Prävention finden alle gut und wichtig. Trotzdem fristet sie ein Mauerblümchen-Dasein. Foto: Forum Gender & Gesundheit
Prävention finden alle gut und wichtig. Trotzdem fristet sie ein Mauerblümchen-Dasein. Foto: Forum Gender & Gesundheit

Prävention stärken, aber wie?

Prävention finden alle gut: Dass die beste Krankheit diejenige ist, die man verhindert, ist ein Low-Brainer; schließlich erspart das unnötiges Leid und Kosten. Prävention finden auch alle wichtig: Wenn eine Gesellschaft altert, braucht es viele gesunde Lebensjahre, um sich in Schuss zu halten. De facto hat die Regierung mit dem jüngsten Spargesetz aber die Krankheitsvorsorge im Land geschwächt: ein klassisches „Sag-A-mach-B-Paradoxon?“ Darüber diskutierten Expert:innen auf dem „Forum Gender & Gesundheit“.

Die Fakten

  • Die Ausgaben für Prävention und Gesundheitsschutz in Deutschland liegen bei rund 5 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben (OECD, RKI) – rund 300 Euro pro Person (2023).
  • Die Krankenkassen investierten 2024 686 Millionen Euro in Gesundheitsförderung und Prävention – ein Rekordwert. Damit wurden fast 8,9 Millionen Menschen direkt erreicht (+15 Prozent).
  • Krankheiten verursachten 2023 in Deutschland 491,6 Milliarden Euro an direkten Kosten, 5.900 Euro pro Kopf.
  • Deutschland hatte 2023 810 vermeidbare Krankenhausaufnahmen je 100.000 Einwohner:innen – der OECD-Durchschnitt liegt bei 473.
  • Für jeden in Prävention eingesetzten Euro fließen im Mittel rund 14 Euro zurück – in Form von vermiedenen Behandlungskosten und gewonnener Arbeitskraft. Das ergab eine Übersicht über 52 Studien aus wohlhabenden Ländern.

Über den Sinn nachhaltiger Prävention gibt es keine zweite Meinung. Sie hat vor allem im Windschatten der steigenden Lebenserwartung an medizinischer Notwendigkeit gewonnen. Denn es ist ja grundsätzlich schön, wenn diese steigt. Noch schöner ist es, wenn Menschen die zusätzliche Lebenszeit in guter Gesundheit verbringen können. „Wir wissen so viel über Prävention. Warum erreichen wir damit so wenige?“, fragte Dr. Martina Klöpfer vom Institut für Gender-Gesundheit als Moderatorin der Veranstaltung, die vom forschenden Unternehmen Novartis unterstützt wurde. Wie kann Prävention früher ansetzen? Wie können Menschen gezielter erreicht und wie kann Krankheitsvorsorge geschlechtersensibel gestaltet werden? Darüber sprachen Fachleute in Berlin.

Geschlechterspezifische Prävention

„Geschlecht zählt: Prävention neu gedacht“. Foto: Forum Gender & Gesundheit
„Geschlecht zählt: Prävention neu gedacht“. Foto: Forum Gender & Gesundheit

Die häufigste Todesursache bei Frauen? Sehr vielen würde zu dieser Frage wohl Brustkrebs einfallen, sagte Professorin Claudia Schmidtke vom Herzzentrum Lübeck und ehemals Patient:innenbeauftragte der Bundesregierung. „Das stimmt nicht. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Todesursache Nummer 1, auch bei Frauen.“ Unterschiede gibt es aber, wenn man genauer hinschaut: Frauen führen bei chronischen Herzerkrankungen die Statistik an, Männer bei den akuten Fällen. Es gibt im Grunde einen „weiblichen“ und einen „männlichen“ Herzinfarkt. Tatsache ist: Frauen durchleben im Zuge der Hormonumstellung während der Wechseljahre und in der darauffolgenden Menopause einen tiefgreifenderen gesundheitlichen Wandel als Männer. Hormonschwankungen und Rückgang des Östrogenspiegels können zum Beispiel das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse erhöhen. Prof. Schmidtke machte deutlich, wie viel deshalb schon an einer sorgfältigen Anamnese hängt: Gab es Komplikationen in der Schwangerschaft? Wann setzte die Menopause ein? „Eine Menopause vor 40 erhöht das kardiovaskuläre Risiko deutlich, und trotzdem fragt kaum jemand danach.“ Sie fordert: Ärzt:innen sollten auch in der Anamnese dafür geschult sein, bei Erkrankungen geschlechterspezifische Unterschiede zu erheben und zu bewerten. „Geschlecht zählt: Prävention neu gedacht“ – so lautete deshalb auch der Titel der Veranstaltung.

