Auf der Veranstaltung „Berlin im Dialog“ von Bayer und Vivantes gab es eine Session unter dem Titel: „Daten retten Leben!“ Was genau ist damit gemeint? Oder anders gefragt: Was sind Gesundheitsdaten in Ihren Augen wert?

Dr. Christian Müller: Wie so oft kommt es darauf an, um welche Daten es sich handelt. Epidemiologische oder Abrechnungsdaten von Krankenkassen haben eine andere Tiefe und Aussagekraft als konkrete Behandlungsdaten, die Aufschluss über das Wohlergehen eines Patienten geben. Da können eine akute Gewichtszunahme, Atemnot und Herzrhythmusstörungen konkrete Anzeichen für eine lebensgefährliche Verschlechterung bei einem Herzinsuffizienzpatienten sein. So können Daten über Patienten zum richtigen Handeln führen und Leben retten. Und genau solche Daten gilt es in Deutschland schneller und umfangreicher verfügbar zu machen, damit innovative Arzneimittel schneller entwickelt und dann in der Versorgung die richtigen Patienten zum richtigen Zeitpunkt damit versorgt werden können.
Gesundheitsdaten entstehen an zahlreichen Stellen im System – zum Beispiel in Kliniken. Bayer und Vivantes sind auch hierzu eine Kooperation eingegangen: Worum geht es dabei genau?
Müller: Bayer hat ein Arzneimittel zur Prophylaxe von wiederholt auftretenden Schlaganfällen in der Entwicklung. Vivantes behandelt jedes Jahr mehrere Tausend Patienten mit Schlaganfall. Uns interessiert, wie viele Patienten mit welchem Schweregrad eines Schlaganfalls eingeliefert werden und wie sie behandelt werden. Vollständig anonym, also nur die Häufigkeiten der Fälle. Im Falle von Vivantes werden Behandlungsdaten aus der ambulanten und stationären Versorgung an einer Stelle zusammengeführt und ausgewertet. Das ist eine gute Datenquelle, um Patienten über Sektorengrenzen hinweg nachzuverfolgen und Therapien auf ihre Wirksamkeit zu überprüfen.
Wie kann die Nutzung von solchen Sekundärdaten beim Schlaganfall konkret aussehen?
Müller: Über das genannte Beispiel hinaus gehend, kann man Schlaganfallpatienten, die mit zwei unterschiedlichen Therapien behandelt wurden, von einem Zeitpunkt x ausgehend rückwirkend beobachten und erkennen, ob bei der einen oder anderen Therapie bessere Ergebnisse erzielt wurden. Dazu braucht es dann aber auch auf Wissenschaft und nicht auf Abrechnung ausgelegte Dokumentationssysteme, die es Ärzten ermöglichen, hoch-qualitative Daten zu erheben, ohne merklichen Mehraufwand. Sprachbasierte, KI-assistierte Dokumentationsunterstützung wäre da ein innovativer Ansatz. Automatischer Datentransfer aus den Krankenakten in Forschungsdatenbanken ein Weiterer.
Welche nächsten Schritte sind in dieser Kooperation von Bayer und Vivantes noch zu gehen?

Müller: Eine Sekundärdatenauswertung bei Schlaganfallpatienten ist ein erster Schritt. Bayer ist aber noch in anderen Therapiefeldern aktiv, wie zum Beispiel in der Onkologie oder Frauengesundheit. Hier gilt es, weitere konkrete Fragestellungen zu identifizieren und sich auch an komplexere Probleme zu wagen. Dass bei Vivantes Daten aus ambulantem und stationärem Bereich in einem Datenauswertungszentrum analysiert werden, ist ein großer Vorteil. Einheitliche Datenmodelle, Standards und Einwilligungen durch Patienten sind die Voraussetzung für bessere Forschung. Perspektivisch wünsche ich mir, dass Vivantes als Daten haltende Institution im kollaborativen Gesundheitsdatenraum sphin-x e.V. teilnimmt und Daten für Forschungszwecke einer breiteren Nutzerschaft zur Verfügung stellt.
Sphin-x ist eine Initiative, deren Vision es ist, einen innovativen, kollaborativen Datenraum für das Gesundheitswesen zu schaffen. Bayer ist dort Mitglied. Welche Rolle nehmen derartige Initiativen neben dem Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ) oder dem Forschungsdatenportal Gesundheit (FDPG) ein?
Müller: Das FDZ stellt Abrechnungsdaten aller 74 Millionen gesetzlich Versicherten in anonymer Form zur Verfügung, das FDPG Sekundärdaten aus allen deutschen Universitätskliniken. Sphin-x ist eine Initiative, die unterschiedlichste Datenquellen wie auf einem Marktplatz zusammenführen will, selbst keine Daten hält, sondern zwischen Daten haltenden und Daten nutzenden Organisationen vermitteln will. Heute haben wir noch nicht das vollumfängliche Wissen, wo man Forschungsdaten finden kann. Vieles ist Stückwerk und Kleinstaaterei. Die Datenbereitstellung ist oft manuell, daher langsam und teuer. Mit einer Datenraumtechnologie wie von sphin-x angestrebt, schaffen wir nicht nur Übersicht, sondern bestenfalls Interoperabilität und einheitliche Antragsprozesse, um schneller und günstiger an Daten zu gelangen. Damit kann mehr Forschung durchgeführt werden und Innovationen können schneller auf den Markt gelangen – das hilft den Patienten und dem Forschungsstandort Deutschland.
Wie stellen Sie sich die Zukunft einer effizienten Versorgungsdatenlandschaft in Deutschland vor?

Müller: Der Arbeitskreis medizinischer Ethikkommissionen hat im vergangenen Jahr die Maxime „One study, one vote“ herausgegeben. Das ist Bürokratieabbau, so dass für eine Studie nur noch das Ethikvotum einer und nicht mehr potenziell mehrerer der 51 Ethikkommissionen in Deutschland notwendig ist. Ein einheitlicher Antragsprozess bei den über 400 Registern in Deutschland, dem FDZ, FDPG, Uni-Kliniken, ambulanten Versorgern wäre notwendig. Einheitliche Datenstandards wie HL7 FHIR in Praxisverwaltungs- und Krankenhausinformationssystemen würden helfen, standardisiert zu dokumentieren. Dann kann Automatisierung greifen und Daten können fließen. KI-Modelle benötigen eine unvorstellbare Menge an verlässlichen Daten – federated learning ist der Standard, den wir bürokratiearm leben müssen, also dass Daten dezentral gespeichert und genutzt werden, so dass die Fragestellungen zu den Datenhaltern kommen und nicht die Daten zu den Fragenden. Das Ausrollen der breiten Einwilligung zur Nutzung von Gesundheitsdaten, auch im ambulanten Bereich, würde die Patientensouveränität stärken und Datenschutzstandards bedienen. Die Möglichkeit, Daten aus der elektronischen Patientenakte auf Basis einer informierten Einwilligung der Patienten für Forschungszwecke nutzen zu können, sollte nicht nur im SGB V stehen, sondern durch die gematik endlich umgesetzt werden. Nur um einige Beispiele zu nennen – es gibt also jetzt und in der Zukunft noch viel zu tun.
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