Die pharmazeutische Industrie gilt als profitabel. Zu profitabel, wie viele finden. Oliver Kirst, Geschäftsführer von Servier Deutschland, sieht das anders. Foto: ©iStock.com/ipopba
Die pharmazeutische Industrie gilt als profitabel. Zu profitabel, wie viele finden. Oliver Kirst, Geschäftsführer von Servier Deutschland, sieht das anders. Foto: ©iStock.com/ipopba

Verdient die Pharmaindustrie, was sie verdient?

Die pharmazeutische Industrie gilt als profitabel. Zu profitabel, wie ihre Kritiker finden. Darüber, ob es ethisch zulässig ist, mit den Krankheiten der Menschen Geld zu verdienen und ob die pharmazeutische Industrie verdient, was sie verdient, sprachen wir mit Oliver Kirst, Geschäftsführer des forschenden französischen Pharmaunternehmens Servier Deutschland.

Die Defizite der Krankenkassen erreichen Rekordwerte. Die Arzneimittelpreise und mit ihnen die Arzneimittelkosten steigen, während manche Pharmaunternehmen durch die Pandemie Umsatz- und Gewinnrekorde einfahren. Vertreter der Krankenkassen behaupten immer wieder, dass der Arzneimittelmarkt einer der lukrativsten Märkte sei. Die durchschnittlichen EBIT-Margen lägen deutlich höher als in anderen Branchen. Damit würden Preise zu Lasten der öffentlichen Kostenträger gezahlt, die über die in anderen Branchen üblichen Gewinnerwartungen hinausgingen. Auch Gesundheitsminister Prof. Karl Lauterbach bemühte hohe Gewinne als eine der wesentlichen Begründungen für die im GKV-Finanzstabilisierungsgesetz beschlossenen Sparmaßnahmen bei patentgeschützten Arzneimitteln. 

Ist es ethisch vertretbar, Gewinne mit dem Leid von Menschen zu erzielen? 

Oliver Kirst, Geschäftsführer des forschenden französischen Pharmaunternehmens Servier Deutschland
Oliver Kirst, Servier Deutschland. Foto: DIEFILMBOX

Oliver Kirst: Nein, das ist ethisch nicht vertretbar, aber das macht die pharmazeutische Industrie auch nicht. Natürlich muss sie wie jedes Wirtschaftsunternehmen gewinnorientiert arbeiten, aber es ist nicht richtig, dass sie am Leid der Menschen Geld verdient. Es verhält sich genau umgekehrt: Pharmaunternehmen verdienen Geld mit der Linderung von Leid, was moralisch außerordentlich wünschenswert ist. 

Aber geht das nicht auch ohne Gewinne?

Kirst: Gewinne sind die Grundlage für das Funktionieren von wettbewerblich organisierten, marktwirtschaftlichen Systemen wie unserer Sozialen Marktwirtschaft, sowie die Basis für notwendige Investitionen. Planwirtschaftliche Wirtschaftssysteme haben dagegen historisch nicht gut abgeschnitten. Gerade durch die fehlende Aussicht auf Gewinn fehlte in diesen Systemen der Anreiz, in risikoreiche Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln zu investieren. 

Aber: Das Gewinnprinzip ist keine Forderung nach Marktradikalität oder Laissez-faire. Gewinne sind kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um gesellschaftliche Ziele zu erreichen. Deshalb benötigen Märkte geeignete Rahmenbedingungen, sprich: staatliche Regulierungen, damit sie gut funktionieren können. Der Staat hat gerade in einem so komplexen Markt wie dem Gesundheitsmarkt eine wichtige Rolle. Aber wenn privatwirtschaftliche Unternehmen neue Arzneimitteltherapien entwickeln sollen, dann geht dies nicht ohne die Möglichkeit, damit dann auch Gewinne zu erzielen.

Viele Kritiker würden Ihnen hier vielleicht noch zustimmen. Was sagen Sie aber zu dem Vorwurf, die Gewinne seien zu hoch? Stimmt es nicht, dass die pharmazeutische Industrie die Branche mit den höchsten Umsatzrenditen ist?

Kirst: Um die Frage zu beantworten, ob die pharmazeutische Industrie verdient, was sie verdient, müssen wir zuerst klären, wie wir Gewinne zur Beantwortung genau dieser Frage geeignet messen. Hier hilft es sich zu fragen, wie man selbst die eigenen Geldanlagen oder Investitionen beurteilt. Da schaut jeder, wieviel Geld er oder sie angelegt oder investiert hat und wieviel er oder sie am Ende des Jahres hat. Die Differenz ist dann der Gewinn auf das eingesetzte Kapital bzw. der Kapitalgewinn.

Was hat das mit unserem Thema zu tun?

