49 neu eingeführte Medikamente und Impfstoffe, zahlreiche Zulassungserweiterungen: Das ist die Innovationsbilanz forschender Pharmaunternehmen für das ablaufende Jahr. Foto: iStock.com/Drazen Zigic
49 neu eingeführte Medikamente und Impfstoffe, zahlreiche Zulassungserweiterungen: Das ist die Innovationsbilanz forschender Pharmaunternehmen für das ablaufende Jahr. Foto: iStock.com/Drazen Zigic

Innovationsbilanz 2022: Große Bandbreite neuer Arzneimittel

49 neu eingeführte Medikamente und Impfstoffe sowie zahlreiche Zulassungserweiterungen: Das ist die Innovationsbilanz für das ablaufende Jahr. Für den Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) ist das der Beleg, dass die Innovationskraft der Branche intakt ist. Er sieht aber dunkle Wolken aufziehen.

Ein Medikament gegen nicht-kleinzelligen Lungenkrebs oder das Aderhautmelanom, eine seltene Tumorerkrankung des Auges. Allein 5 neue Therapien gegen hämatologische Krebserkrankungen, verschiedene Impfstoffe (Cholera, Pneumokokken oder Hepatitis B), zahlreiche Arzneimittel gegen seltene Erkrankungen und 6 Neueinführungen zur Prävention und Therapie von COVID-19. Insgesamt 5 der Neueinführungen fallen unter die Kategorie Advanced Therapy Medicinal Products (ATMP). Darunter sind 4 neue Gentherapien, 2 davon für die Therapie seltener Krebsarten, 2 für die Langzeitbehandlung seltener Erbkrankheiten. Das fünfte ATMP ist ein biotechnologisch bearbeitetes Gewebeprodukt zur Behandlung von Gelenkknorpeldefekten. Es ist nur eine Auswahl, den Gesamtüberblick des vfa finden Sie hier. 2021 waren es 46 Medikamente gewesen.

Vfa: Neue Behandlungen für mehr als 60 Krankheiten

„Pharmaunternehmen haben 2022 in Deutschland für neue Behandlungsmöglichkeiten bei mehr als 60 Krankheiten gesorgt und für vier Krankheiten neue Präventionsmöglichkeiten geschaffen“, schreibt der Branchenverband.

Neue Behandlungsmöglichkeiten dank 49 neuer Medikamente und zahlreiche Zulassungserweiterungen„Dafür haben sie 49 Medikamente mit neuem Wirkstoff auf den Markt gebracht und für 24 andere Medikamente eine Zulassungserweiterung auf ein neues Anwendungsgebiet erreicht. Das Krankheitsspektrum reicht von Atopischer Dermatitis über Lungenkrebs und Multiples Myelom bis zu Wachstumsstörungen.“ Vfa-Präsident Han Steutel sagt: Das sind „beindruckende Zahlen“. Die große Bandbreite zeige, „dass die Innovativkraft unserer Branche intakt ist.“ Aber er sieht sie vor großen Herausforderungen; die Frage sei, ob das deutsche Gesundheitssystem auch in Zukunft in gewohntem Maße von Innovationen profitieren könne. „Denn das gerade verabschiedete GKV-Finanzstabilisierungsgesetz mit seinen weitgreifenden Rabattforderungen ist nicht gemacht, Hersteller dafür zu gewinnen, neue Medikamente zeitnah auch in Deutschland anzubieten. Von der alten Anziehungskraft für innovative Produkte wird der deutsche Markt viel verlieren“ (s. Pharma Fakten).

  • Auch in diesem Jahr lag ein Schwerpunkt auf COVID-19. 3 neue antivirale Medikamente ergänzen die Therapiemöglichkeiten von Ärzt:innen, 2 davon sind Antikörper, wovon eines zur Prophylaxe einsetzbar ist. 3 neue COVID-19-Impfstoffe erblickten das Licht der Welt; die Adaptionen bestehender Impfstoffe sind hier nicht mitgezählt.
  • Auch für viele Menschen mit dem weiterhin schwer zu behandelnden Lungenkrebs brachte das Jahr 2022 neue Möglichkeiten. Der Schwerpunkt lag auf dem nicht-kleinzelligen Bronchialkarzinom (NSCLC); je nach den zugrundeliegenden Mutationen in den Tumorzellen erfordert die Therapie unterschiedliche Wirkprinzipien. „Dem entsprachen die zunächst vier Medikamente, die gegen die Krankheit herauskamen. Ein Medikament wurde allerdings von seinem Hersteller wieder vom Markt genommen, als dessen Zusatznutzen im obligatorischen Preisfindungsverfahren (dem AMNOG-Verfahren) nicht anerkannt wurde.“ Vfa-Chef Steutel rechnet damit, dass es solche Rücknahmen bald öfter geben könnte: „Denn der Gesetzgeber hat die Vorgaben für das AMNOG-Verfahren zu Ungunsten der Patienten und Hersteller verschärft.“
  • Einen hohen Anteil an den Neueinführungen in Deutschland haben seit einigen Jahren Therapien gegen seltene oder extrem seltene Erkrankungen; auch in diesem Jahr waren es wieder mehr als ein Drittel. „Einige von ihnen sind die ersten gegen die betreffende Krankheit überhaupt, etwa im Fall von Hutchinson-Gilford Progeriesyndrom (vorzeitige Alterung) oder bei ASMD (dem angeborenen Mangel an saurer Sphingomyelinase) Typ A/B oder B.“ Immer mehr Therapien für Menschen mit „Seltenen“ – es ist für den vfa der Beweis dafür, dass die Förderung solcher Projekte funktioniert und unbedingt weitergeführt werden sollte (s. Pharma Fakten).
  • Auch ein neues Antibiotikum wurde neu eingeführt – in den vergangenen 2 Jahren sind es insgesamt 3 neue Antibiotika, die verfügbar wurden. Arzneimittel-Resistenzen, die dafür sorgen, dass Therapien ihre Wirkung verlieren, gehören zu den großen gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit (s. „Die stille Pandemie“).

