Auf dem CAR-T Congress in Berlin kamen Patient:innen und Expert:innen unter anderem aus Wissenschaft, Klinik, Kostenträgern und Industrie zusammen, um darüber zu sprechen, wie die Versorgung der Patient:innen mit CAR-T-Zelltherapien verbessert werden kann. Foto: iStock.com/:Jacob Wackerhausen
Auf dem CAR-T Congress in Berlin kamen Patient:innen und Expert:innen unter anderem aus Wissenschaft, Klinik, Kostenträgern und Industrie zusammen, um darüber zu sprechen, wie die Versorgung der Patient:innen mit CAR-T-Zelltherapien verbessert werden kann. Foto: iStock.com/:Jacob Wackerhausen

Krebs zurückgedrängt: „Ich bin hier, weil es die CAR-T-Zelltherapie gibt.“

CAR-T-Zelltherapien können das Leben von Menschen mit hochaggressiven Blutkrebserkrankungen auf den Kopf stellen, zunehmend sogar Hoffnung auf Heilung geben. So wie bei Jan Leidecker, der seine bewegende Geschichte auf dem „CAR-T Congress 2026“ des LAWG Deutschland e.V. in Berlin erzählte. Dort kamen Patient:innen und Fachleute aus Medizin, Wissenschaft, Industrie und Kostenträgern zusammen, um über das Potenzial dieser besonderen Behandlungsform zu sprechen. Alle waren sich einig: Im deutschen Gesundheitssystem muss sich einiges ändern, damit die Versorgung besser wird – und die Bundesrepublik beim medizinischen Fortschritt mithält.

Die Fakten

  • 7 CAR-T-Zelltherapien sind in der EU zugelassen.
  • In Deutschland gibt es rund 60 zertifizierte Zentren, die CAR-T-Zelltherapien anbieten.
  • Nur rund ein Drittel der in Frage kommenden Patient:innen in Deutschland erhält „CAR-T“.
Prof. Dr. Olaf Penack und Jan Leidecker
Prof. Dr. Olaf Penack und Jan Leidecker.

„Zu dem Zeitpunkt, als ich diagnostiziert wurde, war ich 47 Jahre alt“, erzählte Jan Leidecker. Der Deutsche lebte damals in der Schweiz. „Im Laufe des Jahres 2023 bin ich immer kränker geworden.“ Symptome wie Nachtschweiß, Abgeschlagenheit, später Rückenschmerzen – am Uniklinikum Genf erkannten die Expert:innen nach Bildgebung und Gewebeentnahme: Der Grund ist ein diffuses B-Zell-Lymphom, das im Wesentlichen entlang der Wirbelsäule gewachsen war.

Laut dem Onkologen und CAR-T-Experten Prof. Dr. Olaf Penack von der Charité Universitätsmedizin Berlin ist eine Kombination aus Chemo- und Immuntherapie in so einem Fall die Standardtherapie: „Damit kann man rund zwei Drittel der Patienten heilen“. Auch Leidecker war optimistisch eingestellt. Doch es lief nicht wie erhofft: Es entwickelte sich ein frühes Rezidiv, ein Rückfall. „Das ist ein extrem schlechtes Zeichen“, ordnete Penack ein, und gleichzeitig „eine klassische Indikation für eine CAR-T-Zelltherapie, weil man weiß, dass die Chance auf Heilung mit anderen Therapien in so einer Situation bei maximal zehn Prozent liegt.“ Das Besondere bei der CAR-T-Zelltherapie: Es werden körpereigene Zellen der Patient:innen entnommen und gentechnisch so modifiziert, dass sie selbst gegen den Krebs kämpfen können.

CAR-T-Zelltherapie: „ein ganz krasses, intensives Gefühl“

Von links nach rechts: Dr. Remo Gujer, Evelin Buntrock, Prof. Dr. Marion Subklewe, Moderator Prof. Dr. Florian Kron
Von links nach rechts: Dr. Remo Gujer, Evelin Buntrock, Prof. Dr. Marion Subklewe, Moderator Prof. Dr. Florian Kron

Im Frühjahr 2024 kam Leidecker dazu an die Berliner Charité – eine der führenden Einrichtungen in Europa für diese Behandlung. „Wir haben alles Mögliche getan, um so schnell wie es geht eine CAR-T-Zelltherapie zu organisieren“, so Penack. Doch von Indikationsstellung bis Therapiegabe dauert es Median sechs bis acht Wochen, so komplex und umfangreich sind die Prozesse inklusive der individualisierten Herstellung. „Bei der Übergabe von der Schweiz nach Deutschland gab es natürlich auch Zeitverlust“, so Leidecker. Zumal die Dokumente auf Französisch waren. In der Zwischenzeit erlitt er „schwerste Komplikationen“, erläuterte sein Arzt. Darunter Querschnittslähmungen in Folge der Tumore, die in den Spinalkanal der Wirbelsäule eingedrungen waren. Weitere Operationen und Therapien wurden notwendig.

Im April 2024 war es dann so weit: „Es ist ein schöner Moment, wenn Sie das eingeführt bekommen“, findet Leidecker und meint den „Beutel mit den eigenen genetisch optimierten Zellen“. „Nach zwei Tagen passiert etwas, was ganz besonders ist: Sie spüren, wie das eigene Immunsystem gegen diesen Krebs vorgeht, das ist ein ganz krasses, intensives Gefühl.“ Bei ihm traten in der Folge jedoch verhältnismäßig viele Komplikationen auf. Darunter: ICAN, ein Immuneffektorzell-assoziiertes Neurotoxizitätssyndrom, eine entzündliche Reaktion im Gehirn. Das ist „grundsätzlich reversibel, aber es kann zu einer Schwellung des Gehirns kommen“, sodass auch „bleibende, sogar tödliche Schäden“ möglich sind, erklärte Penack. Intubation, neurochirurgischer Eingriff, Intensivstation – Leidecker schaffte es. Anschließend „war zum Glück sehr schnell klar, dass das Lymphom komplett zurückgedrängt war, wir gehen von einer Heilung aus“, resümierte der Mediziner. „Dieses Gefühl, aus dem Koma aufzuwachen und es ist einfach vorbei, das wünsche ich jedem, der so eine Krankheit hat“, meinte Leidecker. Es war ein harter Weg – auch nach der Therapie noch. „Ich bin aus dem Koma mit einer vollen Polyneuropathie aufgewacht, das heißt, ich konnte bis auf meine Zehe nichts bewegen, ich habe im Rollstuhl angefangen“.CAR-T-Zelltherapie Heute geht es ihm gut: Mit dem Rad ist er zur Veranstaltung gekommen, trotzdem bleibt vieles eine Kraftanstrengung. „Ich bin hier, weil es die CAR-T-Zelltherapie gibt.“ Er würde sich aber mehr Barrierefreiheit, mehr Selbsthilfe, mehr Austausch mit anderen CAR-T-Patient:innen wünschen. Notwendig seien auch Informationsmaterialen spezifisch zu CAR-T – und Lotsen, die bei den vielen Anträgen und Formularen mit Blick auf weitere Therapien und Reha-Maßnahmen unterstützen.

Zwei Dinge haben Leidecker besonders durch die schwere Zeit geholfen: zum einen der Ausblick auf Heilung. „Das ist so ein Tunnelblick, den ich als Patient entwickelt habe“. Zum anderen schätzte er die „Selbstwirksamkeit“, die er im Zuge der CAR-T-Zelltherapie erfahren hat. Denn es sind die „eigenen Zellen“, die da im Körper arbeiten. Hinzu kommt: Die Ärzt:innen an der Charité bezogen ihn in Therapieentscheidungen ein. „Ich war mir der Risiken bewusst und es trotzdem entscheiden zu können, hat mir die psychische Stabilität gegeben, die ich gebraucht habe, um da durchzukommen.“

CAR-T-Zelltherapie: enorme Herausforderung

Prof. Dr. Marion Subklewe, Oberärztin am LMU Klinikum München und Leiterin AG „Translational Cancer Immunology“ am Genzentrum der LMU
Prof. Dr. Marion Subklewe, Oberärztin am LMU Klinikum München

Die Geschichte von Leidecker zeigt, „was für ein Zeitdruck in so einer Behandlung drin ist, was für eine Komplexität von verschiedensten medizinischen Disziplinen da ist“, unterstrich Onkologe Penack. „Das ist eine enorme Herausforderung, die im Augenblick sicherlich überhaupt nicht abgebildet ist in der Erstattungssituation aus Krankenhaussicht“, kritisierte er.

Prof. Dr. Marion Subklewe, Oberärztin am LMU Klinikum München und Leiterin AG „Translational Cancer Immunology“ am Genzentrum der LMU, bestätigte das. Schon die Betreuung der Betroffenen im Vorfeld der Therapie ist intensiv: Bis zu zwei Stunden gehen allein auf das Konto jedes Aufklärungsgesprächs; die Vorstellung des Patientenfalls in einem Tumorboard, wo Mediziner:innen unterschiedlicher Fachdisziplinen zusammenkommen, braucht zusätzlich rund eine Stunde. Die Mitbetreuung bei der überbrückenden Therapie, die Koordination mit Apotheken sowie Behandlungseinheiten und vieles mehr: Die To Do-Liste ist lang. Vergütet wird das nicht ausreichend, so die Kritik. Und gleichzeitig wäre eigentlich viel mehr Vernetzung notwendig – etwa mit den Niedergelassenen in der Fläche, um dafür zu sorgen, dass mehr Menschen von CAR-T profitieren können. Denn aktuell erhält nur rund ein Drittel der in Frage kommenden Patient:innen in Deutschland diese Behandlungsform.

CAR-T: Spitzenmedizin zwischen Bürokratie und Doppelregulierung

Dr. Constanze Püschel, Fachanwältin für Medizinrecht
Dr. Constanze Püschel, Fachanwältin für Medizinrecht

Zudem gibt es eine weitere Herausforderung: Viele Kliniken reichen vor der Therapie Einzelfallanträge bei den Kassen ein, um möglichst sicherzugehen, dass sie nicht auf hohen Kosten sitzen bleiben. Das sind Anträge, die teils mehr als 100 Seiten umfassen – der Aufwand ist enorm, aber die Angst vor Regress auch. Bettina Brennecke, Generalsekretärin des Vereins LAWG Deutschland, in dem 17 forschungsorientierte Arzneimittelunternehmen organisiert sind, schrieb im Vorfeld des CAR-T Congress dazu auf LinkedIn: „Zentren, die keine Einzelfallanträge stellen, sehen sich mit oft aufwendigen Nachprüfungen konfrontiert. Dies bindet erhebliche Ressourcen bei Behandlern, Krankenkassen und dem Medizinischen Dienst (MD), ohne dass – wie vertrauliche Analysen der Unikliniken Köln, Düsseldorf und Essen für den Bereich der CAR-T-Zelltherapie für 2022 bis 2025 zeigen – eine einzige Ablehnung erfolgte oder Kosten eingespart wurden.“

Solche Nachprüfungen sind demnach unnötig, ineffizient – und stellen eine Doppelregulierung dar: Denn jede Klinik, die CAR-T anbieten will, muss strenge Vorgaben des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) erfüllen. Da hat sich ein interdisziplinäres Team an Spitzenärzt:innen intensiv mit einem Patienten beschäftigt und beschlossen, dass „CAR-T“ das richtige ist – „was soll denn der einzelne MD-Arzt besser wissen als das Tumorboard?“, fragte Dr. Constanze Püschel, Fachanwältin für Medizinrecht, und plädierte für mehr Vertrauen in die Arbeit der spezialisierten Zentren.

CAR-T: auf Innovationsanreize setzen

Urs Voegeli, Managing Director Germany bei J&J Innovative Medicine
Urs Voegeli, Managing Director Germany bei J&J Innovative Medicine

Trotz aller Kritik: Insgesamt steht Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern gut dar, was die Verfügbarkeit von Arzneimitteln wie CAR-T-Zelltherapien angeht. „Aber wir müssen dafür sorgen, dass es so bleibt“, forderte Dr. Remo Gujer, General Manager bei Bristol Myers Squibb Germany. Dazu muss das Arzneimittel-Nutzenbewertungsverfahren reformiert werden. Denn mit der bestehenden Bewertungsmethodik gelingt es zu oft nicht, den Innovationscharakter einer neuartigen Therapie ausreichend zu erkennen. Zudem braucht es ein „Erstattungssystem, das sich am Mehrwert für die Patient:innen orientiert“, appellierte Urs Voegeli, Managing Director Germany bei J&J Innovative Medicine. Dazu gehört langfristige Planungssicherheit: „Die brauchen wir sowohl im Krankenhausbereich als auch in der Industrie und der Forschung, dass wir wissen, wenn wir heute hier investieren, lohnt sich das in zehn Jahren“.

Sparmaßnahmen, geopolitische Spannungen, internationaler Wettbewerbsdruck: Die Herausforderungen für die Industrie sind groß. Tatsächlich gibt es immer mehr Fälle, wo Innovationen nur verzögert in Deutschland eingeführt werden können, weiß Gujer. Stabile, innovationsfreundliche Rahmenbedingungen sind das A und O: für eine gute Versorgung und für eine Pharmaindustrie, die langfristig in neue CAR-T-Zelltherapien, in neue Behandlungsansätze investieren kann. „Für mich ist es sehr existentiell, dass – falls ich wieder ein Rezidiv habe – es wieder eine Therapieoption gibt“: Mit diesen Worten unterstrich Evelin Buntrock, Gynäkologin und CAR-T-Patientin, wie wichtig eine Forschung ist, die heute schon ans Morgen denkt.

Der CAR-T Congress 2026 des LAWG Deutschland e.V. fand am 26. März in Berlin statt und wurde unterstützt von: Gilead, Johnson & Johnson und Bristol Myers Squibb.

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