das ist für mich unverständlich.“ Untermauert wurden diese Zahlen von Sophie Schwab, Leiterin der DAK-Landesvertretung Bayern. Sie stellte die Ergebnisse einer bundesweiten Auswertung von 782.000 Datensätzen von Kindern und Jugendlichen vor, die bei der DAK versichert sind. Dabei zeigte sich: „Bei HPV-Impfungen waren während der Corona-Pandemie deutliche Rückgänge zu erkennen – bis zu 47 Prozent.“ Und: „Nachholeffekte sind bisher nicht erkennbar“ – dies gilt auch für andere Impfungen, die im Zuge von Corona zurückgestellt wurden. Einziger Lichtblick waren die so genannten MMR-Impfungen gegen Masern, Mumps und Röteln, die gegen den Trend zulegen konnten. Die Erklärung dafür liegt im Masernschutzgesetz, das im Frühjahr 2020 in Kraft trat und Impfungen gegen Masern verbindlich vorschreibt, bevor der Nachwuchs eine Kindertageseinrichtung oder eine Schule besucht.  

Wir brauchen ein Impfregister

Ein erster und entscheidender Schritt hin zu besseren Impfquoten wäre nach Holetscheks Überzeugung ein bundesweites Impfregister, wie es etwa in den Niederlanden oder Dänemark schon längst etabliert ist. „Ich wünsche mir ein solches Impfregister“, erklärte Holetschek, „und ich halte es für einen Fehler, dass wir ein solches bundesweites Register nicht haben.“ Denn es könne nicht nur die Impfquoten verbessern, sondern auch zur Qualitätssicherung beitragen und die Versorgungsforschung voranbringen. Holetschek erzählte von seinem Sohn, der in Österreich lebt und dort ein Schreiben erhielt, in dem er zu einem ganz bestimmten Tag zu einer für ihn anstehenden Impfung eingeladen wurde. „Das könnten wir in Bayern gar nicht machen“, so Holetschek. Bislang scheitert das Impfregister nach seinen Worten „am Datenschutz“, aber auch daran, dass es der Bundesregierung bislang nicht gelungen sei, „ein Impfregister auf den Weg zu bringen – denn die Verantwortung dafür liegt auf Bundesebene.“ Augenzwinkernden Zuspruch erhielt Holetschek von dem Allgemeinmediziner Prof. Jörg Schelling, der die Veranstaltung moderierte: „Wir sollten uns fragen: Muss der Datenschutz immer wie eine Monstranz vor uns hergetragen werden?“ Und weiter: „Ein Impfregister wäre ein kleiner Schritt für die Menschheit – aber ein Riesenschritt für Deutschland.“

Bessere Aufklärung und Kommunikation

Bessere Aufklärung und Kommunikation
Impfen: Kommunikation, Information und Aufklärung einfacher gestalten. Foto: ©iStock.com/Marina Demidiuk

Und es gibt noch weitere Schritte, die Dr. Michael Wojcinski skizzierte. Der Gynäkologe aus Garmisch-Partenkirchen engagiert sich seit Jahren dafür, dass auch Fachärzt:innen beim Impfen zum Einsatz kommen. Wie auch Klaus Holetschek schlug Wojcinski vor, die Kommunikation, Information und Aufklärung in Sachen Impfen einfacher und besser zu gestalten. Das fange an bei den Impf-Empfehlungen der Ständigen Impfkommission Stiko, die viel kürzer und einfacher formuliert werden müssten. „Die Anwendungshinweise zum Impfen bei Menschen mit Immundefizienz umfassen 136 Seiten“, so Wojcinski, dabei könne man auch ganz einfach sagen: „Eine Totimpfung ist immer möglich“ – während eine Lebendimpfung bei Menschen mit Immunschwäche immer genau abgewogen werden müsse. Wojcinski plädierte für „einfache Merksätze“, „verständliche Patientenaufklärung“ und „ein Pflichtfach Impfungen an der Schule.“ Selbstverständlich sollten sich auch Fachärzt:innen am Impfen beteiligen. Und: „Es sollte Zulassungsüberprüfungen bei Ärzten geben, die gegen das Impfen agieren.“ Das sah Dr. Markus Beier, Vorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes, genauso: „Wir müssen in der Tat überlegen, ob es eine vollständige Erbringung einer kassenärztlichen Leistung ist, wenn nicht geimpft wird.“

Mehr Freude am Impfen

Einen bislang nur wenig beachteten Ansatz für bessere Impfquoten brachte Jörg Schelling ins Spiel, als er fragte: „Impfen in der Praxis – wie macht es  Freude?“ Hintergrund dieser Frage ist die simple Erkenntnis, dass gut motivierte Impfende auch bessere Ergebnisse erzielen. Gelingen könne dies durch gute Teamarbeit, ein kluges Impfmanagement und durch digitale Unterstützung beim Impfen – etwa in Form eines funktionierenden elektronischen Impfpasses. Und, nicht zu vergessen: „Wenn sich Prävention auch wirtschaftlich auszahlen würde, dann wäre das auch eine Motivation.“ Schelling sieht aber auch etliche Punkte, die ihm als Impfarzt schon heute grundsätzlich Freude machen: „Die Impfstoffe sind meistens gut verfügbar, jede empfohlene Impfung wird erstattet, es gibt einen transparenten Umgang mit Komplikationen und Impfreaktionen – und jeder Bürger kann unabhängig vom Alter eine Influenza-Impfung bekommen.“ Er selbst verwende in seiner Praxis eine Impfmanagement-Software, die einen genauen Impfplan für seine Patient:innen erstelle und so seine Freude am Impfen zusätzlich stärke. „Wir müssen die Patienten an die Hand nehmen“, betonte Schelling – und das gelinge am besten mit gut ausgebildeten Impfassistent:innen, motivierten und informierten Ärzt:innen und einem klugen, elektronisch unterstützten Impf-Management. Noch besser wäre es, wenn es darüber hinaus an den Universitäten einen „Lehrstuhl für praktische Impfmedizin“ gäbe.

Zusammengefasst: Es gibt viele Instrumente, um Impflücken zu schließen – ein Impfregister, klare und verständliche Kommunikation, digitale Unterstützung und nicht zuletzt engagiertes und motiviertes Impfpersonal, das gute Arbeitsbedingungen vorfindet.  

Die Online-Veranstaltung „Impfen: Nur klare Strukturen bringen uns weiter!“ (30. September 2022) wurde von der WISO S. E. Consulting GmbH veranstaltet – mit freundlicher Unterstützung von MSD und GSK.

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