Unter dem Titel „VORschung voraus – Gesundheit2030: Wie Innovation Leben, Forschung und Standort stärkt“ lud AstraZeneca Deutschland zu einem Medienevent ein. Im Fokus der Debatten: die aktuellen Sparpläne der Gesundheitspolitik.
Unter dem Titel „VORschung voraus – Gesundheit2030: Wie Innovation Leben, Forschung und Standort stärkt“ lud AstraZeneca Deutschland zu einem Medienevent ein. Im Fokus der Debatten: die aktuellen Sparpläne der Gesundheitspolitik.

„Aber wird es dieses Medikament irgendwann in Deutschland geben?“

„Wow.“ So lässt sich das Gefühl, mit dem Onkologe Dr. Niko Andre gerade erst vom international größten Krebskongress ASCO zurückgekehrt ist, wohl am besten beschreiben. In Chicago präsentierten Wissenschaftler:innen und Mediziner:innen die neuesten Fortschritte der Forschung. Die wären tatsächlich einfach „wow“ – wenn nicht grundsätzlich in Frage stünde, wie schnell und umfassend neue Arzneimittel künftig noch in die deutsche Patient:innen-Versorgung gelangen. In den Augen von Alexandra Bishop, Geschäftsführerin bei AstraZeneca Deutschland, sende die Politik mit ihren aktuellen Sparplänen das Signal: „Wir sind an Innovationen nicht interessiert.“ Das erklärte sie auf einem Medienevent des forschenden Pharmaunternehmens in Hamburg.
Dr. Niko Andre, Leiter der Abteilung Onkologie und Hämatologie bei AstraZeneca Deutschland.
Dr. Niko Andre, Leiter der Abteilung Onkologie und Hämatologie bei AstraZeneca Deutschland.

Das metastasierte Pankreaskarzinom, bekannt als Bauchspeicheldrüsenkrebs, gilt bislang in der Regel als Todesurteil: Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei rund fünf Prozent, sagte Dr. Niko Andre, Leiter der Abteilung Onkologie und Hämatologie bei AstraZeneca Deutschland. Doch nun sorgten Studiendaten auf dem ASCO-Kongress für Aufsehen: Im Mittelpunkt steht ein Medikament mit einem innovativen Wirkmechanismus. Es wirkt zielgerichtet bei verschiedenen Mutationen im RAS-Gen. „RAS“ hat es in sich: Das RAS-Protein leitet in gesunden Zellen Wachstumssignale von der Zelloberfläche ins Zellinnere weiter. Doch wenn es das in Folge von Genmutationen dauerhaft tut, kann es verschiedene Krebsarten verursachen. Schon seit Jahrzehnten forschen Wissenschaftler:innen daran; 2026 nun ein „Durchbruch“ (siehe FOCUS): Im Rahmen einer Phase-III-Studie überlebten Patient:innen mit metastasiertem Bauchspeicheldrüsenkrebs mit dem neuen Medikament doppelt so lange wie Patient:innen, die mit einer klassischen Chemotherapie behandelt wurden. „Tausende Leute sind aufgestanden und haben begeistert applaudiert“, erinnerte sich Andre an die Präsentation auf dem ASCO.

Sparpläne: Weniger Innovation und Investition in Deutschland?

Unter dem Titel „VORschung voraus – Gesundheit2030: Wie Innovation Leben, Forschung und Standort stärkt“ lud AstraZeneca Deutschland zu einem Medienevent ein.
„VORschung voraus – Gesundheit2030“: AstraZeneca Deutschland lud zu einem Medienevent ein.

Der Hersteller dieses Medikaments plant, Zulassungsanträge bei der US-amerikanischen Behörde FDA und auch weltweit einzureichen. „Aber wird es dieses Medikament irgendwann in Deutschland geben?“ Das sei tatsächlich eine Frage, die sich zunehmend stellt, so Andre. Bei AstraZeneca jedenfalls macht man sich mit Blick auf das geplante GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) „elementare Sorgen“, das wurde auf dem Medienevent in Hamburg deutlich.

Und sie sind damit nicht allein: Boehringer Ingelheim streicht laut jüngstem Handelsblatt-Bericht in Deutschland Investitionen in Höhe von 900 Millionen Euro, die für den Zeitraum 2027 bis 2030 geplant gewesen wären. „Die nächste Innovation geht nach Lage der Dinge aktuell nicht nach Deutschland. Wir müssen Schritt halten mit der Entwicklung in den USA und Asien“, erklärte Deutschlandchef Médard Schoenmaeckers. Das sei eine „betriebswirtschaftliche Konsequenz aus der aktuellen Unplanbarkeit“ hierzulande. Und auch der Konzern Eli Lilly kürzt (s. Handelsblatt) infolge des angekündigten Spargesetzes in der Bundesrepublik seine Investitionen. Eigentlich sollte in Alzey – einer 20.000-Einwohner:innen-Stadt in Rheinland-Pfalz – eines der größten und modernsten Werke des Unternehmens entstehen. Der Standort wird wohl 2027 eröffnen, aber mit halbierter Kapazität und Belegschaft.