Leid lindern.
Leid lindern. Foto: ©iStock.com/Ridofranz

Kirst: Haben Sie sich jemals gefragt, welche Umsatzrenditen Ihre private Geldanlage erwirtschaftet? Nein? Warum nicht? Ganz einfach, weil diese Zahl zur Beurteilung von Investitionen nicht geeignet ist. Die Nutzung der Umsatzrendite ist nicht zielführend, um die Frage zu beantworten, ob die pharmazeutische Industrie „verdient, was sie verdient“. Zudem gibt es nicht die „eine“ Rendite der pharmazeutischen Industrie. Diese sind zwischen den einzelnen Herstellern extrem breit gestreut und über die Jahre hinweg hoch volatil. Das ist das Ergebnis des risikoreichen Innovationswettbewerbs, den sich die forschenden Hersteller liefern. Somit ist das pauschale „Herauspicken“ hoher Gewinndaten bestimmter Unternehmen in einem Jahr irreführend. Im nächsten Jahr können die Daten für die ausgewählten Firmen schon wieder ganz anders aussehen.

Aber auch die Kaptalrenditen (ROI) sind doch sehr hoch…

Kirst: Ja, das ist isoliert gesehen ggf. richtig. Aber die Betrachtung der Kapitalrenditen reicht nicht aus, um ein realistisches Bild zu zeichnen. Es braucht zwei weitere Schritte. Sie müssen die Investitionsrisiken berücksichtigen und Sie müssen die Besonderheiten bei der Erfassung von Forschungs- und Entwicklungsausgaben in der Bilanz beachten. Das Geschäftsmodell der Pharmaindustrie ist mit enormen Investitionsrisiken verbunden. Wenn 100 Präparate klinisch erforscht werden, erhalten im Durchschnitt nur etwa sieben eine arzneimittelrechtliche Zulassung und nur 3 erwirtschaften ihre F&E-Kosten. Nur 2 bis 3 von 100 Wirkstoffen, die klinisch erforscht wurden, können demnach ihre Forschungskosten einspielen… 

… mit denen dann aber ordentlich Geld verdient wird…

Kirst: Der Fokus der medialen Aufmerksamkeit liegt meist auf genau diesen wenigen erfolgreichen Produkten – und dies führt dann zu einer verzerrten öffentlichen Wahrnehmung. Wenn man Kapitalrenditen beurteilen möchte, muss auch das Investitionsrisiko berücksichtigt werden. Denn höhere Investitionsrisiken benötigen höhere Renditen, um notwendige Investoren zu erreichen. Und ich darf nicht Einzelunternehmen betrachten, sondern den Branchendurchschnitt, am besten über mehrere Jahre.

Und was sehen wir da?

Kirst: Betrachten Sie den Verlauf der Kapitalrentabilität, bewusst vor der Corona-Krise, so sank sie in den 5 Jahren vorher kontinuierlich und erreichte 2019 ein Niveau unterhalb des Niveaus vieler anderer Branchen. Zudem ist ein weiterer Punkt zu beachten: Wenn ein Unternehmen eine Anlage baut, wird der Vermögenswert in der Bilanz aktiviert, also als investiertes Kapital verbucht, und im Laufe der Zeit abgeschrieben. Wenn ein Unternehmen hingegen einen immateriellen Vermögenswert schafft, z.B. ein Patent oder Wissen durch Forschung, dann muss in der Regel der gesamte Aufwand sofort als Kosten verbucht werden. 

Pharmaindustrie
Foto: ©iStock.com/ipopba

Für Unternehmen mit bedeutenden immateriellen Vermögenswerten, wie Technologie- und biopharmazeutische Unternehmen, kann das Versäumnis, immaterielle Vermögenswerte zu erfassen, zu einer erheblichen Unterschätzung des investierten Kapitals führen. Und dies hat dann eine Überbewertung der Rendite auf das investierte Kapital zur Folge. Deshalb müssen zum Zweck der Berechnung der korrekten Kapitalrendite auch immaterielle Vermögenswerte als investiertes Kapital in der Bilanz aktiviert werden.

Was ergibt sich nach den von Ihnen vorgeschlagenen Korrekturen? Gibt es dazu Studien?

Kirst: Ja, diese Studien gibt es. Und sie kommen seit Jahrzehnten immer zum selben Ergebnis: Die Gewinne auf das eingesetzte und wie oben beschriebene korrigierte Kapital entspricht dem Investitionsrisiko. Die Studien zeigen auch, dass die korrigierte Kapital-Rentabilität der pharmazeutischen Industrie im Branchenvergleich im Mittelfeld liegt. In den vergangenen Jahren wurde zudem beobachtet, dass Kapitalrenditen im Pharmasektor abnehmen. Es gibt Beobachter, die dies mit Sorge betrachten und eine Abnahme des Niveaus an neuen Innovationen befürchten.  

