Pharma in Deutschland: „Die Bundesregierung ist auf dem richtigen Weg, jetzt braucht es Tempo“. Foto: Boehringer Ingelheim
Pharma in Deutschland: „Die Bundesregierung ist auf dem richtigen Weg, jetzt braucht es Tempo“. Foto: Boehringer Ingelheim

Pharma in Deutschland: „Die Bundesregierung ist auf dem richtigen Weg, jetzt braucht es Tempo“

Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim ist in Deutschland fest verwurzelt – vor fast 140 Jahren wurde es hier gegründet. Mit dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH, Dr. Fridtjof Traulsen, haben wir darüber gesprochen, wo die Stärken der Bundesrepublik liegen, an welchen Stellen es Verbesserungspotenzial gibt – und was eine forschende pharmazeutische Industrie der Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft bieten kann.
Dr. Fridtjof Traulsen, Vorsitz der Geschäftsführung der Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH
Dr. Fridtjof Traulsen, Boehringer Ingelheim Deutschland GmbH. Foto: Urban Zintel / Boehringer Ingelheim

In jüngster Zeit haben mehrere Pharmaunternehmen Investitionen in Deutschland angekündigt. Die Regierung sieht sich in ihrer Standortpolitik bestätigt – zu Recht?

Dr. Fridtjof Traulsen: Im Jahr 2022 waren wir – Stichwort: GKV-Finanzstabilisierungsgesetz – an einem echten Tiefpunkt, was die Beziehungen zur Politik angeht. Wir vermissten die Wertschätzung für Innovation, für das, was die forschende pharmazeutische Industrie in Deutschland leisten kann. Da hat sich nun einiges geändert – auch in Folge vieler, intensiver Gespräche. Das zeigt die Ende 2023 beschlossene Nationale Pharmastrategie, welche die Defizite, die es uns erschweren als Forschungs- und Pharmastandort international ganz vorne mitzuspielen, klar benennt. Von den jüngst von Pharmafirmen angekündigten Investitionen kamen manche tatsächlich relativ kurzfristig. Doch viele Investitionen waren schon lange – noch vor Verabschiedung der Pharmastrategie – geplant. So oder so: Die Bundesregierung ist auf dem richtigen Weg, wir haben eine Pharmastrategie – nun müssen den Worten Taten folgen. Die Gesetzesvorhaben, die aus der Strategie bereits entstanden sind – die Digitalgesetze und das Medizinforschungsgesetz – sind noch nicht umgesetzt. Die Implementierung braucht jetzt vor allem Tempo, um im internationalen Vergleich aufholen zu können.

Was halten Sie von dem im Juli beschlossenen Medizinforschungsgesetz (MFG)?

Traulsen: In seinen Grundzügen ist das Medizinforschungsgesetz, so wie es jetzt durch den Bundestag gegangen ist, gut. Im Kern soll es dafür sorgen, dass wir bei den klinischen Studien wieder konkurrenzfähig in Europa sind. Wir sind in den vergangenen Jahren stark zurückgefallen: Von Platz zwei in 2016 auf inzwischen den siebten Platz, was den Studien-Anteil von Deutschland im weltweiten Vergleich angeht. Mit dem MFG haben wir die Chance wieder aufzuholen. Denn es sieht unter anderem die Vereinfachung, Beschleunigung und Entbürokratisierung der Studien-Genehmigungsverfahren vor. Was wir außerdem sehr begrüßen, ist die Kopplung der sogenannten AMNOG-Leitplanken an die Forschungsaktivitäten eines Unternehmens in der Bundesrepublik.

Was heißt das konkret?

Traulsen: Laut den im GKV-Finanzstabilisierungsgesetz festgelegten AMNOG-Leitplanken darf ein neues Arzneimittel in vielen Fällen trotz nachgewiesenem Zusatznutzen nicht teurer sein als eine Vergleichstherapie. Mit dem MFG wird dieser Preisdeckel nun für Arzneimittel mit einem relevanten Anteil klinischer Prüfungen in Deutschland aufgehoben. Die Verknüpfung von Innovation und Investitionen in Deutschland mit entsprechender Berücksichtigung bei den Erstattungsbetragsverhandlungen halte ich für eine gute Regelung. Doch die im Gesetz festgeschriebene Befristung ist sachfremd und kontraproduktiv: Nach 30 Monaten soll – nicht gebunden an das jeweilige Präparat – eine Evaluierung der allgemeinen Forschungstätigkeit des Unternehmens in Deutschland stattfinden. Das soll der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) die Möglichkeit der Nachverhandlung beim Erstattungsbetrag geben. Das schafft Bürokratie und konterkariert den Sinn der Regelung.

Was muss noch passieren, damit der Forschungsstandort wieder attraktiver wird?

