Die Fakten
- Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen: Pro Jahr gibt es ca. 70.000 Neudiagnosen
- Rund jede achte Frau erkrankt in ihrem Leben an Brustkrebs.
- Auch Männer sind betroffen, allerdings sehr selten.
- Trotz hoher Neuerkrankungszahlen ist die Sterberate, u. a. dank Verbesserungen in Diagnostik und Therapie, gesunken.
- Die 5-Jahres-Überlebensrate nach Brustkrebs liegt in Deutschland relativ hoch (~ca. 85 – 90 %).

52 – das ist die Zahl der Telefonate, die Tanja Bütler führen musste, bis sie endlich einen Termin für eine Biopsie bekam, die Voraussetzung für eine genaue Diagnose und eine wirksame Therapie ist. Unter der Dusche hatte sie einen Knoten in ihrer Brust entdeckt. Ihr Verdacht bestätigt sich: Brustkrebs; ein sogenannter triple negativer Brustkrebs (TNBC), der als besonders aggressiv gilt. Der heißt so, weil er gleich drei molekulare Zielstrukturen nicht ausbildet. TNBC galt deshalb lange als nicht zielgerichtet behandelbar. Erst die Entwicklung von Immuntherapeutika, PARP-Inhibitoren und den Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten (ADC) hat das verändert.
Sie sind am wirksamsten, wenn früh diagnostiziert und schnell behandelt wird – 52 Telefonate führen zu müssen, hilft dabei nicht. Das Diagnosegespräch mit einer „empathielosen“ (O-Ton Bütler) Ärztin wird sie so schnell nicht vergessen: „Nur harte Fakten, wenig Mitgefühl, wenig Begleitung und wenig Liebe. Das Problem ist, dass wir dann, wenn wir diese Diagnose bekommen, am schwächsten sind, das System aber von uns verlangt, dass wir dann am stärksten sind“, so die Journalistin. Dass das nicht so sein muss, zeigt der Blick über die Grenzen, wo es, wie in Skandinavien, Fast-Track-Systeme gibt, in denen der Weg von Verdacht zur Diagnose beschleunigt wird. Schließlich ist Zeit in diesem Fall: Lebenszeit. Oder so genannte Breast Care Nurses wie in den Niederlanden. „Das sind Lotsinnen, die einen nach der Diagnose auffangen und beim Management der Erkrankung unter die Arme greifen.“
Arzneimittelinnovationen: Deutschland ist schnell

Wege zur besseren Versorgung von Frauen mit Brustkrebs identifizieren – das war das Ziel des Politikfrühstücks, das vom forschenden Pharmaunternehmen Gilead Sciences möglich gemacht wurde. Und zunächst einmal ist die Ausgangslage gut: Nirgendwo in Europa sind Arzneimittelinnovation so schnell verfügbar wie in Deutschland, worauf Karin Maag vom Gemeinsamen Bundesausschuss aufmerksam machte. 40 Tage dauert das im Schnitt in Deutschland, in Frankreich können schon mal 300, in Polen bis zu 700 verstreichen: „Wir sind da unfassbar schnell.“
Überhaupt Medikamente: „Gerade beim Mamma-Karzinom haben wir in den vergangenen 20 Jahren viele Innovationen in die Versorgung gebracht“, sagt Karin Huss, die bei Gilead das Onkologie-Portfolio leitet. Das sei besonders wichtig im Bereich der metastasierten Erkrankung, die „wir aus dem Schattendasein holen müssen.“ Karin Maag sekundiert: „In der Krebsforschung gab es in den vergangenen Jahren eine Explosion an neuen Medikamenten, an personalisierter Medizin und molekularer Diagnostik, wie in keinem anderen Bereich.“
Brustkrebs: Zertifizierte Zentren mit besseren Behandlungsergebnissen
Auf der Habenseite der Brustkrebsversorgung zu finden ist außerdem das Mammografie-Screening, das erst kürzlich ausgeweitet wurde und von Frauen im Alter zwischen 50 bis 75 Jahren in Anspruch genommen werden kann (was allerdings nur 52 Prozent tun). Zusätzlich gibt es Disease-Management-Programme, in die über 160.000 Frauen eingeschrieben sind. Der Vorteil dieser DMPs: Sie ermöglichen strukturierte, leitlinienbasierte Behandlung, regelmäßige Kontrollen, frühzeitiges Erkennen von Komplikationen und eine bessere Koordination der Versorgung. Außerdem gibt es auf Brustkrebs zertifizierte Zentren – rund 250 sind es – die auf optimale Behandlungen spezialisiert sind. „Dort wird regelhaft nach den neuesten Erkenntnissen behandelt“, so Karin Maag. Doch auch hier gilt: Zu viele Frauen finden den Weg nicht in diese Spitzenzentren.

