Auf die Impulse, die die Pharmaindustrie für Gesundheit, Innovation, Produktivität und Wertschöpfung setzt, kann das Land nicht verzichten. Foto: iStock.com / Paperkites
Auf die Impulse, die die Pharmaindustrie für Gesundheit, Innovation, Produktivität und Wertschöpfung setzt, kann das Land nicht verzichten. Foto: iStock.com / Paperkites

Was, wenn Gesundheit die eigentliche Konjunktur-Bazooka wäre?

Wenn die forschende Pharmaindustrie Maßnahmen aus dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ablehnt und stattdessen strukturelle Reformen im Gesundheitswesen fordert, liegt ein Verdacht schnell nahe: Hier verteidigt eine profitable Branche ihre wirtschaftlichen Interessen. Das aber verstellt den Blick darauf, welchen gesamtgesellschaftlichen Beitrag die Branche leistet und welche Impulse sie für Gesundheit, Innovation, Produktivität und Wertschöpfung setzt. Impulse, auf die unser Land nicht verzichten kann. Ein Kommentar von Florian Martius.

Nein, ein Erkenntnisproblem ist es nicht. Dass eine forschende Pharmaindustrie gut für Land und Leute ist, kann man in der Nationalen Pharmastrategie der Bundesregierung nachlesen; dort heißt es:

  • Arzneimittel sind unabdingbar für die Gesundheit der Menschen und wesentlicher Faktor des medizinischen Fortschritts.
  • Die pharmazeutische Industrie ist ein Schlüsselsektor und eine Leitindustrie der Volkswirtschaft.
  • Sie ist die forschungsintensivste Branche in Deutschland.
  • Eine langfristig starke pharmazeutische Industrie ist für die Gesundheitsversorgung und den Wirtschaftsstandort von großer Bedeutung und Teil der kritischen Infrastruktur.

Doch der Forschungs-, Entwicklungs- und Pharmastandort habe international an Reiz verloren, heißt es weiter. Deshalb wolle man die Attraktivität „erhöhen und auszubauen.“ Daher „setzt sich die Bundesregierung dafür ein, dass die Rahmenbedingungen für eine starke, nachhaltige und international wettbewerbsfähige Pharmaindustrie insbesondere in Deutschland […] verbessert werden.“

Und: Zentraler Standortfaktor für neue Investitionen seien verlässliche (!) Rahmenbedingungen und vorhersehbare (!!) Marktgegebenheiten. „Nur so werden pharmazeutische und biotechnologische Unternehmen ihre Investitionen in innovative Forschung, Entwicklung und Produktion in Deutschland tätigen.“

GKV-Spargesetze: Standortpolitik als Vollbremsung

Was dann kam, heißt GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG). Oder anders formuliert: Wenn die Pharmastrategie ein industriepolitisches Aufbruchssignal sein sollte, dann war das BStabG eine Vollbremsung. Sollten jetzt noch die in der FinanzKommission Gesundheit diskutierten Pläne Realität werden, dann ist das Standortpolitik mit eingebautem Rückwärtsgang (s. „Pharmastandort Deutschland: An die Wand reguliert?“).

