Die Fortschritte im Kampf gegen Krebs sind groß. Doch die Herausforderungen bleiben; rund eine halbe Millionen Menschen werden in Deutschland jährlich neu diagnostiziert. Der Kampf gegen Krebs muss neu gedacht werden. Foto: ©istock.com/peterschreiber.media
Die Fortschritte im Kampf gegen Krebs sind groß. Doch die Herausforderungen bleiben; rund eine halbe Millionen Menschen werden in Deutschland jährlich neu diagnostiziert. Der Kampf gegen Krebs muss neu gedacht werden. Foto: ©istock.com/peterschreiber.media

Krebs ist eine Pandemie

Die Fortschritte im Kampf gegen Krebs sind groß. Durch neue Arzneimitteltherapien gelingt es immer besser, Tumorerkrankungen wirksam zu bekämpfen. Doch die Herausforderungen bleiben: Mehr als eine halbe Millionen Menschen werden in Deutschland jedes Jahr neu diagnostiziert. Deshalb muss der Kampf gegen Krebs neu gedacht werden, findet das Biopharmaunternehmen Bristol Myers Squibb.

„In der Onkologie erleben wir seit ein paar Jahren eine Entwicklung, die die Art und Weise, wie wir Krebs denken und behandeln, dramatisch verändert hat.“ Das sagt Dr. Michael May, Medical Director beim forschenden Unternehmen Bristol Myers Squibb. Und ergänzt: „Grund dafür ist ein immer besseres Verständnis der zugrundeliegenden Faktoren von Tumorerkrankungen, die wir deshalb immer zielgerichteter behandeln können.“ Die Ergebnisse können sich sehen lassen. So gelingt es der Medizin immer besser, die Zahl der Neuerkrankungen, die unter anderem altersbedingt zunehmen, von der Sterblichkeit zu entkoppeln (s. Grafik). „Das bedeutet, dass immer mehr Menschen heute trotz Krebs wieder zurück ins Leben finden können“, so der Mediziner.

Pharma Fakten-Grafik: Krebs - Die Sterberaten sinken

Wie bei Menschen, die unter dem Multiplen Myelom leiden, ein Knochenmarkkrebs. Noch vor 20 Jahren waren die Aussichten der Betroffenen schlecht. Seitdem hat sich die Prognose durch neue Therapieansätze so gebessert, dass etwa 80 Prozent der Betroffenen mindestens zehn Jahre überleben. Dr. May: „Wir sehen bei fast allen Krebsarten eine steigende Lebenserwartung. Beim schwarzen Hautkrebs stieg die Fünf-Jahres-Überlebensrate von unter 60 Prozent in den 1970er-Jahren auf inzwischen rund 90 Prozent.“

Bristol Myers Squibb stellte bei einem virtuellen Pressegespräch seinen neuen Krebsreport vor. Die Publikation „Den Kampf gegen Krebs neu denken“ ist eine Bestandsaufnahme und bietet aus gesamtgesellschaftlicher Perspektive einen Überblick über die moderne Krebsmedizin. Dabei kommen unter anderem Expert:innen wie der Onkologe Prof. Dr. Christof von Kalle von der Charité in Berlin zu Wort. 

Auch Krebs ist eine Pandemie

Grund sich auf den Erfolgen auszuruhen, sieht Dr. May nicht. „Auch Krebs ist eine Pandemie“. Sein Unternehmen gilt als ein Pionier in der Entwicklung der Immunonkologie. „Wirkstoffe aus dieser Klasse richten sich nicht direkt gegen den Tumor. Die Idee ist vielmehr, das eigene Immunsystem zu aktivieren, sodass es selbst die abnormalen Zellen erkennen und bekämpfen kann.“ Und auch den sogenannten CAR-T-Zelltherapien wird ein hohes Potenzial zugeschrieben (s. Pharma Fakten). Sie stehen für eine personalisierte Medizin und Gen-, Zell- und Immuntherapie in einem. „Für Betroffene mit bestimmten Blutkrebsarten, die auf die bisher verfügbaren Therapien nicht mehr ansprechen, eröffnet das Lebensperspektiven, wo vorher keine waren.“ 

44 Wirkstoffe verschiedenster Art hat das Unternehmen in der Entwicklung. Seine zugelassenen Arzneimittel umfassen 34 Krebsindikationen. Das Ziel: maßgeschneiderte, personalisierte Krebstherapien. Deshalb, so Dr. May, müsse die Forschung beschleunigt werden: „Nur in der Wissenschaft finden wir den Schlüssel, Krebs noch besser bekämpfen zu können.“ Ohne Arzneimittelinnovationen keine moderne Krebstherapie. 

Das GKV-Spargesetz ist innovationsfeindlich

Dierk Neugebauer, Vice President Market Access bei Bristol Myers Squibb
Dierk Neugebauer, Vice President Market Access bei BMS. Foto: BMS

Um die Errungenschaften der Wissenschaft schnell in die Versorgung zu bringen, braucht es ein innovationsfreundliches Klima. Bisher gilt: Nirgends in Europa kommen innovative Arzneimittel schneller in die Versorgung als in Deutschland. Doch diesen Patient:innen-Vorteil sieht Dierk Neugebauer, Vice President Market Access bei Bristol Myers Squibb, in Gefahr. 

