Was genau ist das German Biobank Network, kurz GBN?
Dr. Ronny Baber: Das GBN vereint akademische Biobanken in ganz Deutschland, die humane Bioproben, also zum Beispiel Blut- und Gewebeproben, sammeln. Es ist als gemeinsame Plattform zur Zusammenarbeit gedacht. Die so organisierten Biobanken machen Bioproben sowie dazugehörige Daten über eine vernetzte IT-Infrastruktur europaweit für die biomedizinische Forschung verfügbar. Mittlerweile haben wir 46 Mitglieder im Biobank-Network. Seit dem 1. Juli 2025 ist das GBN organisatorisch im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM) verankert.

Das GBN hat die Entstehung der nun geplanten „Nationalen Biobank“ entscheidend vorangetrieben…
Baber: Ja, aber da muss man bei der Wortwahl aufpassen. Den Begriff „Nationale Biobank“ hat die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag verwendet. Das klingt, als gebe es eine zentrale Institution, zu der Proben aus ganz Deutschland geschickt werden. Dann müssten aber viele Proben weite Wege zurücklegen, was die Qualität deutlich mindern würde. Es ist besser, eine Bioprobe möglichst bald nach der Entnahme vor Ort zu bearbeiten. Deswegen soll die „Nationale Biobank“ eine dezentrale Struktur erhalten.
Warum ist eine „Nationale Biobank“ wichtig?
Baber: Wie wir aus unserer Zusammenarbeit mit Patientenorganisationen wissen, wollen die Patient:innen, dass ihre Proben für die Forschung genutzt werden, dass es einfache Strukturen gibt und vor allem, dass am Ende etwas dabei herauskommt. Patient:innen, die ihre Proben für die Forschung zur Verfügung stellen, hoffen auf eine bessere Behandlung.
Und inwiefern kann eine Nationale Biobank dazu einen Beitrag leisten?
Baber: Grundsätzlich wird es für Forschende, sei es aus dem akademischen Bereich oder der Industrie, einfacher, genau die Proben zu erhalten, die für ein bestimmtes Forschungsprojekt benötigt werden – und zwar mitsamt den zugehörigen Daten. Derzeit liegen in den Biobanken in Deutschland rund 36 Millionen Proben, etwas mehr als zwei Millionen davon alleine bei uns in Leipzig. Aber: Wenn ich mit Proben arbeiten will, die in einer Biobank liegen, dann muss ich dort nachfragen, ob ich die Proben haben darf – diese Anfrage muss ich an jedem Standort stellen, an dem Proben liegen. Hinzu kommt: Diese Proben wurden für einen bestimmten Zweck gesammelt und ich kann sie nicht so einfach für einen anderen Forschungszweck nutzen. Das alles soll nun harmonisiert und vereinfacht werden.
Wie genau?

Baber: Zum einen dadurch, dass nicht mehr für jeden Standort eine eigene Anfrage nötig ist, sondern eine einzige Anfrage beim NUM genügt, wo es eine Servicestelle dafür geben wird. Zum anderen wollen wir ermöglichen, Proben und Daten in die Zukunft gerichtet zu sammeln. Das heißt, es gibt einheitliche Dokumente, die alle Standorte verwenden können, und auch einheitliche Aufklärungsbögen und Einwilligungserklärungen für die Patient:innen.
Ganz konkret: Für welche Forschungsprojekte könnte das nützlich sein?
Baber: Ein Beispiel: Ein Brustkrebs-Forscher interessiert sich dafür, wie eine bestimmte Form des Brustkrebs auf eine Therapie reagiert. Dafür braucht er sowohl eine Blutprobe als auch eine Gewebeprobe. Um zu schauen, wie der Körper reagiert hat, möchte er vier Wochen nach der OP eine weitere Blutprobe haben. Das wären zwei Zeitpunkte, die abgedeckt werden müssen zur Frage, wie sich ein bestimmtes Biomarker-Profil unter Therapie beim Brustkrebs verändert. Viele der 46 Biobanken, die im Biobanken-Netzwerk vertreten sind, haben Zugang zu Brustkrebs-Fällen. Das heißt: Die forschende Person würde eine Anfrage an die Nationale Biobank-Plattform richten und könnte erfahren, an welchen Standorten es Proben von Patientinnen oder Patienten mit Brustkrebs gibt. Und sie könnte auch erfahren, welche Biobanken mit Gewebe und mit Blut arbeiten und welche nur mit Blutproben. Forschende können dann auswählen, welche Proben sie haben möchten. Dann wird über die Biobank-Plattform ein einheitlicher Vertrag abgeschlossen und die ausgewählten Biobanken werden mit der Sammlung beauftragt. Kurz gesagt: Die forschende Person muss sich nicht mehr mit jeder Biobank einzeln abstimmen, sondern das Ganze wird über diesen zentralen Knotenpunkt gebündelt und vereinheitlicht.
Für welche Krankheitsfelder ist das möglich und sinnvoll?