Deutschland: Forschungsstandort mit Zukunft?

Auf dem Spiel stehen langfristige Investitionen, Arbeitsplätze, Innovationskraft – all das droht aus der Bundesrepublik abzuwandern. „Wird Deutschland als Wissenschaftsstandort eine führende Rolle einnehmen oder zunehmend von Innovationen abhängig werden, die andernorts entwickelt werden?“, fragte Bishop, AstraZeneca.

Alexandra Bishop, Geschäftsführerin bei AstraZeneca Deutschland.
Alexandra Bishop, Geschäftsführerin bei AstraZeneca Deutschland.

Laut Dr. Andre beträgt die Entwicklungsdauer pro Medikament zwischen zehn bis 15 Jahre; pro erfolgreichem Arzneimittel fallen Investitionen von bis zu zwei Milliarden US-Dollar an. Die Mehrheit aller Forschungsprogramme scheitert. Pharmazeutische Forschung gilt wirtschaftlich und wissenschaftlich gesehen als sehr risikoreich. Planbarkeit ist das A und O. „Die Rahmenbedingungen und die Politik sind von absolut kritischer Bedeutung“, betonte Bishop. Das gilt nicht nur für die Einführung neuer Medikamente, sondern auch für klinische Studien. Hierzulande wirken „komplexe Verfahren und lange Abstimmungswege“ nach wie vor als Bremse, heißt es seitens AstraZeneca. Doch ein Land, ein Krankenhaus, das an einer Studie beteiligt ist, baut Knowhow auf; es sorgt dafür, dass seine Ärzt:innen auf dem neuesten Stand der Wissenschaft sind. Bishop: „Wenn man eine Innovationswelle verpasst, ist man möglicherweise für die nächste gar nicht mehr in der Position, daran teilzuhaben, weil man nicht mehr an der Spitze der Entwicklung steht.“ Damit entgeht den Patient:innen die Chance, von einem innovativen Wirkstoffkandidaten frühzeitig zu profitieren. Wo geforscht wird, wird oft auch früher behandelt.

Deutschland könnte da zunehmend ins Hintertreffen geraten. Der Wettbewerb jedenfalls ist größer denn je. China ist im Turbomodus, das zeigte auch der ASCO: Eine „absolute Dominanz chinesischer Wissenschaftler und Daten“ sah Andre dort. „Und die Qualität steht unseren Daten aus den USA oder Europa in nichts nach“. Bishop ergänzte: „Klinische Studien für neuartige Therapien wie Zelltherapien sind in China nun fast schon dreimal so häufig wie in Europa.“ Und: Bei 28 neuen Wirkstoffen waren die USA 2023 Ursprungsland; auf China kamen 25, auf Europa 17.

Arzneimittelpolitik unter Druck

Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, und Dr. Jasmina Kirchhoff, Leiterin Forschungsstelle Pharmastandort Deutschland beim Institut der deutschen Wirtschaft.
Andreas Storm, DAK-Gesundheit, und Dr. Jasmina Kirchhoff, Institut der deutschen Wirtschaft.

Man müsste nun „die richtigen Signale“ für mehr Wettbewerbsfähigkeit senden – stattdessen plant die Politik in der Bundesrepublik mit dem BStabG ein Gesetz, das die AstraZeneca-Chefin als „gefährlich“ einstuft. Das Ganze ist unglaublich komplex. „Es braucht einen Doktortitel, um zu verstehen, was die geplanten Sparmaßnahmen bedeuten“, kritisierte sie. Andreas Storm, Vorstandsvorsitzender der DAK-Gesundheit, sagte: „Die Finanzlast muss fair auf alle Leistungsbereiche verteilt werden.“

Doch Dinge wie ein dynamischer Herstellerabschlag nehmen den Unternehmen „Planungssicherheit“, so Dr. Jasmina Kirchhoff, Leiterin Forschungsstelle Pharmastandort Deutschland beim Institut der deutschen Wirtschaft. Die Höhe des Rabatts soll jährlich je nach Entwicklung der Arzneimittelausgaben und der beitragspflichtigen Einnahmen angepasst werden. Bislang ist seine Berechnung allerdings so angelegt, dass er sich „im allerbesten Fall in einigen Jahren stabilisiert, aber runtergehen wird er auf gar keinen Fall.“ Sorgen machen Kirchhoff auch die angedachten Rabattverträge für innovative Arzneimittel: „Wir haben bereits im generischen Bereich gesehen, was Einsparungen in der GKV über solche Instrumente bedeuten.“ Aufgrund des „Spardiktats“ seien Hersteller für kritische Arzneimittel über Jahrzehnte abgewandert.

