Die Zahl der Poliofälle weltweit steigt wieder an. Kommt die Kinderlähmung zurück? Ein Gespräch mit Michael Saeftel, Senior Medical Advisor bei GlaxoSmithKline. Foto: ©iStock.com/Ekaterina Dorozhkina
Die Zahl der Poliofälle weltweit steigt wieder an. Kommt die Kinderlähmung zurück? Ein Gespräch mit Michael Saeftel, Senior Medical Advisor bei GlaxoSmithKline. Foto: ©iStock.com/Ekaterina Dorozhkina

Polio im Abwasser: Die Rückkehr der Kinderlähmung?

Katastrophenalarm im Bundesstaat New York: Ein junger Erwachsener wird mit Poliomyelitis diagnostiziert. Polioviren werden auch im Abwasser von London entdeckt. Und auch in Afrika, eigentlich seit August 2020 offiziell „polio-free“, nehmen die Infektionen wieder zu. Kommt die Kinderlähmung zurück? Ein Gespräch mit dem Biologen Michael Saeftel, Senior Medical Advisor beim forschenden Pharmaunternehmen GlaxoSmithKline. Am 24. Oktober ist Welt-Polio-Tag.

Herr Saeftel, Polio-Viren nachgewiesen in den Abwässern von London und New York. Im US-Bundesstaat wurde der Notstand ausgerufen. Was bedeutet das?

Michael Saeftel: Das bedeutet schlicht, dass Menschen sich mit dem Polio-Virus infiziert haben. Dieses Virus wird fäkal-oral übertragen und es ist sehr umweltstabil, weshalb es eben im Abwasser nachweisbar ist. Und so kann es zum Beispiel in öffentlichen Toiletten per Schmierinfektion übertragen werden – je schlechter die hygienische Situation, desto leichter. Das ist ein Rückschritt, denn Polio ist grundsätzlich eine Erkrankung, die man ausrotten kann. Ausrotten kann man eine Krankheit immer nur dann, wenn es sie erstens nur beim Menschen gibt – also keine tierischen Ausweicherreger-Reservoire vorhanden sind – und zweitens, wenn der Impfstoff hochwirksam ist. 

Michael Saeftel, Senior Medical Advisor bei GlaxoSmithKline
Michael Saeftel, Senior Medical Advisor bei GSK. Foto: Stefan Obermeier, München

Wie gefährlich ist dieser Anstieg der Neuinfektionen?

Saeftel: Das kommt darauf an, wie hoch die Impfrate in einer Gesellschaft ist. Bei hohen Impfraten hat das Virus keine Chance. Man muss aber auch wissen, dass es nur bei weniger als einem von 100 Infizierten überhaupt zu den klassischen Lähmungen kommt. Das heißt: Viele Infizierte haben keine Symptome, übertragen aber unwissentlich den Krankheitserreger.

Aber es hieß doch: Wir haben Polio von der medizinischen Landkarte so gut wie ausradiert? 

Saeftel: Ja, das war vor der Corona-Pandemie. Doch durch Lock-Downs und Lieferkettenprobleme kam es auch bei den Polio-Impfkampagnen zu Verzögerungen. In Afrika sind diese Programme teilweise zusammengebrochen.

Heißt das: Das vermehrte Auftreten von Poliofällen ist auch ein Kollateralschaden der Corona-Pandemie?

Saeftel: Für Afrika gilt das auf jeden Fall. Dort gab es keine echten Poliofälle mehr und nur noch sehr vereinzelt Impfpoliofälle. Wenn Sie sich die Karte der Weltgesundheitsorganisation heute anschauen, sehen wir die Folgen der Corona-Pandemie. Es gibt dort wieder Ausbrüche mit dem Wildvirus und wir sehen vermehrt Impfpoliofälle.

Was sind Impfpoliofälle?

Saeftel: Die globalen Impfkampagnen werden mit einem so genannten attenuierten Lebendimpfstoff durchgeführt. Das bedeutet, dass das Virus so abgeschwächt wird, dass dieses keine Poliomyelitis mehr auslösen kann, aber noch so immunogen ist, dass es im Körper eine Immunreaktion gegen das echte Virus auslösen kann. Geimpfte können diese Viren ausscheiden und andere, nicht-geimpfte Menschen anstecken. Das kann im besten Fall dazu führen, dass letztere eine Immunantwort entwickeln und dann ihrerseits geschützt sind. Da Polioviren aber mutieren können, kann es vorkommen, dass das abgeschwächte Impf-Virus mutiert und dann als ein krankheitsauslösendes Poliovirus selbst anfängt zu zirkulieren. Das wird circulating vaccine derived polio virus, kurz: cVDPV genannt. Das ist in Gesellschaften, die über hohe Impfraten verfügen, kein Problem. Aber es kann zu einem Problem werden, wenn die Impfraten niedrig sind. Bei uns in Deutschland impfen wir mit dem so genannten IPV-Impfstoff. Das ist ein Totimpfstoff, der zuverlässig vor der Erkrankung schützt. Aber auch damit kann man sich mit Polio infizieren und Viren ausscheiden, erkrankt aber nicht.

Nun könnte man sagen: Afrika oder New York – das ist weit weg. Wie groß ist die Chance, dass solche Fälle auch in Deutschland auftreten?

Impfen gegen das Polio-Virus
Bei hohen Impfraten hat das Virus keine Chance. Foto: ©iStock.com/Manjurul

Saeftel: Zunächst können auch hierzulande Menschen bereits mit dem Virus infiziert sein. Wir leben in einer globalisierten Welt und täglich verbinden uns hunderte von Flieger mit Menschen in New York, in London, in Afrika. Aber: Die Durchimpfungsraten bei den Geburtskohorten sind bei uns sehr gut. Polio ist bei den 6-fach-Impfstoffen für die Kleinkinder mit enthalten. Wichtig für den vollständigen Schutz ist allerdings eine 4. Impfung bis möglichst zum 16. Lebensjahr. Und da erreichen wir nicht so hohe Raten, wie bei den Impfserien für Kleinkinder. Für Menschen, die sich erst im Erwachsenalter impfen lassen, gilt: Sie benötigen eine komplette Grundimmunisierung. Die Auffrischimpfung nach 10 Jahren ist laut STIKO für bestimmte Risikogruppen empfohlen, insbesondere bei Reisen in Regionen mit Poliofällen.

Also: Keine größere Gefahr, dass die Kinderlähmung zurückkommt?

Saeftel: Es gilt die Regel: Solange es auf der Welt nur einen infizierten Menschen gibt, haben andere Personen in seinem Umfeld das Risiko, sich zu infizieren. Deshalb müssen wir weiterimpfen, auch wenn es in Deutschland momentan keine Fälle gibt.

Also macht es Sinn, den Impfstatus zu überprüfen?

Saeftel: Nun, das macht sowieso immer Sinn. Aber als erwachsener Mensch würde ich in diesem speziellen Fall einen Blick in den Impfpass riskieren, bevor ich zum Beispiel nach New York fliege. Es gibt eine Inkubationszeit von ungefähr 3-6 Tagen und viele Infizierte entwickeln gar keine oder nur geringe Symptome. Wenn also in einer Region ein Fall von Polio mit klassischen Polio-Symptomen nachgewiesen wird, dann gibt es wahrscheinlich dort bereits hunderte Infizierte, die das Virus in sich tragen und übertragen können, ohne selbst Symptome aufzuweisen. Das ist wie bei einem Moorbrand. Unter der Oberfläche gibt es Glutnester, die man nicht sieht.

Am 24. Oktober ist Welt-Polio-Tag
Am 24. Oktober ist Welt-Polio-Tag. Foto: ©iStock.com/Ekaterina Dorozhkina

Aber nur ein kleiner Teil der Infizierten entwickelt Lähmungen…

Saeftel: Das stimmt. Diese können zu schweren gesundheitlichen Einschränkungen führen. Denn sie können auch die Atemmuskulatur betreffen. Dafür wurden in den 1920er-Jahren die Eisernen Lungen entwickelt. Es gibt immer noch wenige Menschen, die heute ohne diesen Apparat nicht leben können.

