Es ist an der Zeit, das Thema Gesundheit gesamtgesellschaftlich zu einer Priorität zu machen. Alles andere wäre fahrlässig. Ein Kommentar von Alina Massari. Foto: ©iStock.com/Totojang
Es ist an der Zeit, das Thema Gesundheit gesamtgesellschaftlich zu einer Priorität zu machen. Alles andere wäre fahrlässig. Ein Kommentar von Alina Massari. Foto: ©iStock.com/Totojang

Gesundheit ist kritische Infrastruktur – doch Deutschland redet zu wenig darüber

Neben Sektoren wie Ernährung oder Energie nennt das „Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik“ auch Gesundheit als kritische Infrastruktur: Gibt es hier Ausfälle oder Beeinträchtigungen hätte das dramatische Folgen für das staatliche Gemeinwesen. Ist es da nicht verwunderlich, wie selten Ausgaben im Gesundheitssystem als Investition in die Zukunftsfähigkeit Deutschlands diskutiert werden? Und wie wenig Innovation als Treiber für Wohlstand und nationale Sicherheit im Fokus steht? Es ist an der Zeit, das Thema zu einer gesamtgesellschaftlichen Priorität zu machen. Alles andere wäre fahrlässig. Ein Kommentar von Alina Massari.
Alina Massari – seit 2017 einer der Köpfe hinter der Pharma Fakten-Redaktion; kennt die Themen der Branche seit fast neun Jahren aus kommunikativer Perspektive; studierte Philosophie, Medienwissenschaft und Kulturmanagement.
Alina Massari – seit 2017 einer der Köpfe hinter der Pharma Fakten-Redaktion; kennt die Themen der Branche seit fast neun Jahren aus kommunikativer Perspektive; studierte Philosophie, Medienwissenschaft und Kulturmanagement.

Dass unsere Abhängigkeit von China – gerade im Arzneimittelbereich – enorm groß ist, ist bekannt. Dass die US-Politik unter Präsident Donald Trump ebenfalls alles andere als Verlässlichkeit für Deutschland und Europa ausstrahlt, hilft auch nicht. Und dann sind da noch die vielen weiteren Krisen dieser Welt – von Putin bis Klimawandel. Aber: Wie wäre es, solche Herausforderungen als eine Chance zu begreifen? Traditionelle hiesige Industrien schwächeln, demografischer Wandel sowie Fachkräftemangel kommen hinzu – Deutschland muss sich ohnehin ein Stück weit neu erfinden. Das Beste ist also, den Strukturwandel aktiv zu gestalten – hin zu Sektoren, die Zukunftsperspektiven eröffnen. Und in diesem Zuge für eine Stärkung der hiesigen Wirtschaft, Innovationskraft und gesellschaftlichen Resilienz zu sorgen.

Gesundheit ganzheitlich denken

Der Gesundheitsbereich ist so ein Sektor, mit dem es möglich ist, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Verbesserte Behandlungsmöglichkeiten tragen zum Beispiel dazu bei, dass der Anteil der Menschen mit Brustkrebs, die nicht mehr an ihrer Erkrankung versterben, immer weiter zunimmt. Sie können nicht nur intensiver am Leben teilhaben, sondern auch länger einer Care-Arbeit, einem Ehrenamt oder Beruf nachgehen. Bei Nervenleiden wie Multiple Sklerose hat der Einsatz innovativer Arzneimittel dazu geführt, dass die Betroffenen seltener auf Gehhilfen bzw. Rollstuhl angewiesen sind, weniger Pflegeleistungen in Anspruch nehmen müssen und ihre Erwerbsfähigkeit länger erhalten bleibt. Viele weitere Beispiele sind der Pharma Fakten-Serie Wie Innovation Krankheit besiegt“ zu entnehmen.

Soll sagen: Pharmazeutische Innovation – und Gesundheit per se – hat Auswirkungen, die weit über die einzelnen Patient:innen hinausgehen. Sie betreffen das Gesundheitssystem, die Gesellschaft, den Wissenschaftsstandort, die Wirtschaft. Und somit ist Gesundheit nichts weniger als eine Basis für die Zukunftsfähigkeit dieses Landes. Denn ohne gesunde Gesellschaft, keine leistungsfähige Wirtschaft, kein Wohlstand. Und: keine Resilienz gegenüber Herausforderungen jenseits der nationalen Grenzen.