Arzneimittel: Deutschland als „Niedrigpreisland“

Hinzu kommt die aktuelle Arzneimittelpolitik der USA – sie verfolgt das Most Favored Nation (MFN) Prinzip. Laut Bishop geht es „dabei darum, dass wohlhabende Länder ungefähr ähnliche Preise bezahlen“ – und somit alle einen angemessen Beitrag dazu leisten, dass sich pharmazeutische Forschung und Entwicklung refinanzieren kann. „Wir haben uns, was die Forschung und Entwicklung sowie den Zugang zu Innovationen angeht, sehr stark auf die USA verlassen“, bestätigte Kirchhoff. Mit MFN will US-Präsident Donald Trump das ändern. Diese Diskussionen „auszusitzen, das wird keine Lösung sein“; denn sie werden mit Trump „nicht weggehen“, ist Kirchoff überzeugt. „Man ist dabei, das umzusetzen. Und Deutschland ist aus Sicht der USA ein Niedrigpreisland.“

Erst kürzlich hatte das IGES-Institut seine aktuellen Analysen zu dem Thema vorgestellt (s. Pharma Fakten): „Eine Besonderheit in Deutschland ist, dass die Preise im Vergleich zu anderen EU-Ländern sehr früh feststehen und frei zugänglich sind. Dadurch könnte der deutsche Preis künftig direkt dazu beitragen, den US-Preis abzusenken. Als Folgewirkung könnten sich Hersteller veranlasst sehen, den Zeitpunkt der Markteinführung und die Preisbildungsstrategien neuer, innovativer Arzneimittel in Deutschland neu zu bewerten“, hieß es. Die Gefahr sieht auch Kirchhoff. Die Arzneimittelpreise per Spargesetz weiter drücken? „Deutschland unterschätzt, wie stark nationale Preisentscheidungen inzwischen globale Innovationsströme beeinflussen“.

Pharma: Innovation made in Germany ist möglich

„Der Pharmastandort Deutschland und Europa ist stark“, findet Kirchhoff. „Wir haben hervorragende Voraussetzungen. Was die Grundlagenforschung angeht, sind wir weltweit anerkannt – sowohl universitär als auch außeruniversitär. Unsere Produktion ist qualitativ top. Forschende Pharmaunternehmen sind hier seit Jahrzehnten, manche schon seit Jahrhunderten: Weil es ein starker Standort ist, mitten in Europa gut aufgestellt. Mit einer Vorleistungsindustrie um sie herum aus dem Bereich Chemie, Maschinen- und Anlagenbau. Wir haben hochqualifizierte Arbeitskräfte. Wir haben alles da, was es braucht, aber wir führen die falschen Debatten.“ In den Kostendiskussionen werde „der Wert einer solchen Branche“ regelmäßig missverstanden – für die sozialen Sicherungssysteme, für die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung in Zeiten des demografischen Wandels.

Moderatorin Angela Elis mit Tessa Wolf, Head of Corporate Affairs bei AstraZeneca Deutschland.
Moderatorin Angela Elis mit Tessa Wolf, Head of Corporate Affairs bei AstraZeneca Deutschland.

Tessa Wolf, Head of Corporate Affairs bei AstraZeneca Deutschland, unterstrich: „Die pharmazeutische Industrie schafft Arbeitsplätze, trägt massiv zum Bruttosozialprodukt bei und kann Gesundheitssysteme langfristig effizienter machen.“ Neue Arzneimittel sind für einen großen Teil der gestiegenen Lebenserwartung verantwortlich, machte Bishop deutlich. „Und die Wissenschaft macht heutzutage größere Fortschritte denn je.“ AstraZeneca will dabei eine große Rolle spielen: Rund 26 Prozent des Umsatzes investiert die Firma wieder in die Forschung; die Pipeline umfasst fast 190 Projekte. Bis 2030 will das Unternehmen 20 neue Medikamente verfügbar machen.

Ja: Die GKV steckt in einer Finanzierungskrise. Und auch Pharma werde da einen Sparbeitrag leisten müssen, so Kirchhoff. Aber: „Die Aufgabe besteht doch nicht nur darin, das GKV-System so aufzustellen, dass es viel spart.“ Es geht „auch um Versorgungssicherheit und darum Menschen in Zukunft entsprechende Präparate zur Verfügung zu stellen, die es ihnen ermöglichen schnell wieder gesund zu werden. Das ist gut für das GKV-System, das ist gut für die Volkswirtschaft. Diese Zielsetzung geht mir in der aktuellen Diskussion ein bisschen flöten.“ Denn: „Gesundheitspolitik ist längst auch Technologie-, Industrie- und Geopolitik.“

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