23 Jahre lang ist es nicht gelungen, das Arzneimittel-Sortiment im Kampf gegen die Alzheimer-Krankheit zu erweitern. 2002 erhielt ein Medikament eine Zulassung – seitdem beißt sich die Forschung die Zähne aus. 2025 steht daher für ein Jahr des Durchbruchs: Gleich zwei neue Präparate wurden verfügbar – sie können allerdings nur „im Frühstadium und nach aufwendiger Diagnose durch Liquor-Untersuchung oder PET-Scan sowie nach einem Gentest eingesetzt werden“, schreibt der vfa.

Zu den „ungewöhnlichsten Medikamenten“ gehören laut Pharmaverband in diesem Jahr zwei Gentherapien: Die eine könne oft für eine anhaltende gesundheitliche Besserung bei Sichelzell-Krankheit sowie Beta-Thalassämie sorgen – es sind seltene Leiden, sie betreffen also nicht mehr als fünf von 10.000 EU-Bürger:innen. Erstmals werde dabei „die Genschere CRISPR-Cas therapeutisch (und nicht nur als Labortechnik)“ eingesetzt, heißt es. Die andere Gentherapie ist ein Gel zur Behandlung der schweren Hautkrankheit Epidermolysis bullosa. „Auf Wunden aufgetragen, kann es durch Genübertragung die Heilung fördern“, so der vfa. Und noch einmal hat es das Wort „ungewöhnlich“ in die Verbandspressemitteilung geschafft: Dass sechs der neu in Deutschland eingeführten Medikamente der Therapie von Stoffwechselkrankheiten dienen, ist verhältnismäßig viel. 2024 waren es drei gewesen. Unter den Neulingen ist das allererste Arzneimittel gegen die Metabolische Dysfunktion-assoziierte Steatohepatitis (MASH), eine fortgeschrittene Form von Fettlebererkrankung. Schätzungen zu folge leiden bis zu fünf Prozent der Erwachsenen in Industrieländern daran.
Innovationen aus 2025: Vielfältige Anwendungsgebiete
Neben den Stoffwechselkrankheiten lag in diesem Jahr erneut ein starker Fokus auf Krebs: 13 neue Medikamente zählt der vfa. Rund die Hälfte davon gehört zu den oral anwendbaren Kinasehemmern. Das heißt: In Tumorzellen können sie bestimmte Signale für die Zellteilung blockieren. Außerdem kamen sogenannte Antikörper-Wirkstoff-Konjugate gegen Brust- und Gebärmutterhalskrebs auf den deutschen Markt. Sie bestehen aus zwei Teilen: Der Antikörper funktioniert wie eine Art Taxi, das den chemotherapeutischen Wirkstoff an den Ort im Körper bringt, wo er wirken soll – gesunde Zellen sollen durch diese Präzision möglichst geschont werden.
Der vfa sieht 2025 insgesamt eine „breite Verteilung auf die Anwendungsgebiete“: Vier neue Präparate gegen neurologische Leiden, jeweils zwei gegen immunologische sowie Blutungskrankheiten, eine Innovation gegen eine Muskelerkrankung oder jeweils drei gegen Herz-Kreislauf- und Infektionskrankheiten. Dazu zählen auch Impfstoffe zur Prävention – gegen das Chikungunya-Fieber und zum Schutz vor Pneumokokken-Bakterien, die unter anderem schwere Lungenentzündung hervorrufen können.
Zu den 36 Neueinführungen kommen mindestens 20 Zulassungserweiterungen hinzu – so wurde etwa die Anwendbarkeit zahlreicher Krebsmedikamente auf weitere Tumorarten ausgedehnt. Auch das ist Fortschritt, der bei den Patient:innen ankommt.
Innovationsstandort Deutschland?

„Pharmaunternehmen haben mit den Neueinführungen und Zulassungserweiterungen dieses Jahres einmal mehr die Möglichkeiten der Medizin erweitert“, sagt vfa-Präsident Han Steutel. Allerdings hätten mehr Medikamente für Neueinführungen bereitgestanden. „Die Zahl zugelassener, aber hierzulande nicht vermarkteter Medikamente wächst“, erklärt er. „Die Entscheidungen gegen eine Markteinführung könnten von Forderungen der US-Regierung nach umverteilten Arzneimittelausgaben beeinflusst worden sein. Früher waren wir es gewohnt, dass fast alle Medikamente schnell zur Verfügung stehen. Um die Versorgung mit neuen Arzneimitteln wieder umfassend zu gewährleisten, brauchen wir eine innovationsfreundliche, wachstumsorientierte Arzneimittelpolitik in Deutschland und Europa.”
75 Prozent der 36 neuen Medikamente wurden vor ihrer Zulassung auch in deutschen Kliniken und Arztpraxen erprobt – bei rund einem Viertel der Neulinge blieb die Bundesrepublik also außen vor.
„Deutschland steht vor globalen Herausforderungen: In der präklinischen und klinischen Arzneimittelforschung bleiben Potenziale ungenutzt. Hier gehen andere Länder – wie China – mit deutlich größerem Tempo voran”, konstatiert der Experte. „Gleichzeitig zwingt die US-Politik unser Land dazu, neue Antworten
auf die Fragen zu finden, wie eine leistungsfähige Versorgung und ein wettbewerbsfähiger Pharma-Standort in Zukunft aussehen müssen.“
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