Die Fakten
- Weltweit leiden schätzungsweise etwa 25–27 % der Erwachsenen an chronischen Schmerzen – ungefähr 1 von 4 Menschen.
- Frauen (31,42 %) sind öfter betroffen als Männer (21,63 %).
- Die Deutsche Schmerzgesellschaft geht von 12 Millionen betroffenen Menschen in Deutschland aus; andere Studien von 23 Millionen. Dem stehen rund 1.400 spezialisierte Behandler:innen gegenüber.

„In jedem dritten Haushalt in Europa lebt ein Mensch, der unter Schmerzen leidet. Etwa 17 Prozent aller Deutschen sind von langanhaltenden, chronischen Schmerzen betroffen – also mehr als 12 Millionen Menschen. Durchschnittlich dauert ihre Leidensgeschichte sieben Jahre, bei mehr als 20 Prozent über 20 Jahre.“ Der Text kommt von der Deutschen Schmerzgesellschaft. Er zeigt: Schmerz ist für viele Menschen Alltag und ständiger Begleiter. Für sechs Millionen Menschen in Deutschland gilt sogar: sie leiden unter chronischen, nicht tumorbedingten, stark bis sehr stark beeinträchtigenden Schmerzen. Ihre Versorgung ist schon heute nicht optimal. Die Schmerzgesellschaft glaubt, dass die geplanten Einsparungen im Rahmen von BStabG und der Krankenhausreform die Situation deutlich verschlimmern werden. Darauf hat sie am „15. Aktionstag gegen den Schmerz“ aufmerksam gemacht.
Moderne Schmerztherapie ist Teamwork – und das kostet

In den Augen von Professor Dr. Frank Petzke, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft, steht die Schmerztherapie vor dem Kollaps. „Das GKV-Sparpaket sieht vor, die Gesamtausgaben für die Krankenhausversorgung zu deckeln.“ Das aber werde nur durch Einsparungen möglich sein. „Das ist schlecht für die Schmerztherapie, denn die Kliniken werden gezwungen sein, zuerst diejenigen Bereiche abzubauen, die für ein humanes und patientenorientiertes Gesundheitswesen stehen.“ Denn Schmerzbehandlung ist personalintensiv; der Grund ist die Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie (IMST), die international als Goldstandard gilt, weil sie körperliche, psychische und soziale Aspekte integriert. Eine bestmögliche Therapie bei chronischem Schmerz ist also Teamarbeit. „Ärztinnen und Ärzte, Psychologie, Pflege, Physio-, Ergo- und Sporttherapie und Sozialdienst müssen zusammenwirken. Wenn Personalkosten, Tarifsteigerungen und Strukturkosten nicht ausreichend refinanziert werden, geraten gerade kleinere spezialisierte Einheiten unter Druck“, so der Präsident. Kostendruck trifft auf medizinischen Bedarf.
Schon das Krankenhaus-Reformgesetz, zu Jahresbeginn auf den Weg gebracht, werde das Problem verschlimmern. Denn auch hier sind Einsparungen beim Personal unausweichlich. „Krankenhausökonomisch betrachtet ist die IMST das schwächste Glied in der Klinik: mit keinem Potenzial auf hohe Rendite und ohne Luft zur Effizienzsteigerung durch kürzere Behandlung von mehr Patienten.“ Die Schmerzgesellschaft hatte bereits im Zusammenhang mit der Krankenhausreform gewarnt, dass 22 Prozent der Standorte, die 44 Prozent der Fälle der IMST behandeln, gefährdet sind. „Jetzt wird die Situation weiter verschärft, statt notwendige Stabilität zu schaffen und das Aufrechterhalten einer flächendeckenden Versorgung chronisch Schmerzkranker zu sichern“, so der Professor aus Göttingen. Für die Betroffenen ist unter anderem eine frühe Diagnose wichtig, um zu verhindern, dass die Schmerzen chronisch werden.
Seine Prognose: Am Ende wird alles viel teurer: Eine zu späte, eine nicht leitliniengerechte Versorgung habe für die Patient:innen dramatische Folgen. „Sie reichen von Arbeitsunfähigkeit über Depressionen bis hin zu starken Ängsten und einem erhöhten Pflegebedarf.“ Das werde zu höheren Folgekosten für das Gesundheits-, Pflege- und Rentensystem führen.
GKV-Spargesetz: keine Einschränkungen für hochwirksame Therapien

Heike Norda ist selbst betroffen, nach dem sie vor 40 Jahren einen schweren Radunfall hatte und sie einen langen Weg durch das System nehmen musste, bis sie nicht nur ernstgenommen wurde, sondern auch endlich eine angemessene Behandlung bekam. Stigmatisierung kennt sie aus dem Effeff, etwa wenn sie sich an einem Freitag oder Montag bei schönem Wetter krankmelden musste, weil die Schmerzen unerträglich waren. „Verlängertes Wochenende“, war da offenbar noch die freundliche Variante. Angesichts der Versorgungssituation im Lande müsste aus Sicht von Norda eigentlich in den Ausbau der Strukturen investiert werden. „Ich bin der Meinung, dass Menschen mit chronischen Schmerzen eine IMST nicht vorenthalten werden darf. Die Wartezeiten dürften nicht länger als vier Wochen sein, sonst leistet man der Chronifizierung Vorschub.“ Kritisch sieht sie auch, dass bei der Wahl zwischen verschiedenen CGRP-Antikörpern für Migräne-Patient:innen wirtschaftliche Erwägungen künftig stärker ins Gewicht fallen könnten als individuelle medizinische Gründe. Damit spricht sie auf die im BStabG geplanten Selektivverträge für bestimmte Therapiegruppen an, die den Preiswettbewerb im Bereich von Arzneimittelinnovationen erhöhen sollen. „Wir fordern gemeinsam mit Fachverbänden, den Zugang zu diesen hochwirksamen Medikamenten nicht einzuschränken und weiterhin die gesamte Auswahl verordnungsfähig zu halten.“ Und sie beklagt die höheren Zuzahlungen, die durch das Gesetz wohl auf die Patient:innen zukommen – und die chronisch kranke Menschen in der Regel besonders hart treffen.

„Einer Politik auf Kosten von Patienten zeigen wir die rote Karte“ – dieser Botschaft von Präsident Petzke folgten auch Vertreter:innen aus dem Bereich der Pflege, der Psychotherapie und der Schmerzphysiotherapie. Sie alle beklagen: Die Ressourcen, um ihre Patient:innen gut zu versorgen, schrumpfen.
Das Spargesetz ist eine dieser Beispiele, dass die falschen Weichen gestellt werden, wenn sich die Medizin wandelt. Denn die IMST kann für Menschen ein echter „Gamechanger“ sein (O-Ton Norda), aber das Gesundheitssystem müsste dafür nachbessern, doch verschärft die Situation stattdessen. Sie sagt: „Das Gesetz ist eine Katastrophe.“ Zusätzlich zur Stigmatisierung aus der Gesellschaft muss sie nun auch noch mit Diskriminierungen eines Systems leben, dass die Notwendigkeiten einer modernen und nachhaltigen Schmerztherapie nur als Kostenfaktor sieht.
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