92,4 Prozent ihrer Gelder geben die gesetzlichen Krankenkassen nicht für neue, patentgeschützte Arzneimittel aus – das macht die These, dass Innovationen eine der Kostentreiber der GKV sein sollen, mathematisch schwer begründbar. Die Pharmainitiative Bayern, ein Zusammenschluss von 20 forschenden Unternehmen mit Sitz im südlichen Bundesland, hat dazu eine Rechnung vorgelegt. Das Papier räumt unter anderem mit der Mär auf, dass Pharmaunternehmen im Rahmen des BStabG „geschont“ werden (O-Ton Krankenkassen): Das Gegenteil ist der Fall. „Im Jahr 2030 beträgt das Verhältnis der Einsparungen durch innovative Arzneimittelhersteller zu den Einsparungen insgesamt aller Leistungserbringer nach den Prognosen des Kabinettsentwurfs […] 6,2 Milliarden Euro zu 28,7 Milliarden Euro – dies entspräche 21,6 Prozent der gesamten Einsparungen“, heißt es in der Veröffentlichung. Es wären enorme Belastungen, die zu den Milliardensummen, die die Pharmaindustrie ohnehin schon Jahr für Jahr zur GKV-Stabilisierung beiträgt, hinzukommen.
Auf Basis von Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) für das Jahr 2024 haben die Expert:innen der Pharmainitiative außerdem einen Zahlencheck gemacht (s. Grafik): Auf etwas über 55 Milliarden Euro beliefen sich die Ausgaben der GKV für alle Arzneimittel und ihre Distribution – der Anteil am Gesamtkuchen macht 17 Prozent aus. Medikamente, die generisch sind und dem System zu Centbeträgen zur Verfügung stehen, schlagen mit rund 25 Milliarden Euro zu Buche. Unterm Strich sind es 30,13 Milliarden Euro, die die GKV für Patentarzneimittel aufbringt.
Zieht man die Mehrwertsteuer (19 Prozent bzw. rund 5 Milliarden Euro, die dem Staatshaushalt zugutekommen), den Apothekenfixzuschlag und die -marge, sowie den Festzuschlag für den Medikamentengroßhandel ab, bleiben am Ende noch 23,78 Milliarden Euro übrig – oder ein Anteil von 7,6 Prozent an den gesamten Leistungsausgaben der GKV.
Das ist das Geld, was Hersteller und Entwickler für ihre Arzneimittelinnovationen direkt einnehmen. Es sind 290 Euro pro Kopf und Jahr. Im selben Jahr hat die GKV 102,2 Milliarden Euro für den Betrieb der Krankenhäuser ausgegeben – oder 1.244 Euro pro Kopf.
Neue Arzneimittel: hoher gesundheitlicher Nutzen

Was die Gesellschaft davon hat, in moderne Therapeutika zu investieren? Dazu gibt es eine vielfältige und vor allem eindeutige Datenlage. Fast 75 Prozent der durch die im Gesundheitssystem erreichte Lebensverlängerung sind auf Arzneimittelinnovationen zurückzuführen. Der US-Gesundheitsökonom Dr. Frank R. Lichtenberg hat gleich eine ganze Reihe von Studien vorgelegt, die unter anderem nachweisen, dass Arzneimittel in den vergangenen Jahrzehnten einen großen Anteil an der Verlängerung des Lebens hatten, dass sich durch Arzneimittelinnovationen das durchschnittliche Sterbealter in 26 untersuchten Ländern zwischen 2006 und 2016 schätzungsweise um 1,23 Jahre erhöht hat – und das zu sehr übersichtlichen Kosten. Neue Arzneimittel – das bedeutet mehr Lebenszeit und mehr Lebensqualität und sind eine lohnende Investition.
Die Zahlen zeigen, dass der politische Ansatz des BStabG, alle Sektoren der GKV gleichermaßen belasten zu wollen (was de facto nicht umgesetzt ist), nicht nur ökonomisch wenig überzeugend, sondern auch politisch falsch ist. Die Pharmainitiative schreibt dazu: „Grundsätzlich sollte dort gespart werden, wo die geringsten gesellschaftlichen Kosten entstehen. Dort, wo hohe gesellschaftliche Schäden durch das Sparen entstehen könnten, sollte dagegen nicht gespart werden.“ Auch mit einer gerechten Lastenverteilung hat das in seiner Wirkung nichts zu tun, wenn sich die medizinische Versorgung der Menschen, die nicht privat versichert sind, in den kommenden Jahren verschlechtert.
Neue Arzneimittel: hoher ökonomischer Nutzen

