Die Zahl der Krebsneuerkrankungen ist hoch und wird deutlich steigen. „Vision Zero in der Onkologie“ will sich damit nicht abfinden – ein Bericht vom Neujahrsempfang der Initiative. Foto: Pharma Fakten-Redaktion
Die Zahl der Krebsneuerkrankungen ist hoch und wird deutlich steigen. „Vision Zero in der Onkologie“ will sich damit nicht abfinden – ein Bericht vom Neujahrsempfang der Initiative. Foto: Pharma Fakten-Redaktion

Vision Zero in der Krebsmedizin: „Kein unerfüllbarer Traum“

Täglich sterben über 600 Menschen in Deutschland in Folge einer Tumorerkrankung. Die Zahl der Krebsneuerkrankungen ist hoch und wird altersbedingt deutlich steigen. Die Initiative „Vision Zero in der Onkologie“ will sich damit nicht abfinden. Auf ihrem Neujahrsempfang in München diskutierten Vertreter:innen aus Forschung und Medizin, Politik und forschenden Unternehmen, wie wir „eine der größten Herausforderungen unserer Zeit“ erfolgreicher bekämpfen können.
Expert:innen im Gespräch - auf dem Vision Zero-Neujahrsempfang. Foto: Pharma Fakten-Redaktion
Expert:innen im Gespräch – auf dem Vision Zero-Neujahrsempfang. Foto: Pharma Fakten

Sie war 16 Jahre alt, als sie die Diagnose erhielt: akute lymphatische Leukämie (ALL), eine bösartige Erkrankung des blutbildenden Systems. Ihrer Mutter sagte man damals: Die Überlebenschance Ihrer Tochter liegt bei etwa 50 Prozent. Das war vor 25 Jahren. Heute ist Carolina Correa Deutschland-Geschäftsführerin des forschenden Arzneimittelunternehmens Amgen: „Ich bin sehr stolz, in einem Unternehmen zu arbeiten, das eine ALL-Therapie entwickelt hat, mit der Überlebensraten von rund 95 Prozent möglich sind.“ Die Onkologie ist ein Forschungsschwerpunkt bei Amgen. Das Unternehmen ist einer der vielen Unterstützer von „Vision Zero in der Onkologie“, jener Initiative aus Wissenschaft, Medizin, Patientenvertreter:innen und Pharmaunternehmen, die jeden vermeidbaren Krebsfall sehr persönlich nimmt. „Das ist eine Frage der Haltung“, so Moderatorin Josefine Becker, Gesundheitsökonomin bei Roche. „Wir akzeptieren vermeidbare Todesfälle nicht.“

Wie das in der Praxis aussehen könnte – das war Thema auf dem Neujahrsempfang von Vision Zero im Deutschen Museum in München. Das Motto: „Riding high in turbulent times“; vielleicht am besten mit „erfolgreich durch schwierige Zeiten navigieren“ übersetzt.

Professor Christof von Kalle. Foto: Pharma Fakten
Professor Christof von Kalle. Foto: Pharma Fakten

„Nach wie vor sind wir mit einer stetig steigenden Zahl von Krebserkrankungen konfrontiert“, so Professor Christof von Kalle in seiner Begrüßung, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Initiative. „Immer noch sterben jeden Tag in Deutschland rund 600 Menschen an Krebs. Das ist eigentlich eine Katastrophe, die wir uns nicht länger leisten dürfen.“

Warum, so fragte er in die Runde, „setzen wir uns nicht stärker für eine Vision Zero als Leitmotiv in der Krebsmedizin ein?“ Eine Vision, die in anderen Lebensbereichen wie dem Straßen- oder Flugverkehr längst erfolgreich implementiert und getragen ist von präventiven Maßnahmen und einer systematischen, statt zufälligen Verbesserung. „Eine Vision Zero ist kein unerfüllbarer Traum“, so der Onkologe, „sondern schlicht eine Frage der Prioritäten: Wenn der Schutz des Schwächsten zum Maßstab wird, kann kluge Planung und klare Strategie Leben retten.“ Dafür brauche es Mut, klare Entscheidungen und den festen Willen, die Patient:innen in den Mittelpunkt zu stellen.

Prävention: Ein starker Hebel auf dem Weg zur Null

Judith Gerlach, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention. Foto: Pharma Fakten
Judith Gerlach, Bayerische Staatsministerin für Gesundheit, Pflege, Prävention. Foto: PF

Gerade die Prävention ist ein starker Hebel auf dem Weg, Krebsfälle zu vermeiden; 40 Prozent der jährlich 500.000 Krebsneuerkrankungen wären durch Primärprävention vermeidbar, so das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ). Das ist eines der Themen, auf das in Bayern die Staatsministerin für Gesundheit, Judith Gerlach, setzt. Sie hatte im vergangenen Jahr den Masterplan Prävention vorgestellt, mit dem sie einen Paradigmenwechsel von einer „Reparaturmedizin“ hin zu einer aktiven Gesunderhaltung des Einzelnen und der Gesellschaft unterstützen will (siehe: „Unbezahlbar: Das Gesundheitssystem als Reparaturbetrieb“).