Baber: Onkologie und Kardiologie sind an allen Standorten gut vertreten, aber natürlich kann nicht jede Biobank alle Bereiche abdecken. Gut abgedeckt werden auch die Bereiche Infektiologie, Schlaganfall und Intensivmedizin. Hier gibt es in verschiedenen Biobanken bereits gute Strukturen. Übrigens soll jede Biobank über die Nationale Biobank-Plattform auch Personal gestellt bekommen. Dadurch erweitern sich die Möglichkeiten und es können in Zukunft auch Anfragen bedient werden, die man jetzt noch nicht bedienen kann. Wir hier in Leipzig wollen uns zum Beispiel im Feld der Neurologie intensiver einbringen – das wäre also ein Bereich, der künftig auch bei uns angefragt werden könnte.
Wie laufen die Anfragen bei der Nationalen Biobank-Plattform konkret ab?
Baber: Die Idee ist, ein niedrigschwelliges Anfrageportal zu entwickeln, bei dem detaillierte Online-Anfragen gestellt werden können. In dem Portal wird man auch danach suchen können, welche Proben und Daten an den einzelnen Standorten erhoben werden. Ich könnte mir auch einen Warenkorb vorstellen, in den man alles reinziehen kann, was man haben möchte. Dann drückt man auf „Senden“ und die Anfrage landet bei diesem zentralen Knotenpunkt und wird dort weiterverarbeitet. Ganz wichtig beim Biobanking ist auch die Beratung dazu, was geleistet werden kann und was nicht.
Was haben Patient:innen davon, dass es bald die Nationale Biobank gibt?

Baber: Wir erhoffen uns, dass Forschungsergebnisse dann schneller beim Patienten ankommen. Möglich wird dies aus drei Gründen: Erstens, wir unterstützen und verbessern mit diesem Portal die Grundlagenforschung für ein besseres Verständnis von Erkrankungen. Zweitens schaffen wir neue Möglichkeiten, besser zu diagnostizieren und Krankheiten früher zu erkennen. Und drittens: Wir ermöglichen die Entwicklung neuer Therapien. Diese drei Faktoren müssen zusammenkommen, um den Patient:innen zu nützen. Voraussetzung dafür sind auch einheitliche Prozeduren, ein einheitliches Qualitätsmanagement – dadurch wollen wir dafür sorgen, dass eine Probe aus Kiel genauso gut und nutzbar ist wie eine Probe aus Leipzig, München oder Tübingen. Unser Ziel ist es, eine einheitliche Basis dafür zu schaffen, dass dann am Ende Forschungsergebnisse schneller in die Anwendung kommen. Das ist das, was wir uns erhoffen und die Patient:innen erwarten.
Was entscheidet über den Erfolg der geplanten Biobank-Plattform?
Baber: Ganz wichtig finde ich, dass dieses Angebot niederschwellig ist, mit einem einfachen und transparenten Zugang. Und wir müssen ethisch und rechtlich sicher arbeiten. Dazu brauchen wir unter anderem von den Patient:innen eine Einwilligungserklärung, die einerseits klar und verständlich formuliert ist und andererseits ein umfassende Nutzung der Proben ermöglicht. Anders gesagt: Wir brauchen Rechtssicherheit, Transparenz, niedrigschwelligen Zugang und Sichtbarkeit. Das sind die vier Säulen, die diese Plattform erfolgreich machen werden.
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