Die Thymidinkinase-2-Defizienz (TK2d) ist eine ultraseltene und lebensbedrohliche Erkrankung. Jetzt kann sie erstmals behandelt werden. Foto: iStock.com / klingsup
Die Thymidinkinase-2-Defizienz (TK2d) ist eine ultraseltene und lebensbedrohliche Erkrankung. Jetzt kann sie erstmals behandelt werden. Foto: iStock.com / klingsup

Forschung für die Ultraseltenen: Eine nicht behandelbare Krankheit behandelbar machen

Die Thymidinkinase-2-Defizienz (TK2d) ist eine ultraseltene, vererbbare und lebensbedrohliche Erkrankung mit einer hohen Sterblichkeit im Kindesalter. Zu den Folgen zählen zunehmende Muskelschwäche, Schwierigkeiten beim Schlucken, Sprechen und Atmen. Bisher war die Medizin relativ machtlos; behandelt wurden lediglich die Symptome. Doch ein in diesem Jahr zugelassenes Medikament verändert für Menschen mit TK2d die Perspektive: Erstmals geht es darum, den Krankheitsverlauf selbst zu beeinflussen und möglicherweise Fähigkeiten zu erhalten oder zurückzugewinnen.

Wie ist es, mit TK2d zu leben? Das wollten Forschende aus den USA und Großbritannien wissen; die Online-Befragung unter 32 Betroffenen, die vom forschenden Pharmaunternehmen UCB finanziert wurde, zeigt, wie sehr die Erkrankung den Alltag dominiert: „Alle 32 Patient:innen berichteten von muskelbezogenen Symptomen, darunter Kraftverlust in verschiedenen Körperregionen, was zu Schwierigkeiten beim Gehen, Atmen sowie beim Essen und Schlucken von Speisen und Getränken führte.“ Die Krankheit greift aber auch das Nervensystem oder den Magen-Darm-Trakt an. Außerdem ist sie eine schwere psychische Belastung: „Die Studienteilnehmer beschrieben ihre Frustration und Wut darüber, dass sie alltägliche Dinge nicht mehr selbst erledigen konnten oder Hilfe bei alltäglichen Aufgaben benötigten.“

Ein junger Erwachsener erklärte: „Es fühlt sich an wie ein herannahender Sturm, dem man nicht entkommen kann. Es sind kleine Anzeichen: hier eine Infektion, dort eine neue Muskelgruppe, die mit der Zeit verloren geht. Das verursacht viel Stress, Selbsthass und Wut auf die Welt um einen herum. Zu wissen, dass ich nicht das Leben führen kann, das ich mir eigentlich wünschen würde, tut weh.“

Ultraselten heißt in diesem Fall: Niemand weiß so genau, wie viele Menschen mit TK2d es überhaupt gibt. Bei der europäischen Zulassungsbehörde EMA geht man von rund 1 bis 1,6 Fällen pro 1 Millionen Einwohner aus. In Deutschland sind den Expert:innen jedoch nur eine Handvoll Patient:innen bekannt. Viele kennen ihre Diagnose gar nicht – zu selten tritt die Krankheit auf, zu facettenreich ist ihr Verlauf, der sehr individuell sein kann.

TK2d: Die Energieversorgung der Zellen auf Trab bringen

Der Grund für die Erkrankung ist im TK2-Gen zu finden. Das TK2-Gen ist wichtig, denn es enthält den Bauplan für ein Enzym namens Thymidinkinase 2. Dieses Enzym arbeitet in den Mitochondrien und hilft dabei, bestimmte Bausteine für die mitochondriale DNA bereitzustellen.

Mitochondrien helfen, aus Nährstoffen Energie zu gewinnen. Foto: iStock.com / wir0man
Mitochondrien helfen, aus Nährstoffen Energie zu gewinnen. Foto: iStock.com / wir0man

Mitochondrien sind winzige Bestandteile unserer Zellen und so etwas wie Kraftwerke, die dabei helfen, aus Nährstoffen Energie zu gewinnen, die der Körper für Bewegung, Atmung, Herzschlag und viele andere Funktionen braucht. Bei TK2d funktioniert diese Energiegewinnung in Folge von Mutationen im TK2-Gen nicht richtig. Besonders betroffen sind deshalb oft Organe und Gewebe, die viel Energie benötigen, zum Beispiel Muskeln, Gehirn, Herz und Atemmuskulatur.