Pharma Fakten-Redakteur Florian Martius
Pharma Fakten-Redakteur Florian Martius

Dabei liegt es auf der Hand: Wenn wir Gesundheit nicht primär als Kostenfaktor, sondern als Investition in Produktivität, Wertschöpfung, Wohlstand und Resilienz verstehen, dann kann es nur einen Weg geben: Beherzt in Prävention und Früherkennung investieren, die Versorgung besser verzahnen, medizinische Innovation fordern und fördern, die Bürokratie nicht nur beklagen, sondern abbauen, die Segnungen der Digitalisierung zulassen und die GKV nicht mit versicherungsfremden Leistungen in Milliardenhöhe belasten. Letzteres ist im Grunde unanständig, weil auf ihre Beitragszahlenden sozialpolitische Ausgaben abgewälzt werden und jegliches Gerechtigkeitsgefühl verletzt. Kurz: Es braucht nachhaltige Strukturreformen, die die ungeheuren Effizienzreserven heben, die im System schlummern. Es braucht die Erkenntnis, dass das anvisierte Wirtschaftswachstum sich nicht entfalten kann, wenn wir Gesundheit als einen wichtigen Standortfaktor ausblenden. Und schließlich braucht es die Einsicht, dass die Höhe des Beitragssatzes nur wenig darüber aussagt, wie gut ein Gesundheitssystem funktioniert. Wer nun argumentiert, dass sei ja alles gut und schön, aber leider fehle das Geld, dem sei entgegnet: Es fehlt nicht am Geld, es wird nur sehr schlecht ausgegeben.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, lautet nicht: Wie hegen wir die (angeblich übermäßigen) Gewinne der Pharmaindustrie ein? Die Frage muss lauten: Was kostet es die Gesellschaft, wenn bei innovativen Arzneimitteln gespart wird, ohne dass gleichzeitig die strukturellen Probleme des Gesundheitssystems gelöst werden? Was kostet es uns, wenn der hochinnovative Forschungsstandort weiter an Bedeutung verliert und neue Therapien im Ausland erforscht werden?

Verdient die Pharmaindustrie zu viel?

Stattdessen hat sich in vielen Köpfen festgesetzt, das alle sparen müssen. Das allein kann nicht Ziel weitsichtiger Politik sein. Vielmehr muss es heißen: Wie und wo können wir sparen, so dass möglichst geringe gesellschaftliche Schäden entstehen? Wie kommen wir zu einer tragfähigen und nachhaltigen Finanzierung der GKV, ohne dass sich die Versorgung der Menschen mit medizinischen Leistungen verschlechtert?

Bei innovativen Arzneimitteln könnten die Folgekosten des Sparens höher sein als die unmittelbaren Einsparungen. Foto: iStock.com / Traimak_Ivan
Bei innovativen Arzneimitteln könnten die Folgekosten des Sparens höher sein als die unmittelbaren Einsparungen. Foto: iStock.com / Traimak_Ivan

Wenn es ums Sparen geht, fallen den Krankenkassen schnell die Arzneimittelpreise ein; schließlich verdiene die Pharmaindustrie ja glänzend. Das wird gerne mit hohen Umsatzrenditen begründet. Nur: Ob Pharmaunternehmen überdurchschnittlich verdienen, lässt sich weniger daran ablesen, wie viel Gewinn vom Umsatz übrigbleibt. Entscheidend ist, welchen Ertrag sie über längere Zeit auf ihr eingesetztes Kapital erzielen – unter Berücksichtigung von Forschungsinvestitionen, Fehlschlägen und dem unternehmerischen Risiko. Deshalb ist die Kapitalrendite und nicht die Umsatzrendite die entscheidende Währung zur Beurteilung von Gewinnen (siehe: „Verdient die Pharmaindustrie, was sie verdient?“).

Das ist das Besondere am „Geschäftsmodell forschende Pharma“: Bei der Entwicklung von Arzneimittelinnovationen fallen Ausgaben viele Jahre vor den ersten Verkaufserlösen an. Außerdem scheitern Entwicklungsprojekte. Wer die Wirtschaftlichkeit der Forschung beurteilen will, darf deshalb nicht nur die später erfolgreichen Medikamente betrachten, sondern muss auch erfolglose Projekte und die lange Kapitalbindung berücksichtigen. Und da gilt: Die Kapitalrenditen der Pharmaindustrie sind in der Regel gut, aber sie stellen keine Überrenditen da.

Bloßes Sparen, weil die GKV-Kassen nicht mehr hergeben, was sie müssten, ist vor diesem Hintergrund richtig teuer. Bei innovativen Arzneimitteln könnten die Folgekosten des Sparens höher sein als die unmittelbaren Einsparungen. Dass Preisdruck auf Innovationen in der Regel dazu führt, dass weniger für Forschung und Entwicklung ausgegeben werden kann, ist jedenfalls von eng begrenztem Neuigkeitswert. Sparen kann Fortschritt kosten: Will man das?

