Die Fakten
- In Deutschland wurden 517.800 neue Krebsfälle diagnostiziert (Jahr: 2023), davon etwa 276.400 bei Männern und 241.400 bei Frauen. Es starben rund 230.400 Menschen an Krebs (2024).
- Ende 2023 lebten fast 4,8 Millionen Menschen, bei denen innerhalb der vorausgegangenen 25 Jahre Krebs diagnostiziert worden war (Cancer Survivors).
- Unter den heutigen Bedingungen erkranken ungefähr jeder zweite Mann (49 %) und mehr als zwei von fünf Frauen (43 %) im Laufe des Lebens an Krebs.
Genaue Zahlen zu bekommen, ist gar nicht so einfach – zu unterschiedlich ist die Definition des Begriffs „Cancer Survivor“, also eines Menschen, der eine Krebsdiagnose überlebt hat. Aber was man auf jeden Fall sagen (und schreiben) kann, ist: Nie lebten hierzulande mehr Menschen nach einer Krebsdiagnose als heute; es dürften fast fünf Millionen Menschen sein. Das wäre gegenüber 2010 eine Steigerung von über 100 Prozent.
Paradigmenwechsel in der Onkologie

Das ist nicht nur deutlicher Hinweis darauf, dass die Behandlung von Tumorerkrankungen immer besser wird. Es zeigt auch, dass sich das Gesundheitssystem und die Versorgungslandschaft an diese Entwicklung anpassen muss. Onkologe Professor Dr. Christof von Kalle, Leiter des wissenschaftlichen Beirats von Vision Zero, erklärt im Pharma Fakten-Gespräch: „Aufgrund steigender Inzidenz sind immer mehr Menschen in Deutschland von Krebs betroffen und wir werden durch deutlich verbesserte Diagnostik und Therapie immer mehr Cancer Survivor haben.“ Damit rücken neben der Akutbehandlung zunehmend Themen der Langzeitgesundheit in den Fokus. Eine zentrale Frage, die sich die Onkologie heute stellen müsse, sei die folgende: „Wie können wir möglichst viele Menschen heilen – und ihnen anschließend möglichst viele gesunde, funktionelle und selbstbestimmte Lebensjahre ermöglichen?“
Es ist ein Paradigmenwechsel, den die Onkologie aufgrund des rasanten Fortschritts – bei Vision Zero spricht man von einer „Wissensexplosion“ – vollzogen habe, aber eben auch noch vollziehen muss. „Wir brauchen eine patientenzentrierte, vernetzte, datengetriebene und präventive Onkologie, in der Innovationen schneller und unabhängig von Wohnort oder Versorgungsstruktur verfügbar werden“, so von Kalle. Eine moderne Krebstherapie muss sich von einer zeitlich begrenzten Tumorbehandlung zu einer langfristigen, risikoadaptierten Versorgung von Menschen mit und nach Krebs entwickeln.
Vision Zero: 7 Punkte für eine patient:innenzentrierte Onkologie

Der „Vision Zero Initiativkreis Patient:innen“ hat diese Gedanken in der Broschüre „Was braucht die Onkologie heute und in der Zukunft wirklich?“ zusammengefasst. Die „Reformforderungen der Patient:innen an die deutsche Politik“ umfassen sieben Bereiche:
- Versorgung besser vernetzen: Spitzenzentren und regionale Versorgung müssen enger zusammenarbeiten; moderne Krebstherapie soll unabhängig vom Wohnort zugänglich sein, unterstützt durch Telemedizin und verbindliche Qualitätsstandards.
- Präzisionsmedizin früher und breiter einsetzen: molekulare Diagnostik, molekulare Tumorboards und personalisierte Therapien sollen nicht erst in späten Krankheitsstadien verfügbar sein.
- Forschung und klinische Studien stärken: Genehmigungen beschleunigen, Bürokratie reduzieren und Forschungsstrukturen langfristig finanzieren, damit Deutschland international wieder wettbewerbsfähiger wird.
- Digitalisierung, Daten und Künstliche Intelligenz (KI) konsequent ausbauen: interoperable Datenstrukturen, breitere Nutzung der elektronischen Patientenakte und bessere Voraussetzungen für KI in Diagnostik und Therapie.
- Prävention aufwerten: mehr Mittel für Prävention und Vorsorge sowie flächendeckende, evidenzbasierte Screeningprogramme.
- Kooperation statt Fragmentierung: nationale Krebsnetzwerke und internationale Zusammenarbeit stärken.
- Patient:innen verbindlich beteiligen: Patient:innenvertretung und Selbsthilfe sollen professionell, finanziell und strukturell unterstützt und systematisch in Forschung, Versorgung und Gesundheitspolitik einbezogen werden.

Johannes Förner, Koordinator des „Vision Zero Initiativkreis Patient:innen“, plädiert: „Um unsere Reformagenda umzusetzen, braucht es viel mehr Partnerschaften in der Politik, zwischen Bund und Ländern, in der Forschung und in der Versorgung. Nur so werden wir die gesundheitspolitischen Herausforderungen, speziell bei Krebserkrankungen, meistern können.“
Vision Zero-Generalsekretär Dr. Georg Ralle ergänzt: „Nie waren unsere Möglichkeiten, Krebs zu verhindern, früher zu erkennen und wirksamer zu behandeln, größer als heute. Deutschland verfügt über eine leistungsfähige Onkologie, ein breites Netzwerk spezialisierter Krebszentren, evidenzbasierte Leitlinien und eine zunehmend präzise Diagnostik und Therapie.“ Die deutlich verbesserten Überlebenschancen sieht er als einen Erfolg dieser Entwicklung – „und die wachsende Zahl der Cancer Survivors ihr vielleicht sichtbarster Beleg.“ Ralle betont: „Bürokratieabbau, Digitalisierung, Präzisionsmedizin, Prävention und internationale Kooperation müssen jetzt konsequent umgesetzt werden.“ All das kann dazu beitragen, die Qualität der Gesundheitsversorgung zu verbessern – und somit die Patient:innensicherheit zu erhöhen.
„Jetzt ist endlich der politische Wille zu einer Reformagenda, die Forschung, Versorgung, Prävention und Digitalisierung an uns Patient:innen ausrichtet, notwendig“, findet Rudolf Hauke, Patientenvertreter und einer der Autoren der Broschüre. Gesundheitspolitischer Stillstand? Das „können wir uns angesichts jährlich über 500.000 Neuerkrankungen nicht mehr leisten.“
Weiterführende Links:
Vision Zero in der Onkologie: Was braucht die Onkologie heute und in der Zukunft wirklich? Reformforderungen der Patient:innen an die deutsche Politik, Juni 2026.
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