Jedes der 2022 neu eingeführten Arzneimittel bedeutet, dass viele kranke Menschen seit diesem Jahr besser behandelt werden können als im Jahr zuvor. In manchen Fällen kann kranken Menschen erstmals eine Therapie angeboten werden. Die Innovationsbilanz 2022 des vfa ist eine gute Nachricht für diese Menschen – und ihre Angehörigen.

Weiterführende Links:

vfa-Pressemitteilung 038/2022 zur Innovationsbilanz 2022

Diagramme sowie Aufstellungen aller Neueinführungen und Zulassungserweiterungen von 2022

Weitere News

Eine schwache Pharmaindustrie? Braucht kein Mensch! Symposium des Pharma Fakten e.V. mit Expert:innen aus Politik, Medizin, Wissenschaft und Industrie am 26.6. in Berlin.

Eine schwache Pharmaindustrie? Braucht kein Mensch!

Der Standort für pharmazeutische Forschung, Entwicklung und Produktion steht am Scheideweg: Deutschland verliert international zunehmend an Boden. Mit der Nationalen Pharmastrategie will die Bundesregierung das ändern. Was sind die Herausforderungen im Spannungsfeld zwischen rasantem medizinischem Fortschritt und einer Gesetzlichen Krankenversicherung im Reformstau? Darüber werden Expert:innen aus Politik, Medizin, Wissenschaft und Industrie am 26. Juni in Berlin diskutieren. Das Thema geht alle an: Schließlich ist ein starker Pharmastandort Motor für Innovation, Gesundheit und Wohlstand.

Weiterlesen »
Wer investiert in Wirkstoffkandidaten, deren Entwicklung Milliardensummen verschlingt und bei denen die Chance des Scheiterns fast 100 Prozent ist? Foto: ©iStock.com/Gorodenkoff Productions OU

Pharmaforschung: Unmögliches möglich machen

Wirkstoffe gegen die Alzheimer-Erkrankung zu entwickeln – daran haben forschende Pharmaunternehmen wenig Interesse. Klar, das finanzielle Risiko ist schlicht zu hoch. So lautet einer dieser Mythen, die sich wacker halten, aber einem Faktencheck nicht standhalten. Denn das Geschäftsmodell der Industrie ermöglicht es, dass in Wirkstoffkandidaten investiert wird, die Milliardensummen verschlingen, bei denen die Chance des Scheiterns bisher fast 100 Prozent ist.

Weiterlesen »
Bei der Behandlung von seltenen Erkrankungen ist in den vergangenen Jahren viel passiert. Doch der soll jetzt der Hahn abgedreht werden. Expert:innen sind alarmiert. Foto: ©Alexion

Orphan Drugs: Innovationsfeindlichkeit per Gesetz?

Bei der Behandlung von seltenen Erkrankungen ist in den vergangenen Jahren viel passiert. Der Grund: Eine Politik der Vorfahrt für Innovationen. Doch der soll jetzt der Hahn abgedreht werden, wenn der Entwurf des GKV-Finanzstabilisierungsgesetzes (GKV-FinStG) diese Woche verabschiedet wird. Expert:innen sind alarmiert, Betroffene verunsichert.

Weiterlesen »
46 Medikamente mit neuen Wirkstoffen kamen in Deutschland auf den Markt – gegen COVID-19  Krebs und viele weitere Erkrankungen. Foto: iStock.com/Natali_Mis

Pharmaverband vfa: 2021 war ein „Ausnahmejahr“

In diesem Jahr kamen 46 Medikamente mit neuen Wirkstoffen zur Behandlung einer Vielzahl an Erkrankungen in Deutschland in die Versorgung. Das geht aus der jüngsten „Innovationsbilanz“ des Verbands der forschenden Pharma-Unternehmen (vfa) hervor. Zum Vergleich: 2020 und 2019 waren es 32 bzw. 25 Neueinführungen gewesen. „Außergewöhnlich“ war 2021 auch, weil es erstmals gelungen ist, dass ein Arzneimittel „in weniger als zwei Jahren entwickelt, erprobt, behördlich geprüft und nach Zulassung in die Versorgung gebracht wurde.“ Zu verdanken sei das „außerordentlichen Anstrengungen in den Firmen, den Studienkliniken und den mit Genehmigungen befassten Arzneimittelbehörden.“ Das Präparat richtet sich gegen COVID-19.

Weiterlesen »

Verwandte Nachrichten

Anmeldung: Abo des Pharma Fakten-Newsletters

Ich möchte per E-Mail News von Pharma Fakten erhalten: