
In China ist vieles schon Realität, wovon Deutschland noch träumt: „Stellen Sie sich eine Klinik in Shanghai vor, in der eine KI täglich 3.000 Gewebeproben analysiert. In einer einzigen Klinik. Die Ärzte können per App darauf zugreifen und die Informationen verwenden.“ Sieren hatte weitere Beispiele parat: „In einem abgelegenen Dorf in der Provinz Guizhou tief im Westen des Landes steht eine Art Telefonzelle. In dieser Telefonzelle können Sie in fünf Minuten ein vollständiges Gesundheitsprofil erstellen und dieses wird automatisch in Ihre digitale Akte übertragen.“ Früher mussten die Dorfbewohner:innen bei Unwohlsein „unter Umständen 100 Kilometer auf einem batteriebetriebenen Dreirad in irgendein Krankenhaus fahren“ und dort mehrere Stunden verbringen. Mit der „Telefonzelle“ lässt sich das bestenfalls vermeiden. Und ländliche Regionen verlieren nicht den Anschluss. „68 Millionen Fälle von medizinischer Bildgebung werden jährlich über Telemedizin allein in chinesischen Kreisstädten abgewickelt. Wir reden da nicht über Peking, Shanghai und Guangzhou – die großen Megastädte – sondern wir reden über das Hinterland. Diese Szenarien sind keine Zukunftsmusik. Die sind schon Alltag im heutigen China“, resümierte der Experte.
Eines der innovativsten Länder weltweit: China
China ist zurück – „wieder“, wie Sieren betonte. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte es schon einmal einen Anteil von rund 30 Prozent an der Weltwirtschaft „und ein entsprechend entwickeltes Medizinsystem“. Doch dann kamen „150 Jahre Pleiten, Pech und Pannen“, der Anteil an der weltweiten Wirtschaftsleistung schrumpfte Mitte der 1970er-Jahre auf rund drei Prozent, fasste der Journalist in München zusammen. Nun ist die Volksrepublik erneut auf der Überholspur: Sie stehe unter großem Druck. Demografischer Wandel, alternde Gesellschaft, steigende Kosten, Ärztemangel im ländlichen Raum – die Herausforderungen seien ähnlich wie in Deutschland, aber in anderen Ausmaßen. Schließlich leben rund 1,4 Milliarden Menschen dort. Die Regierung habe – „besser vielleicht als die deutsche Bundesregierung“ – verstanden, „wie wichtig, Vorsorge und Früherkennung für ein funktionierendes Gesundheitssystem sind.“
Womöglich ist gerade dieser besonders große Druck eine wichtige Triebfeder: Shenzhen im Südosten Chinas gilt inzwischen als eine der innovativsten Regionen der Welt. Im „Global Innovation Index“ der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) führt das Innovationscluster Shenzhen–Hongkong–Guangzhou die Rangliste an – noch vor dem US-amerikanischen Silicon Valley. Heute hat China „wieder einen Anteil von 18 Prozent an der Weltwirtschaft“, so Sieren.
Chinas Innovationskraft: mit Geschwindigkeit und Pragmatismus
China ist vor allem eins: schnell. „Wir erfinden auch tolle Sachen, wir haben auch gute Ideen, wir habe auch eine tolle Grundlagenforschung. Aber wir kriegen das nicht so schnell auf die Straße wie die Chinesen“, sagte Sieren. Er verwies auf die elektronische Patientenakte, über die hierzulande seit Jahren diskutiert wird. Die chinesische Regierung hingegen „hat KI und Digital Health zur nationalen Priorität erklärt.“ In einem Fünfjahresplan (2026-2030) sei „eine führende strategische Position bei KI-Anwendungen“ festgeschrieben; die Regierung habe zudem „einen Aktionsplan mit 24 konkreten Anwendungsfeldern“ für KI im Gesundheitswesen verabschiedet. „Wenn sowas verabschiedet wird – und auch das ist ein Unterschied zu Europa – dann wird es umgesetzt, und zwar zügig.“ Welche Dynamik dahintersteckt, zeigt folgende Zahl: Fast 300 KI-Großmodelle speziell für den Gesundheitsbereich wurden schon jetzt in China gezählt. „Das ist keine Frage von Diskussionsrunden und politischen Debatten, sondern am Ende geht es um klare politische Ziele, um verbindliche Fristen […] und eine Kultur der Umsetzung.“
Siersen betonte: Es gehe in Deutschland nicht darum, das chinesische Modell zu kopieren, „schon gar nicht den autoritären Teil“. Aber: „Unsere Demokratie zu modernisieren – das sollten wir schon wagen.“ KI kann dabei einen Beitrag leisten. „In der Provinz Hebei wurde jetzt ein KI-Assistenzsystem für die Schlaganfallversorgung eingeführt, das die Zeit von der Bildgebung bis zum Diagnosebericht von 40 Minuten auf rund zehn bis 15 Minuten verkürzt.“ Im besten Fall seien das „190 Millionen Gehirnzellen“, die pro Minute gerettet werden können. Das Wichtigste, das Deutschland von solchen Projekten lernen könnte? „Es ist das Spielen in den freien Raum, Ausprobieren, Trial-and-Error, der Spaß neue Wege zu gehen, […] auch mit dem Risiko, dass das eine oder andere schiefgeht.“
Pharmaforschung Deutschland: Stagnation?