Welche Stellschrauben würden aus der guten Versorgung eine sehr gute machen? Für die Gesundheitspolitikerin der CDU/CSU, Dr. Maria-Lena Weiss steht fest: „Wir müssen dafür sorgen, dass die Betroffenen Zugang zu zertifizierten Zentren haben, einfach, weil sie dann die beste Behandlung bekommen. Nicht jede Klinik kann das.“ Außerdem muss aus ihrer Sicht dringend die Zahl der klinischen Studien nach oben geschraubt werden, weil sie die neueste Wissenschaft ins Land holen und es ermöglichen, Menschen zu versorgen, die mit bestehenden Therapien nicht mehr gut behandelt werden können. Denn: Klinische Studien holen die Medizin von morgen schon heute ins Land.
Das sieht auch ihre Kollegin so. Dr. Lina Seitzel von der SPD, wie auch Frau Weiss Mitglied im Gesundheitsausschusses im Bundestag, ergänzt: „Für uns ist Pharma ein ganz wichtiges Standortthema. Wir wollen diese Unternehmen hier haben. Sie produzieren Medikamente, die wir alle benötigen; sie sind wichtig für die Arbeitsplätze und den Wirtschaftsstandort.“ Mit der Nationalen Pharmastrategie, dem Medizinforschungsgesetz, dem Gesundheitsdatennutzungsgesetz hat die Politik wichtige Weichen gestellt.
Arzneimittel: Applaus aus der Fachwelt, „Watschen“ bei Preisverhandlungen

Aber da geht noch was, findet Karin Maag. Sie fordert „dringend“ eine Reform des AMNOG, jenem Verfahren, nachdem hierzulande der Zusatznutzen von neuen gegenüber bereits zugelassenen Therapien festgelegt und auf Basis dessen der Erstattungsbetrag verhandelt wird, die die Gesetzlichen Krankenkassen bezahlen. Es ist ein Konzept nach dem eigentlich guten Motto „mehr Geld für mehr Nutzen“, das aber in die Jahre gekommen ist und das 15 Jahre nach Einführung von der wissenschaftlichen Entwicklung überrollt wird. Immer größer wird die Gefahr, dass das System für die Bewertung des Innovationsgrades neuer Arzneimittel blind wird, weil mit methodischen Anforderungen von gestern die Segnungen von Präzisionsmedizin nicht messbar sind. Und so steigt die Gefahr, dass ein hochgradig innovativer Wirkstoff aus dem AMNOG-Verfahren mit schlechten Bewertungen herauskommt, der Erstattungsbetrag entsprechend niedrig ist und sich Forschung und Entwicklung so nicht finanzieren lässt. Karin Huss von Gilead formuliert es so: „Auf medizinischen Kongressen wird applaudiert, wenn wir die Daten zu unseren Arzneimitteln präsentieren. Und dann werden wir bei den Preisverhandlungen abgewatscht, weil das Produkt angeblich nicht innovativ ist.“ Immerhin: Die AMNOG-Reform ist wichtiger Teil des Pharma-Dialogs. „Wir wissen, dass wir hier etwas tun müssen“, so Lina Seitzel.
Optimierung der bestehenden Instrumente ist das Schlüsselwort, um Menschen mit Brustkrebs besser zu versorgen. Wenn sie besser ineinandergreifen, wenn Vernetzung der Akteure und die Nutzung der Gesundheitsdaten verbessert werden, wenn die Rahmenbedingungen für Innovationen kontinuierlich an die wissenschaftliche Entwicklung angepasst werden, können mehr Frauen von dem medizinischen Fortschritt profitieren. Frau Weiss vermisst bei der Debatte auch einen ganzheitlichen Ansatz, nämlich, „was wir mit solchen Behandlungen an Folgekosten vermeiden können.“ Das Credo dahinter: Ausgaben für innovative Arzneimittel sind nicht nur Ausgaben – sie sind Investitionen in die Zukunft.
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