Die Idee hinter dem neuen Medikament, das UCB entwickelt hat, ist, den durch die Gen-Mutation ausgelösten Mangel an nötigen mitochondrialen DNA-Bausteinen auszugleichen. Das Kombinationspräparat mit den Wirkstoffen Doxecitin und Doxribtimin liefert den Zellen das Rohmaterial, damit sie mehr verwertbare Bausteine für die mitochondriale DNA bereitstellen können, um der Energieversorgung in den Zellen einen Kick zu geben.

Ein Kombi-Präparat als Paradigmenwechsel

Die Idee funktioniert – das zeigte sich in den Studien, die die europäische Arzneimittelbehörde EMA für die Zulassung ausgewertet hat. Weil TK2d viel zu selten ist, war ein klassisches, placebokontrolliertes Studiendesign mit Kontrollgruppen nicht umsetzbar. Die Zulassung stützt sich deshalb auf eine retrospektive Patientenakten-Analyse (MT-1621-101) und eine offene, einarmige Studie (TK0102). In der Geschichte der TK2d bedeuten die Ergebnisse ein Paradigmenwechsel:

  • Nach Beginn der Behandlung wurde ein Rückgang des Verlusts motorischer Meilensteine beobachtet; 26 von 31 (84 %) Patient:innen erlangten einen oder mehrere motorische Meilensteine zurück (z. B. selbstständiges aufrechtes Sitzen, selbstständiges Aufrichten des Kopfes).
  • Vor Behandlungsbeginn erhielten 18 von 39 (46 %) Patient:innen eine Beatmungsunterstützung und kein Patient brach die Beatmungsunterstützung ab. Nach Behandlungsbeginn erhielten 5 von 21 (24 %) Patient:innen eine Beatmungsunterstützung, während 5 von 23 (22 %) keine Beatmungsunterstützung mehr brauchten.
  • Vor Beginn der Behandlung hatten 12 von 39 (31 %) Patient:innen eine Ernährungssonde. Nach Beginn der Behandlung begannen 4 von 28 (14 %) Patient:innen eine Ernährungsunterstützung, wobei 2 dieser Patient:innen die Ernährungsunterstützung nach Behandlungsbeginn wieder beendeten. Aufgrund der Behandlung gewannen Patient:innen die Fähigkeit zurück, selbständig zu essen.
  • Das Arzneimittel wurde in den Studien gut vertragen; die häufigsten Nebenwirkungen waren Durchfall, Erbrechen, Bauchschmerzen.
Foto: iStock.com / Jordi Mora Igual
Foto: iStock.com / Jordi Mora Igual

Einige konkrete Beispiele für zurückgewonnene Fähigkeiten waren: Kopf selbstständig halten (88 Prozent), selbstständig sitzen (71 Prozent), mit Hilfe gehen (56 Prozent) und selbstständig gehen (38 Prozent).

Die EMA wertete besonders das Wiedererlangen verlorener motorischer Fähigkeiten als relevant, weil dies im natürlichen Verlauf der TK2d selten vorkommt. Das Präparat hat eine Zulassung „unter außergewöhnlichen Umständen“, weil die Zahl der Patient:innen so klein ist. Weitere Studien sind vorgeschrieben. Das Medikament ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung.

Tk2d: Hoffnung für die Zukunft

„Das ist ein historischer Meilenstein für die TK2d-Community“, so Dr. Donatello Crocetta, Chief Medical Officer bei UCB. „Zum ersten Mal haben Menschen in ganz Europa, die mit dieser ultraseltenen, lebensbedrohlichen mitochondrialen Erkrankung leben, Zugang zu einer zugelassenen Behandlung, die über die unterstützende Pflege hinausgeht. Das Arzneimittel wurde entwickelt, um die Erhaltung der mitochondrialen DNA in den Skelettmuskeln zu unterstützen und damit einen zentralen biologischen Auslöser von TK2d anzugehen.“

Für Kristen Clifford, Präsidentin der United Mitochondrial Disease Foundation, kann die Bedeutung der Zulassung für Menschen mit der Diagnose TK2d „gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es handelt sich um eine Gemeinschaft von Patient:innen mit einer extrem seltenen Erkrankung, die dringend Behandlungsmöglichkeiten benötigt. Viel zu lange mussten die Betroffenen und ihre Familien die Last dieser Krankheit ertragen“, sagt sie. „Die erste zugelassene Therapie für TK2d in dieser Patient:innen-Gruppe deckt nicht nur einen dringenden medizinischen Bedarf – sie steht für etwas Größeres: Hoffnung für die Zukunft.“

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