Gesundheit strategisch denken

In einer Welt zunehmender Krisen und geopolitischer Spannungen ist es wichtiger denn je, den Gesundheitssektor als kritische Infrastruktur, als systemrelevant zu verstehen. In ein stabiles Gesundheitssystem, in mehr Unabhängigkeit zu investieren: Das hat entscheidend etwas mit Sicherheitspolitik zu tun (Stichwort: Coronapandemie). Mit Bayern fordert nun ein erstes Bundesland die Vorbereitung des Gesundheitssystems auf Krisen- und Kriegsfälle. Gesundheitsministerin Judith Gerlach sagte gegenüber der Augsburger Allgemeinen„Eine sichere und stabile Gesundheitsversorgung ist das Rückgrat für eine erfolgreiche Gesamtverteidigung“.

Eigentlich merkwürdig, dass diese Tatsache in den Debatten um die GKV-Finanzkrise bislang kaum eine Rolle spielt und dies nicht viel mehr die Politiker:innen von unterschiedlichsten Ministerien und Rängen auf den Plan (und die Menschen auf die Straßen) ruft. Schließlich ist ein finanziell stabiles System mehr als nur eine reine Kostenfrage: Wo sparen wir, wo kürzen wir? Das ist zu kurz gedacht. Die Frage, die zunächst beantwortet werden muss, heißt: Welchen Wert messen wir Gesundheit bei? Und im nächsten Schritt: Sind wir bereit, sie als eine Investition in Sicherheit, Wohlstand, Zukunftsfähigkeit zu begreifen – und die entsprechend notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen, damit das System fitgemacht werden kann, um genau diesen Zweck zu erfüllen?

Gesundheitswirtschaft zukunftsorientiert denken

Zumal: Nur wenn das Gesundheitssystem auf festen Füßen steht, kann auch die industrielle Gesundheitswirtschaft florieren – und die zu stärken hat sich die Bundesregierung bekanntlich vorgenommen. Sie will Deutschland zum weltweit innovativsten Chemie-, Pharma- und Biotechnologiestandort machen. Denn diese Industrie fördert Gesundheit, schafft Innovationen „made in Germany“ – und damit mehr Unabhängigkeit in der Gesundheitsversorgung. Sie ist Wirtschaftsmotor, bietet Stabilität in Krisenzeiten. Und weil sie – insbesondere in der forschenden Pharmabranche – besonders produktive, gut bezahlte Arbeitsplätze bietet, kann sie Produktivitätsverluste, die infolge des demografischen Wandels entstehen, zum Teil abfedern und Beschäftigte aus kriselnden Branchen auffangen. Mit politischen Weichenstellungen – etwa in Sachen Fachkräftesicherung – wäre noch deutlich mehr Wachstum für die industrielle Gesundheitswirtschaft möglich. So ließe sich der Strukturwandel aktiv begleiten.

Gesundheitswirtschaft zukunftsorientiert denken
Innovationen: Zukunftsfähigkeit „made in Germany“. Foto: ©iStock.com/Jacob Wackerhausen

Doch im Diskurs um die GKV-Finanzen kommt dieses strategische, ganzheitliche Denken von Gesundheit bislang zu kurz; und in der Öffentlichkeit, in den Medien bleibt der Nutzen von Innovation unterschätzt. Dabei gäbe es so viel zu gewinnen, wenn das Thema zu einer politischen und gesamtgesellschaftlichen Priorität wird. Nicht nur, weil Gesundheit systemrelevant ist; sondern weil sie angesichts der vielen großen Herausforderungen, vor denen die Bundesrepublik steht, gleichzeitig Teil der Lösung sein kann. Es ist an der Zeit, mehr darüber zu reden. Mit einem neuen Mindset, einem neuen Narrativ: Ausgaben für Gesundheit sind nicht einfach nur ein Kostenfaktor. Sie sind die vielleicht klügste Investition, die Deutschland tätigen kann: für Zukunftsfähigkeit „made in Germany“.

Weiterführende Links:

Pharma Fakten-Serie: „Wie Innovation Krankheit besiegt“

vfa-Innovationsradar

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