Der Grund: Das gerade auf den Weg gebrachte GKV-Finanzstabilisierungsgesetz (GKV-FinStG). Neben den monetären Einschnitten seien vor allem die beschlossenen Änderungen am AMNOG problematisch. Das ist das seit 2011 in Deutschland gültige Verfahren, nach dem neu eingeführte Arzneimittel in ihrem Innovationswert bewertet und erstattet werden. „Pauschalabschläge auf Kombinationstherapien und eine systematische Abwertung von Arzneimitteln mit – gemäß der AMNOG-Terminologie – ‚geringem‘ bzw. ‚nicht quantifizierbarem‘ Zusatznutzen bei den Erstattungsregeln sind innovationsfeindlich.“ Das konterkariere das Geschäftsmodell der Pharmabranche. „Mit den Einnahmen aus bereits zugelassenen Arzneimitteln finanzieren wir die Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe. Oder anders gesagt: Die Arzneimittel von heute sind die Grundlage für die Medikamente von morgen. Nur wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen können auch in der Wissenschaft erfolgreich sein.“ 

Nach der Diktion des GKV-FinStG wird Schrittinnovationen schlicht der Innovationscharakter abgesprochen. Sie sollen u. U. deshalb nicht mehr kosten dürfen als bereits vorhandene Therapien. „Das ist falsch, denn sie stehen für die kontinuierliche Verbesserung und Vielfalt in der Arzneimittelversorgung“, so Neugebauer. „Die Abschläge auf Kombitherapien treffen besonders die Krebsmedizin. Denn gerade hier ist es gelungen, Schritt für Schritt und mithilfe von Kombinationstherapien die Behandlungsoptionen zu verbessern.“ 

Vision Zero: Jeder Krebstote ist einer zuviel

Prof. Dr. Christof von Kalle vom Berlin Institute of Health an der Charité
Prof. Dr. Christof von Kalle, Charité. Foto: BIH/Stefan Zeitz

Krebsbekämpfung ist weit mehr als nach einer Diagnose die passende Behandlung einzuleiten. Darauf machte Prof. Dr. Christof von Kalle vom Berlin Institute of Health an der Charité aufmerksam. Er ist Mitinitiator der Initiative „Vision Zero e.V. – Gemeinsam gegen Krebs“. Vision-Zero-Konzepte haben im Arbeitsschutz und im Verkehr dazu beigetragen, die Zahl der Unfalltoten erheblich zu reduzieren. „Das Ziel der EU-Kommission lautet: Null Verkehrstote bis 2050. Denn jeder Verkehrstote, der hätte verhindert werden können, ist einer zu viel. Sollten wir nicht ebenfalls sagen: Jeder Tod durch Krankheit, der hätte verhindert werden können, ist einer zu viel?“ Vision-Zero-Konzepte sind ganze Bündel von Maßnahmen, um identifizierte Gefahrenquellen konsequent zu beseitigen. Auf diese Weise ist es gelungen, die Zahl der Verkehrstoten in Deutschland von über 20.000 im Jahr zu Beginn der 70er-Jahre auf rund 2.500 zu drücken. In Oslo konnte die Zahl der Verkehrsunfälle von 41 (1975) auf 1 (2020) gesenkt werden. Unter anderem ist dafür die Einführung des 30er-Tempolimits verantwortlich. Unter Fußgängern und Radfahrern gab es dort im Jahr 2020 null Tote: Aus Vision wurde Realität.

Professor von Kalle will das Vision Zero-Konzept auch in der Onkologie zum Einsatz bringen. Es gehe ihm darum, „jeden Stein umzudrehen“ – und zwar im gesamten Spektrum von Prävention, Früherkennung, früher Intervention, richtiger Behandlung bis zur Nachsorge. Krebs, so seine Botschaft, braucht einen ganzheitlichen Ansatz. Dazu sind zunächst Investitionen notwendig. Das Problem: „Wir sehen Vermeidungskosten immer als Kosten und nie als Investition.“ Pharmaunternehmen kennen diese Argumentation. Auch Arzneimittelausgaben werden in der Gesundheitspolitik in der Regel als Problem identifiziert, statt den Wert eines gesunden Lebens gesamtgesellschaftlich zu betrachten. 

Prävention: Fast jeder 2. Krebsfall wäre vermeidbar

Und das Potenzial von Prävention? „Es gibt in Deutschland niemanden, der für Prävention zuständig ist, es gibt niemanden, der für Prävention verantwortlich ist und niemanden, der den Erfolg kontrolliert – und was wir dafür ausgeben, bewegt sich im Promillebereich der Gesamtgesundheitsausgaben“, beklagt von Kalle. Dabei liegt allein hier ein Schatz vergraben: „Wir wissen, dass wir etwa die Hälfte der Krebsfälle durch uns heute bekannte Präventionsmaßnahmen mehr oder weniger sofort beheben könnten.“

Aber auch Gesundheitsdaten müssten konsequenter genutzt werden, so der Onkologe. „Wir müssen jede Information nutzen, wir müssen Daten erheben und teilen, denn das Analysieren von Daten rettet Leben.“ Das ermöglicht präzise und individuelle Diagnosen – eine Voraussetzung dafür, dass Patient:innen von den Möglichkeiten moderner Medizin profitieren können.

Viele der Instrumente, die den Kampf gegen Krebs wirksamer gestalten könnten, gibt es bereits. Vieles andere, seien es Arzneimittel oder Impfstoffe, sind in der Entwicklung – in den Laboren von Universitäten, Wissenschaftsinstitutionen, klinischen Zentren und pharmazeutischen Unternehmen.  Die Frage ist, wie der Fortschritt in der Onkologie besser auf die Straße gebracht werden kann – damit kranke Menschen daran maximal teilhaben können. Innovationsfeindliche Gesundheitspolitik gehört sicher nicht in einen solchen Maßnahmen-Katalog.

Weiterführende Links:

Den Kampf gegen Krebs neu denken. Ein Report von Bristol Myers Squibb

Vision Zero e.V. – Gemeinsam gegen Krebs

Transport Accident Commission Victoria (Australien): Towards Zero

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