Die Fakten
- Eine „Biobank-Plattform für Deutschland“: Ein breites Bündnis aus akademischer Wissenschaft und forschender Industrie hat im September 2025 ein Konzept für eine nationale Plattform vorgelegt, um Bioproben und Daten noch besser für Forschende zugänglich zu machen.
- Finanzierung für Nationale Biobank ab Juli 2026 geplant: Das Fördervolumen seitens des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt soll 50 Millionen Euro betragen und die Grundfinanzierung sicherstellen.
Auf den 142 Seiten des Koalitionsvertrages findet sich auf Seite 78 im Kapitel „2.4 Bildung, Forschung und Innovation“ auch ein Satz, der für Aufsehen und Hoffnung im Wissenschaftsbetrieb sorgte: „Wir schaffen eine Nationale Biobank als Grundlage für Präventions-, Präzisions- und personalisierte Medizin“, heißt es da. Mit anderen Worten: Der Zugang zu humanen Bioproben, die auf viele einzelne Biobanken verteilt sind, wird künftig in der „Nationalen Biobank“ gebündelt. „Das bedeutet eine immense Erleichterung für die Forschung“, erklärt Dr. Pablo Serrano, Mitglied der Geschäftsführung (Innovation & Forschung) beim Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI).
Booster für die medizinische Forschung: Was Biobanken enthalten

In den unterschiedlichen Biobanken in Deutschland werden unter anderem Blut- und Gewebeproben gesammelt – zusammen mit Datensätzen, die Angaben zu Patientenalter, Geschlecht, Krankheitsgeschichte und viele weitere Informationen enthalten können. Solche Daten sind wichtig, denn, so Serrano: „Die Proben sind gut und nützlich, aber Sie müssen auch wissen, woher sie kommen, wie sie erhoben wurden und was Sie daraus lesen können – ohne diesen Datenbestand zu der Probe können Sie relativ wenig machen.“ In die neue Plattform sollen deshalb auch die Analysedaten aus den Proben integriert werden.
Die Grundlagen für die nationale Biobank wurden bereits seit 2020 gelegt – vom Netzwerk Universitätsmedizin (NUM), in dem alle 37 Universitätsklinika in Deutschland vertreten sind, und dem German Biobank Network (GBN). Beide haben die notwendigen Strukturen für standortübergreifende Forschung geschaffen. So hat etwa das GBN 43 akademische Biobanken in Deutschland vernetzt und Standards zur Qualitätssicherung eingeführt. Damit war der Ausgangspunkt für den Ausbau zu einer zentralen Biobank-Plattform fixiert.
Nationale Biobank: Zentrale Übersicht

Doch was genau können Forschende mit einer solchen Plattform anfangen? Dazu ein Beispiel: „Sie möchten für ein Forschungsprojekt wissen, bei wie vielen Menschen über 80 Jahre bestimmte Blutwerte gemessen wurden“, so Pablo Serrano, „dann mussten Sie bisher an vielen Türen anklopfen – in Unikliniken, Praxisgemeinschaften und vieles mehr.“ Bei der nun geplanten Plattform genüge eine einzige Anfrage. Denn in diese Plattform wird ein so genannter „One-Stop-Shop“ integriert, der für Forschende den Zugang zu hochwertigen Daten und Proben erheblich beschleunigt. Serrano weiter: „In dem Konzept steckt allerdings weit mehr als ein Metadatenkatalog. Der zentrale Mechanismus soll es ermöglichen, sowohl Proben aus den einzelnen Standorten zu erhalten und im eigenen Haus zu erforschen als auch Sequenzieraufträge an die vernetzten Standorte zu vergeben. Zudem sollen Datenbestände, zum Beispiel Ergebnisse aus den Sequenziervorhaben, die außerhalb von Betriebsgeheimnissen liegen, über eine Plattform als Repositorium (digitaler Speicherort für wissenschaftliche Publikationen und Forschungsdaten, Anm. d. Red.) bereitgestellt werden können.“
Auf der Homepage des NUM wird die Funktionsweise des „One Stop Shop“ so erklärt: „Die geplante Plattform soll eine zentrale Übersicht über die Bestände von Bioproben und Daten geben und Forschungsanfragen koordinieren. Sie wird durch eine Servicestelle unterhalten, die einen leicht handhabbaren Nutzungsvertrag und fachliche Beratung bietet und die Daten von den einzelnen Standorten an die Nutzer:innen vermittelt. Das Zentrum übernimmt die Zusammenführung von Sequenzdaten aus den einzelnen Standorten. So entsteht eine serviceorientierte Infrastruktur, die sowohl die akademische Forschung als auch die Schlüsselindustrien Pharma, Biotechnologie und Diagnostik in Deutschland stärkt.“
Die Patient:innen können dabei laut GBN in mehrfacher Hinsicht profitieren:

- Neue Diagnosemethoden können schneller entwickelt werden. Proben und Daten werden an mehreren Standorten gleichzeitig gesammelt – dadurch können die Forschenden große Gruppen von Patient:innen untersuchen und Muster erkennen. Das könnte etwa dabei helfen einen Bluttest zur Früherkennung von Krebs zu validieren, also seine Zuverlässigkeit zu überprüfen.
- Die Präzisionsmedizin wird gestärkt. Das Verknüpfen von Proben und Analysedaten auf der Biobank-Plattform ermöglicht es Wissenschaftler:innen, besser zu verstehen, wie Krankheiten verlaufen und welche Therapieansätze für unterschiedliche Gruppen von Patient:innen sinnvoll sein könnten.
- Seltene Erkrankungen können besser erforscht werden. Da Fälle aus ganz Deutschland erfasst werden, gibt es mehr Daten als in einem einzelnen medizinischen Zentrum. Für die Patient:innen bedeutet das: Seltene Erkrankungen können besser erforscht werden, langfristig soll es mehr Therapien geben.
Finanzierung für Nationale Biobank ab Juli 2026 geplant
Ein entscheidender Punkt, damit der Aufbau der Nationalen Biobank starten kann, ist eine Finanzierungszusage des Bundes. Die liegt nun vor. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), das schon seit längerem NUM und GBN unterstützt, hat zugesagt, sich finanziell an der Nationalen Biobank zu beteiligen. „Der Antrag wird zurzeit ausgearbeitet und ist schon weit fortgeschritten“, erklärt Pablo Serrano, „die Budgetfreigabe durch das BMFTR wird voraussichtlich im Juli erfolgen.“ Das Fördervolumen soll 50 Millionen Euro betragen, verteilt über dreieinhalb Jahre. Die öffentlichen Mittel sollen die Grundfinanzierung sicherstellen – langfristig sollen dann Einnahmen über kostenpflichtige Angebote für die Nutzenden der Plattform hinzukommen. In Großbritannien funktioniert das bei der dortigen UK Biobank bereits sehr gut – dort wurden im Jahr 2024 rund sechs Millionen Pfund, umgerechnet knapp 6,9 Millionen Euro, an Zugangsgebühren eingenommen. Auf längere Sicht verspricht die „Nationale Biobank“ nicht nur einen Anschub für die Forschung, sondern auch einen erheblichen volkswirtschaftlichen Gewinn – etwa durch schnellere Entwicklung von Medikamenten oder neue biotechnologische Geschäftsmodelle.

Derzeit erwirtschaften die pharmazeutische und biotechnologische Industrie in Deutschland rund 81,2 Milliarden Euro Jahresumsatz, zugleich investieren sie rund 22 Milliarden Euro in die Forschung. Damit zählen sie zu den Schlüsselindustrien. „Die Chancen stehen gut, dass auch künftig in den Standort Deutschland investiert wird, wenn ein gutes Umfeld für Forschung und Entwicklung besteht, zu dem die nationale Biobank spürbar beitragen kann“, so Pablo Serrano.
Denn die Nationale Biobank verbindet die dezentralen Biobanken in Deutschland mit einer serviceorientierten Plattform, die es Forschenden erleichtert, Zugang zu hochwertigen Bioproben und Gesundheitsdaten zu erlangen. Dies kann die medizinische Forschung verbessern, den Patient:innen nützen und den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken.
Weitere News

Gesundheitssystem: Auf Krieg und Krisen nicht gut vorbereitet
Ist das Gesundheitswesen und die Arzneimittelversorgung auf Krisensituationen vorbereitet? Der Pharmaverband BPI hat darauf eine klare Antwort: Sie lautet Nein – und hat eine Sicherheitsstrategie vorgelegt. Es ist ein „Weckruf für Deutschlands Versorgungssouveränität im Kriegs- und Krisenfall“. Angesichts geopolitischer Spannungen, erdrückender Abhängigkeiten von Wirkstoffen aus dem asiatischen Raum und neuer Bedrohungen wie Klimakrise und antimikrobiellen Resistenzen sieht der Verband die Versorgung mit Arzneimitteln als eine Frage nationaler und europäischer Sicherheit.

Warum eine starke Pharmabranche wichtig für Deutschland ist
Sie bietet zahlreiche Arbeitsplätze und gilt als besonders forschungsintensiv: Die aktuellen „Pharma-Daten“ des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zeigen einmal mehr, warum die Pharmabranche wichtig für die Bundesrepublik ist. Daraus geht aber auch hervor: Zu Stabilität und Sicherheit kann sie nur dann voll beitragen, wenn sie politisch gestärkt wird.

Klinische Studien: Moderne Medizin braucht Menschen – nicht nur Labore
Klinische Studien sind die Brücke zwischen einer wissenschaftlich fundierten Idee zur Behandlung einer Krankheit und der Frage, ob sie in der medizinischen Versorgung funktioniert. Auch wenn Deutschland in den vergangenen Jahren an Boden verloren hat; es ist weltweit immer noch ein attraktiver Studienstandort. Allerdings sind die Menschen im Land ausgesprochene Studienmuffel: Pro eine Million Einwohner:innen sind es nur 33 Studien; beim Spitzenreiter Dänemark sind es hingegen fast 200. Eine Kampagne der FUNKE Mediengruppe will das ändern.