Prostata-Krebs: Früherkennung ist entscheidend

 Prävention stärken, aber wie? Foto: Forum Gender & Gesundheit
Prävention stärken, aber wie? Foto: Forum Gender & Gesundheit

Dr. Nadine Biernath von der urologischen Klinik an der Charité Berlin brachte ein Beispiel mit, das zeigt: Auch bei Männern gibt es systemische Fallstricke in Prävention und Früherkennung. Das Prostata-Karzinom ist mit 79.000 Fällen pro Jahr zwar die häufigste Tumorerkrankung bei Männern, aber: „Das ist in der Regel eine Erkrankung, die wir sehr gut behandeln können: Die 5-Jahresüberlebensrate liegt bei rund 90 Prozent.“ Es gilt: Je früher erkannt, desto besser und dabei spielt das sogenannte PSA-Screening eine entscheidende Rolle. Die medizinischen Leitlinien empfehlen, dass Männern nach ärztlicher Beratung ein risikoadaptiertes PSA-basiertes Screening angeboten werden soll. Die Onkologin betonte: „Wir brauchen das Screening zur Senkung der Mortalität.“ Die Krankenkassen bezahlen es allerdings nicht; es ist eine so genannte IGeL-Leistung . Deshalb ist die Situation heute so: Die rektale Tastuntersuchung, die die Wissenschaft nicht mehr empfiehlt, wird von der GKV erstattet. Der Test auf PSA hingegen nicht. Oder anders: Was nicht empfohlen wird, wird kostenlos angeboten. Was empfohlen wird, kostet 40 Euro. Das ist eine menschengemachte Hürde bei der Früherkennung – und damit auch bei der Prävention schwerer Krankheitsverläufe und Todesfälle.

Prävention in den Lebenswelten

Christine Aschenberg-Dugnus, vom Verband der privaten Krankenkassen (PKV) und ehemals Bundestagsabgeordnete, machte auf ein Dilemma aufmerksam. „Prävention ist erst dann wirklich wirksam, wenn wir die Menschen erreichen, die sie am nötigsten brauchen.“

Deshalb findet sie Prävention in den Lebenswelten so wichtig – also überall dort, wo Menschen leben, lernen, arbeiten, sich begegnen. Die Idee ist, dass alle (nicht nur Interessierte) dort erreicht werden, wo sie ihr Leben verbringen. Lebenswelt-Konzepte setzen darauf, Verhältnisse zu ändern – und eben nicht nur das Verhalten einzelner Menschen. Die Vermittlung von Gesundheitskompetenz müsse sehr früh im Leben beginnen – von der Kita über die Grundschule, den weiterführenden Schulen bis zu den Arbeitswelten und in die Rente. Aschenberg-Dugnus fordert bundesweite Programme, die evaluiert und zielgruppenspezifisch angelegt sein müssen: „Ich muss zum Beispiel junge Männer, die ich vom Rauchen abbringen will, anders ansprechen als junge Frauen.“ Überhaupt sieht sie für eine geschlechtersensible Medizin noch viel Luft nach oben. „Es ist ein Skandal, dass es in Deutschland nur eine Vollprofessur für Gendermedizin gibt. Das reicht nicht, wenn wir unsere kommenden Ärztinnen und Ärzte in diesem Bereich fortbilden wollen.“

Gesundheitskompetenz: An dem Thema kommt wohl keine Präventionsstrategie vorbei. „Dreißig Prozent der Männer haben nach Umfragen nie davon gehört, dass es eine Früherkennungsuntersuchung für Prostatakrebs gibt“, berichtete Nadine Biernath. Deshalb behandelt sie viel öfter Männer im fortgeschrittenen Stadium, als das sein müsste. Die Diskutierenden waren sich auch einig, dass geschlechtersensible Prävention stärker in den Medizinstudiengängen verankert werden müsste.

Kommt 2027: Das neue Präventionsgesetz

Immerhin: Der Wert nachhaltiger Prävention als potentiell kostendämpfende Maßnahme ist erkannt; das politische Berlin arbeitet zurzeit an der Novellierung des Präventionsgesetzes. Es soll die Vernetzung zwischen den Akteuren verbessern, die Verhältnisprävention im Vergleich zu Verhaltensprävention stärken, neue Risiken wie die Folgen der Klimakrise und der Digitalisierung sowie zunehmende psychische Erkrankungen stärker in den Fokus nehmen. Anfang 2027 soll ein erster Entwurf kommen.

Im Anbetracht des im Sommer verabschiedeten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetzes, beim dem auch bei der Prävention gespart wird, merkte Christine Aschenberg-Dugnus allerdings an: „Wir haben viel zu wenig Menschen, die Prävention wahrnehmen. Wir wollen das ändern, aber wir bezahlen es weniger. Das passt nicht zusammen.“ Zumal Deutschland im europäischen Vergleich schlecht dasteht. Beim Public Health Index, herausgegeben von AOK-Bundesverband und Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ), belegte es Platz 17 von 18 Ländern.

Weiterführender Link:
Rebecca Masters et. al.: Return on investment of public health interventions: a systematic review, 2017.

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