Neue Arzneimittel: Kosten überschätzt, Gesamtnutzen unterschätzt

Neue Arzneimittel verlängern oft Lebenszeit und verbessern Lebensqualität. Wir können uns mit innovativen Impfstoffen so gut wie nie in der Geschichte der Menschheit vor schweren Erkrankungen schützen; nie waren wir so gut in der Behandlung von Krebs, Alzheimer, Herzkreislauf und Co. Dabei ist der Anteil an den GKV-Gesamtausgaben ist seit Jahren stabil. Außerdem wird ihr Kostenanteil konsequent überschätzt (siehe: „Neue Arzneimittel im Faktencheck: Was sie die GKV wirklich kosten“). Ausgeblendet wird außerdem, was sie darüber hinaus für die medizinische Versorgung leisten: Verhindern sie Krankenhausaufenthalte? Vermeiden sie Folgeerkrankungen? Und wir verdrängen, dass ein verminderter Krankenstand außerhalb des Gesundheitssystems Sozialkassen entlastet und Wachstumsimpulse setzen kann. Dabei wissen wir: Neue Arzneimittel fördern Wohlstand; sie zahlen sich mehrfach aus.

Wenn wir in Deutschland über Konjunktur reden, dreht sich fast alles um Infrastruktur, Energiepreise, Steuern, Fachkräfte oder Bürokratie. Wie viele Menschen gesund genug sind, um am wirtschaftlichen Leben teilzunehmen, spielt in der Debatte nur eine Rolle am Rande.

Das aber ist grundfalsch – der Krankenstand ist eine milliardenschwere Konjunkturbremse. Wenn eine Gesellschaft altert und Arbeitskräfte knapp werden, steigt der wirtschaftliche Wert von Gesundheit. Dass gesündere Menschen produktiver arbeiten, seltener in Frührente müssen, keine pflegenden Angehörigen brauchen, die nicht oder nur weniger arbeiten – es gibt genug Studien, die zeigen: Gesundheit könnte eine echte Konjunktur-Bazooka sein.

Doch das ist in der Politik noch nicht richtig angekommen, wie das Beispiel psychische Erkrankungen zeigt. Sie verursachen immer mehr Arbeitsausfälle; innerhalb von zehn Jahren sind die entsprechenden Fehltage laut einem aktuellen Report um 42 Prozent gestiegen. Gleichzeitig steht ausgerechnet die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen unter Spardruck. Dabei ist Psychotherapie schon heute ein knappes Gut: Der Bedarf ist hoch, die Wartezeiten sind lang, der Zugang zur Behandlung hängt nicht selten vom Wohnort, der Hartnäckigkeit der Betroffenen und ihren finanziellen Möglichkeiten ab. Die richtige Entscheidung wäre, massiv in diesem Bereich zu investieren – das Gegenteil ist geplant.

An Arzneimitteln oder mit Arzneimittel sparen?

In einer alternden Volkswirtschaft ist jedes zusätzliche Jahr in guter Gesundheit auch ein Stück zusätzliches Wachstumspotenzial. Arzneimittel spielen in dieser Gleichung eine wichtige Rolle. Deshalb sollte Gesundheitspolitik weniger die Frage stellen, wie wir an Arzneimitteln sparen können, sondern, wo wir mit Arzneimitteln besser behandeln und damit möglicherweise an anderer Stelle Kosten vermeiden können. Abgesehen davon, dass Arzneimittel doppelt wirken: Sie erhöhen die Leistungsfähigkeit der Bevölkerung – und ihre Entwicklung und Produktion erzeugt selbst eine hochwertige Wertschöpfung. Denn die industrielle Gesundheitswirtschaft ist eine wichtige Stütze, damit der Umbau der Deutschland-AG überhaupt gelingen kann. Auch das kann man in der Nationalen Pharmastrategie der Bundesregierung nachlesen.

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