Die positiven Effekte von Innovationen gehen weit über das Gesundheitliche hinaus. Neue Arzneimittel können Gesundheitskosten senken, haben volkswirtschaftliche Effekte wie die Reduzierung von Fehlzeiten, die Vermeidung krankheitsbedingter Arbeitsausfälle und erhöhen die Produktivität. Die Pharma Fakten-Serie „Wie Innovation Krankheit besiegt“ zeigt an ausgewählten Indikationen den Wert medizinischer Innovation. Im „InnovationsRadar“, einer Studie, die der Pharmaverband vfa in Auftrag gegeben hat, wurde untersucht, welchen Einfluss die Entwicklung innovativer Arzneimittel auf die Gesundheit betroffener Patient:innen hat – und welche Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Volkswirtschaft. Prof. Dr. Thomas Hammerschmidt, der die Studie als Wissenschaftlicher Beirat begleitet hat, erklärte gegenüber Pharma Fakten: „Pharmaforschung stärkt die Volkswirtschaft und entlastet das Gesundheitswesen – und zwar weitaus stärker als wir vermutet hätten.“
Weitere News

An Arzneimitteln sparen: So koppelt sich Deutschland vom medizinischen Fortschritt ab
Die Vereinigten Staaten zahlen im internationalen Vergleich zu viel für neue Medikamente, Europa entzieht sich der Verantwortung, findet US-Präsident Donald Trump. Mit seiner Arzneimittelpreispolitik nach dem Most Favored Nation-Prinzip will er das ändern. In einem Webinar ordneten Fachleute des IGES-Instituts die aktuellen Fakten ein. Vertreter aus der Pharmabranche zeigten sich besorgt. „Wir wollen unsere Präparate zu Verfügung stellen“, hieß es. Doch das dürfte in Deutschland zunehmend schwierig werden, wenn die Bundesregierung ihrem Sparkurs treu bleibt und die Wettbewerbsfähigkeit nicht weiter stärkt.

Arzneimittelversorgung Deutschlands: „Weltklasse oder Warteschlange?“
Trotz aller Klagen, trotz Reformbedarf und Finanznot: Deutschland brüstet sich nach wie vor gern mit seinem Gesundheitssystem und einer vergleichsweise guten Arzneimittelversorgung. Doch inwiefern entspricht das eigentlich noch der Realität? Der Pharmaverband vfa hat besorgniserregende Zahlen zusammengetragen: „Liebe Bundestagsabgeordnete, Sie entscheiden jetzt. Weltklasse oder Warteschlange? Wachstum oder Abbau? Berlin oder Beijing?“

GKV-Spargesetz: Von „Taschenspielertricks“ und „Deindustrialisierung“
Die Bundesregierung hat den Entwurf für das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz durchs Kabinett gebracht. Laut Gesundheitsministerin Nina Warken schafft das „die Grundlage für die nachhaltige finanzielle Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung.“ Diese Sicht hat die Regierung relativ exklusiv: Während der AOK-Bundesverband von „Taschenspielertricks auf Kosten der Beitragszahlenden“ spricht, ist die Pharmaindustrie entsetzt. „Wird dieses Gesetz so verabschiedet, wird Deutschland einen weiteren Schritt in Richtung De-Industrialisierung machen“, so der Vorsitzende des Pharmaverbands BPI, Oliver Kirst.