Dazu gehört für sie eine bessere Vorsorge. „Je mehr Vorsorge wir machen, desto schneller können wir eingreifen.“ Auch das Impfen müsse ernster genommen werden. „Ich bin Mutter zweier Kinder, die jetzt bald in das Alter kommen, wo sie gegen HPV geimpft werden können. Natürlich lasse ich sie impfen. Was gibt’s denn Cooleres, als eine HPV-Impfung? Wir können durch eine Impfung Krebs verhindern. Großartig.“ Angesichts von zu niedrigen Impfquoten in Deutschland sagt sie: „Über das Thema kann ich mich echt aufregen.“

In der Therapie von Krebserkrankungen, so die Ministerin, „haben wir in den vergangenen Jahren riesige Fortschritte gemacht. Die eine oder andere Krebserkrankung, die vor einigen Jahren noch ein sehr schnelles Todesurteil war, ist es heute nicht mehr. Die Therapien werden immer besser, immer individueller, personalisierter.“ Aber sie wolle nichts schönreden. Mit dem Alter steigt die individuelle Wahrscheinlichkeit einer Krebserkrankung: „Die Krebsfälle werden sich bis 2040 fast verdoppeln: Der Kampf gegen Krebs ist deshalb eine der größten Herausforderungen unserer Zeit.“

Krebs: Kommunikationsbarrieren unterminieren eine bessere Versorgung

Krebs-Langzeitüberlebende Karin Strube und SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff. Foto: Pharma Fakten
Krebs-Langzeitüberlebende Karin Strube und SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff. Foto: Pharma Fakten

Was wären wichtige Impulse auf dem Weg zur Null in der Krebsmedizin? Für Karin Strube („Ich bin Krebs-Langzeitüberlebende“) geht es bei der besseren Versorgung krebskranker Menschen um Kommunikationsbarrieren. „Wir können nicht immer den Krebs verhindern, aber wir können Menschen, die Krebs haben, dabei unterstützen, besser informiert, selbstbestimmter und früher die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Die Autonomie der Patient:innen stärken, das ist auch ein Schwerpunkt der Strube-Stiftung. „Wir möchten, dass sie mit ihren Ärzten auf Augenhöhe sprechen können und verstehen, welche Therapieoptionen existieren.“

Das sei leider nicht selbstverständlich. „Zu wissen, dass man eine molekulare Diagnostik einfordern sollte oder man für eine zielgerichtete Therapie in Frage kommt, kann den Unterschied machen zwischen einem frühen Tod oder dem längeren Leben bei guter Lebensqualität.“ Kommunikation ist für Karin Strube dabei entscheidend – auf Augenhöhe: Nur in Fachkreisen glaube man, dass „Checkpoint-Inhibitor“ ein normales Wort sei. Aber sie gibt sich optimistisch. „Patienten sind heute informierter und selbstbewusster. Sie fordern gute Versorgung, digitale Abläufe, Zugang zu Spitzenmedizin und echte Beteiligung bei Entscheidungen.“ Darin sieht sie eine wachsende Chance für Innovation und eine exzellente Versorgung: Patient:innen als Forschungspartner akzeptieren – auch das ist eine wichtige Stellschraube auf dem Weg der „Nuller-Vision.“

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Roloff machte darauf aufmerksam, dass die Politik in Sachen Krebsforschung und Prävention einiges auf den Weg gebracht hat. Mit dem Medizinforschungsgesetz, der Verkürzung von Genehmigungsverfahren, dem Gesundheitsdatennutzungsgesetz „haben wir es geschafft, die Forschung zu beschleunigen.“ Im Hinblick auf die datengetriebene Medizin und der Bürokratie sagte er: „Wir müssen einfach besser werden.“

Krebsforschung mit Digitalisierung „on steroids“ bringen

Carolina Correa (Amgen) und Dr. Daniel Steiners (Roche). Foto: Pharma Fakten
Carolina Correa (Amgen) und Dr. Daniel Steiners (Roche). Foto: Pharma Fakten