Heißt das, dass es bis heute keine Therapie gibt gegen die Folgen der schweren Verläufe?

Saeftel: Es gibt keine Medizin der Welt, die ihnen dann helfen kann.

Weiterführende Links:

Polio Global Eradication Initiative

Robert Koch Institut: Schutzimpfung gegen Poliomyelitis

Impfakademie (GlaxoSmithKline)

Weitere News

Eine schwache Pharmaindustrie? Braucht kein Mensch! Symposium des Pharma Fakten e.V. mit Expert:innen aus Politik, Medizin, Wissenschaft und Industrie am 26.6. in Berlin.

Eine schwache Pharmaindustrie? Braucht kein Mensch!

Der Standort für pharmazeutische Forschung, Entwicklung und Produktion steht am Scheideweg: Deutschland verliert international zunehmend an Boden. Mit der Nationalen Pharmastrategie will die Bundesregierung das ändern. Was sind die Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen rasantem medizinischem Fortschritt und einer Gesetzlichen Krankenversicherung im Reformstau? Darüber werden Expert:innen aus Politik, Medizin, Wissenschaft und Industrie am 26. Juni in Berlin diskutieren. Das Thema geht alle an: Schließlich ist ein starker Pharmastandort Motor für Innovation, Gesundheit und Wohlstand.

Weiterlesen »
Die „World Immunization Week“ Ende April soll den Wert von Impfstoffen in den Fokus rücken. Seit 1796 retten sie Leben. Foto: ©iStock.com/Kuzmik_A

Impfen: „Ein langes Leben für Alle“

Seit 1796 haben Impfstoffe eine Vielzahl an Leben gerettet, schreibt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Während der „Impfwoche“, der „World Immunization Week“ vom 24. bis 30. April 2022, will sie den Wert von Vakzinen in den Fokus der Öffentlichkeit stellen. Dahinter steht eine Vision: „Long Life for All“ – ein langes, gesundes Leben für alle Menschen.

Weiterlesen »
149 Länder  290 Befragungen  284.381 Menschen  ein Studienziel: Forscher der London School of Hygiene & Tropical Medicine wollten wissen  wie es um das Vertrauen in Impfstoffe weltweit bestellt ist. Foto: ©iStock.com/fpm

Impfen: Zwischen Irrglauben, Desinformation und Wissenschaft

Nach Schätzungen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden durch Impfungen jährlich bis zu drei Millionen Kinderleben gerettet. Doch Impflücken drohen solche Erfolge zunichte zu machen. Ein Forscherteam der London School of Hygiene & Tropical Medicine hat daher untersucht, wie es um das Vertrauen in Vakzine weltweit bestellt ist.

Weiterlesen »
Der Kampf der Menschheit gegen krankheitsverursachende Mikroben ist so alt wie die Menschen selbst. Erst die Wissenschaft machte es möglich  die Oberhand zu gewinnen. Foto: ©iStock.com/wildpixel

Wissenschaft, Forschung, Entwicklung: Die Killer für Krankheitserreger

Der Kampf der Menschheit gegen krankheitsverursachende Mikroben ist so alt wie die Menschen selbst; ein Kampf, der für sie übrigens meistens nicht gut ausging: Allein der „Schwarze Tod“, die Pest, raffte im 14. Jahrhundert in nur wenigen Jahren die Hälfte von Europas Bevölkerung dahin. Umgeschlagen ist das Pendel erst, seit man verstanden hat, wie Krankheiten entstehen. Wissenschaft, Forschung und Entwicklung führten zu neuartigen medizinischen Interventionen – seien das Operationsmöglichkeiten, Impfstoffe oder Medikamente. Sie machten es möglich, dass sich die Lebenserwartung, die Anfang des 19. Jahrhunderts noch bei rund 30 Jahren lag, mehr als verdoppelt hat.

Weiterlesen »

Verwandte Nachrichten

Anmeldung: Abo des Pharma Fakten-Newsletters

Ich möchte per E-Mail News von Pharma Fakten erhalten: