
Eigentlich könnte es eine Geschichte des Erfolges sein: Was früher meist einem Todesurteil gleichkam, dafür gibt es heute Behandlungsmöglichkeiten. Die Standardtherapie bei Tuberkulose besteht aus vier Medikamenten über einen Zeitraum von sechs Monaten – dann ist eine Heilung möglich. Zwischen 2000 und 2016 konnten so rund 53 Millionen Leben weltweit gerettet werden.
„Ein großer Teil des weltweiten Fortschritts wurde durch internationale Geldgeber ermöglicht“, schreiben der Mediziner Norbert Ndjeka und die Wissenschaftlerin Jody Boffa im Fachmagazin „The Lancet Global Health“. Heutzutage sind vor allem Menschen in ärmeren Regionen von Tuberkulose betroffen. „Insbesondere die United States Agency for International Development (USAID) und der Globale Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria waren wichtig für nationale Tuberkulose-Programme, gerade in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.“ Doch „die Auflösung von USAID im Jahr 2025 sowie von anderen Ländern angekündigte Kürzungen bei der Entwicklungshilfe“ machen den Fachleuten Sorgen.
Tuberkulose: Wird die Zahl der Todesfälle steigen?
Zu Recht: Eine aktuelle Studie eines Londoner Wissenschaftler:innen-Teams hat verschiedene Szenarien modelliert. Die Ergebnisse sind „ernüchternd“, kommentieren Ndjeka und Boffa. Allein der Wegfall von USAID könnte bis 2035 1,4 Millionen zusätzliche Infektionen und rund 538.000 zusätzliche Tote in ärmeren Regionen zur Folge haben. Und auch Kürzungen anderer Geberländer hätten enorme Auswirkungen. Nur mal angenommen, Deutschland würde seine gesamte Unterstützung für den Globalen Fonds streichen, dann könnte das bis 2035 zu fast 187.000 zusätzlichen Todesfällen führen. Und gäbe es den Globalen Fonds gar nicht mehr, wären 11,6 Millionen mehr Tuberkulose-Erkrankte und 4,4 Millionen mehr Todesfälle bis 2035 die potenzielle Konsequenz. Nicht ohne Grund warnen zahlreiche Nichtregierungsorganisationen vor Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit und humanitären Hilfe.

Eine „Frage von wachsender Dringlichkeit“ sei es, wie Stabilität ohne bedeutende finanzielle Mittel großer internationaler Geberländer erreicht werden könnte, finden Ndjeka und Boffa. Einige Regierungen leiten bereits Schritte ein: „Nigeria hat mehr inländische Mittel gegen Tuberkulose zugesichert; die Demokratische Republik Kongo hat mit der lokalen Herstellung von Tuberkulose-Medikamenten begonnen; und in Südafrika hat die ´National Treasury` den Gesundheitsressorts in den Provinzen zusätzliche Mittel zugeteilt.“
Allerdings wird es wohl nicht möglich sein, die Lücken gekürzter Entwicklungshilfen sofort zu schließen. Jahrzehnte des Fortschritts sind daher in Gefahr. Die Auswirkungen dürften weltweit zu spüren sein – schließlich kennen Infektionskrankheiten keine Ländergrenzen.
Übrigens: Gelänge es, die globale Sterberate auf das Niveau der USA (0,2 pro 100.000) zu senken, gäbe es 16.000 Todesfälle jährlich zu beklagen – anstatt 1,28 Millionen (s. Pharma Fakten).
Hoffnungen: Forschung gegen Tuberkulose
Was die Londoner Wissenschaftler:innen in ihrer Studie nicht berücksichtigen, sind die zunehmenden Arzneimittel-Resistenzen, die eine Behandlung erschweren (und teurer machen).
Es braucht daher dringend mehr Forschung. So arbeiten Wissenschaftler:innen in Deutschland in einer Kooperation an einem neuen Antibiotikum BTZ-043, das einen völlig neuen Wirkmechanismus hat.

In der öffentlich-privaten Partnerschaft UNITE4TB haben sich außerdem mehrere Organisationen, akademische Einrichtungen, kleinere Unternehmen sowie Pharmafirmen zusammengeschlossen, um von 2021 bis 2028 gemeinsam die klinische Prüfung neuer Arzneimittelkandidaten voranzutreiben. Im besten Fall stehen irgendwann Medikamente zur Verfügung, die wirksamer sind, weniger potenzielle Nebenwirkungen haben und eine kürzere Einnahmedauer benötigen als aktuelle Therapien. In der Phase 2-Studie PARADIGM4TB werden 12 Arzneimittelkombinationen getestet. Sie soll an über 30 Standorten auf vier Kontinenten aktiv sein. UNITE4TB ist die größte öffentlich-private Partnerschaft in der Geschichte der Europäischen Union, die sich auf die klinische Entwicklung von Medikamenten gegen Tuberkulose konzentriert. „Dies ist ein sehr wichtiger Meilenstein“, sagt Professor Christoph Lange, Ärztlicher Direktor des Forschungszentrums Borstel, Leibniz Lungenzentrum und klinischer Leiter des UNITE4TB-Konsortiums. Doch medizinischer Fortschritt wird den Kampf gegen Tuberkulose nicht allein gewinnen können – politischer Wille ist das, was letztlich zählt, um die Früchte der Forschung zu den Menschen zu bringen.
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Tuberkulose tötet – das wäre vermeidbar
In wohlhabenderen Ländern ist die Infektionskrankheit Tuberkulose inzwischen relativ selten – doch weltweit fallen ihr noch immer zahlreiche Menschen zum Opfer. Das muss nicht sein: Mehr als 1,2 Millionen Todesfälle pro Jahr ließen sich vermeiden, wenn die Sterberate überall auf dem Globus so niedrig wie in den USA wäre.

In Europa: Menschen sterben an vermeidbaren Infektionskrankheiten
HIV, virale Hepatitis, Tuberkulose – diese Infektionskrankheiten haben eines gemeinsam: Sie sind vermeid- und behandelbar. Und trotzdem sterben mitten in Europa Menschen daran. Rund 35.000 Tote pro Jahr gehen allein auf das Konto des Hepatitis C-Virus – dabei lässt sich eine Erkrankung in der Regel innerhalb weniger Wochen mit Medikamenten heilen.

Gesucht: Ein „Goldenes Zeitalter“ der Antibiotika-Entwicklung
Antibiotika haben die Medizin revolutioniert, aber die „Golden Age“ der Antibiotika-Entwicklung ist längst vorbei: Zwischen den 1940er- und den 1970er-Jahren wurden gut zwei Drittel der heute bekannten Wirkstoffklassen entwickelt. Dabei wäre ein weiteres goldenes Zeitalter dringend notwendig. Denn viele der Präparate wirken nicht mehr. Der Grund: Resistenzen, die durch Über- und Fehlnutzung befeuert werden. Immerhin: Die Nutzung von Antibiotika in der Nutztierhaltung geht in einigen Ländern massiv zurück.