Forschungsstandort wieder attraktiver machen
Forschungsstandort wieder attraktiver machen. Foto: Boehringer Ingelheim

Traulsen: Wer Forschung allgemein fördern möchte, könnte auf das Instrument der steuerlichen Forschungsförderung zurückgreifen, wie das andere Länder machen. Darüber hinaus gilt: Das AMNOG-Verfahren, in dem geregelt ist, wie hierzulande neue Arzneimittel bewertet und erstattet werden, braucht eine Reform. Die Durchführung von klassischen randomisierten klinischen Studien mit einer zweckmäßigen Vergleichstherapie ist gerade im Bereich von neuartigen Therapien und bei schweren bzw. seltenen Erkrankungen nicht immer möglich. Da braucht es im Nutzenbewertungsverfahren mehr Flexibilität, damit auch alternative wissenschaftliche Evidenz Berücksichtigung findet. Nur so wird die Entwicklung innovativer Medikamente in Deutschland langfristig gestärkt.

Sie sind Vorsitzender der Geschäftsführung des größten Pharmakonzerns Deutschlands – Ihr Unternehmen investiert hierzulande stark. Warum?

Traulsen: Wir sind ein Unternehmen, das vor fast 140 Jahren in Deutschland gegründet wurde. Das heißt, wir sind mit unseren Wurzeln im Land fest verankert. Außerdem sehen wir, dass die Stärken der Bundesrepublik nach wie vor in der Wissenschaftslandschaft liegen; das Innovationsökosystem ist gut, wir haben hervorragende Ausbildungen und Mitarbeitende. Daher setzen wir weiterhin auf Deutschland – wir haben viel investiert und planen das auch für die Zukunft. Jedoch braucht es ein funktionierendes Anreizsystem. Wenn – wie im Jahr 2022 mit dem GKV-Finanzstabilisierungsgesetz – unser Innovations- und Wirtschaftsbeitrag nicht mehr gesehen und die pharmazeutische Industrie stattdessen auf einen Kostenfaktor im Gesundheitssystem reduziert wird, dann ist es eine zunehmende Herausforderung, Innovationen und Investitionen nach Deutschland zu bringen. Wenn die AMNOG-Reform nicht kommt, wird es selbst für uns auf Dauer schwierig werden, weil Patientinnen und Patienten in Deutschland viel später oder gar nicht von innovativen Therapien profitieren und Deutschland damit als Standort für klinische Forschung und als Markt unattraktiv wird. Gleiches gilt für die verabschiedeten Gesetze wie das MFG – es braucht nun Geschwindigkeit in der Umsetzung und es muss gemessen werden, was sie bringen. Zum Beispiel wäre es gut, wenn wir innerhalb von einem Jahr sehen können, dass die Genehmigungszeiten von klinischen Studien runtergehen. Von der Einreichung der Studienunterlagen, zur Beantragung, bis hin zu den ersten eingeschlossenen Patient:innen vergehen hierzulande durchschnittlich 120 Tage, Spanien benötigt dafür nur 60 Tage – da müssen wir wieder konkurrenzfähig werden.

Was kann eine starke, forschende Pharmaindustrie der deutschen Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft bieten?

Traulsen: Deutschland befindet sich in einer Transformation – mit Blick auf die Nachhaltigkeit, mit Blick auf die Digitalisierung. Da leisten Industrien wie die forschende Pharmabranche einen sehr wichtigen, wertschöpfenden Beitrag: Sie gilt als besonders ressourcenschonend und innovationsstark. Bei uns im Unternehmen reinvestieren wir ein Viertel des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Das ermöglicht es uns auch bei Themen wie Digitalisierung führend zu sein. Wir bieten sehr hochwertige Arbeitsplätze, wir sind Motor für Innovation, Wachstum und Versorgungssicherheit in Deutschland. Das heißt, wir leisten einen Beitrag, der weit über die Faktoren Gesundheit und Wirtschaft hinausgeht.

Biomasseheizkraftwerk, Boehringer Ingelheim
Biomasseheizkraftwerk, Boehringer Ingelheim. Foto: Boehringer Ingelheim

Inwiefern kann Ihr Unternehmen in Sachen Nachhaltigkeit punkten?

Traulsen: Wir haben das Ziel, alle deutschen Standorte bis 2030 C02-neutral zu machen. Unser Standort in Dortmund ist das bereits seit 2020. In Ingelheim können wir unseren Energiebedarf künftig zu 95 Prozent aus erneuerbaren Quellen decken. Dort haben wir in Photovoltaik investiert und kürzlich ein Biomasseheizkraftwerk auf dem Werksgelände in Betrieb genommen – Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nahm an der Einweihung teil. Unsere „Nachhaltigkeitsstrategie“ basiert jedoch nicht nur auf einer, sondern auf 3 Säulen: Wir setzen uns unter dem Motto „more green“ für die Gesundheit des Planeten, also für den Klimaschutz ein. Wir wollen „more potential“ für Gesellschaften und Mitarbeitende heben: Da geht es uns etwa um Bildungsmöglichkeiten und gleichmäßige Teilhabe an Entwicklungschancen überall auf der Welt – mehr Gesundheit für unsere Gemeinschaften. Und im Sinne von „more health“ für Mensch und Tier führen wir gesundheitsverbessernde Maßnahmen global durch.

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