„Einfach mal machen“ – das sei keine deutsche Stärke, erklärte auch Dr. Matthias Meergans, Geschäftsführer Forschungspolitik beim Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa). Er stellte aktuelle Ergebnisse aus dem Monitoring-Tool PROUD vor. Die Agentur Vintura hat im Auftrag von vfa und Fraunhofer Gesundheit erfasst, wie wirksam Maßnahmen zur Stärkung des Standorts Deutschland für die Pharmaforschung sind. Demnach stagnieren die hiesige pharmazeutische Forschung und Entwicklung. Seitens vfa heißt es dazu: „Wesentliche Indikatoren wie etwa die Zahl Industrie-veranlasster klinischer Studien oder der deutsche Anteil am globalen Patient:innen-Recruting für Studien haben sich binnen zwei Jahren kaum verändert. Gleiches gilt für das Länderranking. Stark zeigt sich Deutschland dagegen vor allem in der medizinischen Grundlagenforschung und bei Patentanmeldungen.“

Meergans sieht vor allem die Translationslücke kritisch. Soll heißen: Wissenschaftliche Erkenntnisse schaffen es zu selten aus der Grundlagen- bzw. präklinischen Forschung in die praktische Anwendung – also in klinische Studien bzw. in die Versorgung. „Wir beliefern die Kommerzialisierungsstufen in anderen Ländern“. Deutsche Biotechs leiden hierzulande unter anderen an einem Mangel an Venture Capital. Und in Bezug auf klinische Studien drohen Kapazitätsengpässe ein Hindernis zu sein.
Mit Blick auf politische Entwicklungen wie die geplante Standortklausel zur Stärkung der heimischen Forschung und Produktion oder die Hightech Agenda konstatierte Meergans: „Wenn die Rahmenbedingungen sich verbessern, hat das Effekte – das ist die gute Nachricht an die Politik. Es lohnt sich, an den Stellschrauben zu drehen“. Er ist sich sicher, dass Deutschland das Potenzial zu einer „trial nation“ hat. Die Bundesrepublik als ein weltweit führender Standort für klinische Studien? Das würde nicht nur dazu führen, dass mehr Patient:innen frühzeitig Zugang zu den Therapien von Morgen erhalten. Gleichzeitig würden die Mediziner:innen hierzulande international gefragte Expertise aufbauen, indem sie den medizinischen Fortschritt aktiv mitgestalten; und auch für die Wirtschaft wäre das gut, denn jede Studie bringt Investitionen in den Standort mit sich. Von den Innovationen, die daraus entstehen können, ganz zu schweigen.
Ein Selbstläufer ist das nicht. Das machte Sieren anhand einer anderen Branche deutlich: „Wir waren jahrzehntelang führend in China in der Autoindustrie.“ Bei rein batterieelektrischen Fahrzeugen haben die deutschen Hersteller zusammen dort nur noch einen Marktanteil von 1,6 Prozent (1. Quartal 2026, s. Handelsblatt). Umgekehrt gewinnen chinesische Autobauer auf dem deutschen Markt zunehmend an Bedeutung: Etwa jedes achte neue Elektroauto hierzulande stammt inzwischen von einem chinesischen Konzern, wie eine Analyse der Unternehmensberatung EY für das dritte Quartal 2026 zeigt. Und Sieren zufolge gibt es in Europa „jetzt die ersten Länder, in denen die chinesischen Autos die meistverkauften Autos sind.“ Das passiert, so der Journalist, „wenn wir glauben, wir sitzen allein im Driver Seat und müssen uns nicht um den Wettbewerb kümmern.“
Weiterführender Link:
Europäischer Gesundheitskongress München
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Mehr klinische Studien: Für die Zukunft der Medizin, für die Wirtschaft
Eigentlich müsste sich die Politik viel stärker als bisher dafür einsetzen, mehr klinische Studien nach Deutschland zu holen. Denn dann würden nicht nur mehr Patient:innen frühzeitig von innovativen Behandlungsansätzen profitieren. Gleichzeitig würde das auch bedeuten: Die Mediziner:innen hierzulande gestalten den medizinischen Fortschritt entscheidend mit; sie erlangen dadurch Expertise, die weltweit gefragt ist. Und auch für die Wirtschaft wäre das gut. Schließlich bringt jede Studie enorme Investitionen in den Standort mit sich.