Ist das wirklich plausibel? Forschende Pharmaunternehmen sind doch durch Patente vor Wettbewerb geschützt: Sind sie nicht Monopolisten?

Kirst: Bei genauerer Betrachtung sind die Ergebnisse sehr wohl plausibel. Zunächst bezieht sich der Schutz immer nur auf einen Wirkstoff und nicht auf ein Wirkprinzip. Pharmaunternehmen stehen in einem scharfen Innovationswettbewerb. Wenn ein Unternehmen einen medizinischen Durchbruch schafft, wie zum Beispiel kürzlich in der mRNA-Technologie, dann kann der Innovator zu Beginn sogenannte Pioniergewinne realisieren. Konkurrenten versuchen nun dasselbe Wirkprinzip mit einem anderen Wirkstoff zu erreichen oder sie entwickeln neue Wirkstoffe mit neuen Wirkprinzipien. Die Pioniergewinne, die eine wichtige Funktion haben, um Investitionen anzureizen, erodieren. Bei Hepatitis C konnte man dies gut beobachten und auch bei der mRNA-Technologie werden wir dies m.E. sehen. Zudem sind Arzneimittelmärkte meist hoch reguliert. 

Warum sind die Ergebnisse dieser Studien so wenig bekannt?

Innovationen der Pharmabranche
Pharmaunternehmen stehen in einem Innovationswettbewerb. ©iStock.com/Zerbor

Kirst: Hierzu habe ich nur Vermutungen. Zum einen ist die These der hohen Profite und der Beleg mit den Umsatzrenditen eingängig und entspricht dem, was seit Jahrzehnten in den Medien kommuniziert wird. Zum anderen ist die Widerlegung der These kompliziert und im Detail recht technisch: Wer beschäftigt sich schon gerne mit Fachtermini wie dem Return on Invested Capital, Cost of Capital, Net Present Value?

Ein weiteres Problem ist, dass die Folgen von Kostendämpfung erst langfristig wirken und abstrakt sind. Ein Produkt, dass es nicht gibt, kann auch niemand vermissen. Zudem macht sich eine Verschlechterung der Investitionsbedingungen im Pharmasektor erst mit einer Verzögerung von 10 bis 15 Jahren bemerkbar, denn so lange dauert die Entwicklung neuer Therapien. Aber auch wenn diese Zusammenhänge abstrakt erscheinen und komplex sind, so sind sie doch real. 

Was bedeuten diese Ergebnisse aus Ihrer Sicht?

Kirst: Da die Gewinne im Pharmasektor das normale Maß nicht überschreiten, gehen sie auch nicht zu Lasten der Kostenträger. Zudem dürfte der Anteil Deutschlands am globalen Gewinnaufkommen der Pharmaunternehmen wegen der strengen Preisregulierungen inzwischen recht überschaubar sein. Die Arzneimittelpreise sind nicht zu hoch in dem Sinne, als dass Kostendämpfungsmaßnahmen keine negativen Wirkungen auf die Investitionen der Branche hätten. Daher bedeutet Kostendämpfung, dass einige Projekte ihre Rentabilität verlieren. Das heißt: Es werden weniger Arzneimittel entwickelt und zugelassen. Die Leidtragenden sind letztlich die Patientinnen und Patienten. Da vermutlich jeder von uns in seinem Leben wahrscheinlich einmal zum Patienten wird, betrifft das uns alle. 

Anders ausgedrückt: Reine Kostendämpfungsmaßnahmen reduzieren die Investitionen in Wissenskapital, zum Beispiel Forschung und Entwicklung. Diese Investitionen treiben aber Produktivität und Wertschöpfungswachstum an. Fehlt dies, haben wir entsprechend negative Effekte auf die gesamtwirtschaftliche Situation, Verlust der Wettbewerbsfähigkeit im internationalen Kontext und letztlich negative Beschäftigungseffekte. 

Was bedeuten die Ergebnisse politisch?

Kirst: Zum einen ist die Antwort auf die Frage, ob die Pharmaindustrie verdient, was sie verdient, für uns alle relevant. Wenn wir fälschlicherweise glauben, die Gewinne seien so hoch, dass Kostendämpfung keine Folgen für Forschung und Entwicklung hätten, kann dies Lebensqualität und im Extremfall sogar Leben kosten. Zum anderen sollte man genau deshalb mit reinen Kostendämpfungsmaßnahmen ohne einen Bezug zum Nutzen von Therapien extrem vorsichtig sein. Mit dem GKV-Finanzierungsstabilisierungsgesetz wurde der Herstellerrabatt von 7 auf 12 Prozent erhöht und führt damit zu niedrigeren Erstattungsbeträgen. Wer die Logik der Pharmaforschung kennt, weiß, dass dies nicht ohne Folgen bleiben kann.

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