Das findet auch Dr. Daniel Steiners, Geschäftsführer beim forschenden Unternehmen Roche: „Wir haben immer noch zu viele Erkrankungen. Das ist das, was uns antreibt, dass wir idealerweise Krebs von tödlich zu behandelbar oder sogar heilbar machen.“ Er erinnerte daran, dass „wir in Zeiten leben, in denen wir unglaubliche Fortschritte in der Technologie mit der Therapie und Diagnostik machen.“ Mithilfe von Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz lasse sich das zusätzlich „on steroids“ bringen, also: massiv zu beschleunigen. Gekoppelt mit der Prävention „haben wir ein Instrumentarium, mit dem wir es schaffen können, den Krebs Richtung Vision Zero zu drücken.“

Doch nach dem Motto: Innovation ist nur Innovation, wenn sie auch bei den Menschen ankommt, ergänzte Steiners mit Blick auf den von der Bundesregierung implementierten Pharma-Dialog: „Da gibt es Aspekte, wo wir über Planungssicherheit und Geschwindigkeit reden sollten, um noch effektiver und effizienter werden zu können.“ Deutschland sei nicht mehr die Hauptapotheke der Welt, aber trage immer noch zur Apotheke der Welt bei. „Das Widersprüchliche an unser Industrie ist ja: Keiner mag unsere Produkte – niemand will sie aktiv haben. Aber in dem Moment, wo jemand erkrankt – etwa an einer schweren onkologischen Erkrankung – dann hoffen alle, dass es da etwas gibt.“

Freiraum für Forschung, für Innovation, mehr Krankheitsvermeidung und Früherkennung – das ist die Voraussetzung für eine bessere Medizin. Oder anders: Ohne diese Faktoren und ihre beherzte Umsetzung liegen die Chancen einer Vision Zero bei null.

Weitere News:

Für Menschen mit Lungenkrebs waren die Chancen auf eine wirksame Behandlung nie besser, aber der Fortschritt kommt bei vielen nicht an. Die Initiative Vision Zero will das ändern. Foto: ©iStock.com/Mohammed Haneefa Nizamudeen

Vision Zero: 10 Punkte für eine bessere Lungenkrebstherapie

Für Menschen mit Lungenkrebs waren die Chancen auf eine wirksame Behandlung nie besser – der Kampf gegen die Tumorerkrankung ist in den vergangenen Jahren immer präziser geworden. Doch dieser Fortschritt kommt bei vielen Menschen nicht an. Die Initiative „Vision Zero in der Onkologie“ hat auf ihrer Herbstarbeitstagung in Berlin ein Positionspapier vorgestellt: Es zeigt die Hürden auf, die diesen Versorgungsmangel verursachen – und enthält konkrete Handlungsempfehlungen. Es ist auch ein Papier über verpasste Chancen – die viele Menschen mit dem Leben bezahlen.

Weiterlesen »
Mit der Nationalen Dekade gegen Krebs (NDK) ist Deutschland ein Vorreiter für koordinierte Krebsforschung. Nun ist Halbzeit – und damit Zeit für eine Bilanz. Foto: ©iStock.com/wildpixel

Krebs: Den Kampf gegen die Krankheit neu denken

Mit der Nationalen Dekade gegen Krebs (NDK) ist Deutschland ein Vorreiter für koordinierte Krebsforschung. Die Initiative ist eine der ersten, staatlich initiierten nationalen Forschungs- und Aktionsstrategien gegen den Krebs. Sie zielt darauf ab, die Krebsforschung, Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge zu stärken. Das Besondere: Sie bringt alle relevanten Akteure an einen Tisch. Nun ist Halbzeit – und damit Zeit für eine Bilanz.

Weiterlesen »
Brustkrebs: Wie kann es gelingen, dass die Patientinnen vom medizinischen Fortschritt profitieren – und dieser nicht an veralteten Strukturen hängen bleibt? Foto: Philip Nuernberger

Brustkrebs: „Es gibt viele Leben zu retten!“

„Innovative Therapien bei Brustkrebs: Da geht die Post ab“, weiß Gynäkologin Prof. Dr. Nadia Harbeck. Was eine gute Nachricht ist, stellt gleichzeitig eine große Herausforderung dar: für medizinische Fachkräfte, die den Überblick angesichts dieser Wissensexplosion behalten wollen; für die Versorgungsstrukturen, die nicht ausreichend auf neue Behandlungskonzepte eingestellt sind. Es muss sich etwas ändern – sonst sind die Patient:innen die Leidtragenden.

Weiterlesen »

Verwandte Nachrichten

Anmeldung: Abo des Pharma Fakten-Newsletters

Ich möchte per E-Mail News von Pharma Fakten erhalten:

© Pharma Fakten e.V.
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir Ihnen die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in Ihrem Browser gespeichert und dienen dazu, Sie wiederzuerkennen, wenn Sie auf unsere Website zurückkehren, und unserem Team zu helfen, zu verstehen, welche Bereiche der Website Sie am interessantesten und nützlichsten finden.