Dass unsere Abhängigkeit von China – gerade im Arzneimittelbereich – enorm groß ist, ist bekannt. Dass die US-Politik unter Präsident Donald Trump ebenfalls alles andere als Verlässlichkeit für Deutschland und Europa ausstrahlt, hilft auch nicht. Und dann sind da noch die vielen weiteren Krisen dieser Welt – von Putin bis Klimawandel. Aber: Wie wäre es, solche Herausforderungen als eine Chance zu begreifen? Traditionelle hiesige Industrien schwächeln, demografischer Wandel sowie Fachkräftemangel kommen hinzu – Deutschland muss sich ohnehin ein Stück weit neu erfinden. Das Beste ist also, den Strukturwandel aktiv zu gestalten – hin zu Sektoren, die Zukunftsperspektiven eröffnen. Und in diesem Zuge für eine Stärkung der hiesigen Wirtschaft, Innovationskraft und gesellschaftlichen Resilienz zu sorgen.
Gesundheit ganzheitlich denken
Der Gesundheitsbereich ist so ein Sektor, mit dem es möglich ist, mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Verbesserte Behandlungsmöglichkeiten tragen zum Beispiel dazu bei, dass der Anteil der Menschen mit Brustkrebs, die nicht mehr an ihrer Erkrankung versterben, immer weiter zunimmt. Sie können nicht nur intensiver am Leben teilhaben, sondern auch länger einer Care-Arbeit, einem Ehrenamt oder Beruf nachgehen. Bei Nervenleiden wie Multiple Sklerose hat der Einsatz innovativer Arzneimittel dazu geführt, dass die Betroffenen seltener auf Gehhilfen bzw. Rollstuhl angewiesen sind, weniger Pflegeleistungen in Anspruch nehmen müssen und ihre Erwerbsfähigkeit länger erhalten bleibt. Viele weitere Beispiele sind der Pharma Fakten-Serie „Wie Innovation Krankheit besiegt“ zu entnehmen.
Soll sagen: Pharmazeutische Innovation – und Gesundheit per se – hat Auswirkungen, die weit über die einzelnen Patient:innen hinausgehen. Sie betreffen das Gesundheitssystem, die Gesellschaft, den Wissenschaftsstandort, die Wirtschaft. Und somit ist Gesundheit nichts weniger als eine Basis für die Zukunftsfähigkeit dieses Landes. Denn ohne gesunde Gesellschaft, keine leistungsfähige Wirtschaft, kein Wohlstand. Und: keine Resilienz gegenüber Herausforderungen jenseits der nationalen Grenzen.
Gesundheit strategisch denken
In einer Welt zunehmender Krisen und geopolitischer Spannungen ist es wichtiger denn je, den Gesundheitssektor als kritische Infrastruktur, als systemrelevant zu verstehen. In ein stabiles Gesundheitssystem, in mehr Unabhängigkeit zu investieren: Das hat entscheidend etwas mit Sicherheitspolitik zu tun (Stichwort: Coronapandemie). Mit Bayern fordert nun ein erstes Bundesland die Vorbereitung des Gesundheitssystems auf Krisen- und Kriegsfälle. Gesundheitsministerin Judith Gerlach sagte gegenüber der Augsburger Allgemeinen: „Eine sichere und stabile Gesundheitsversorgung ist das Rückgrat für eine erfolgreiche Gesamtverteidigung“.
Eigentlich merkwürdig, dass diese Tatsache in den Debatten um die GKV-Finanzkrise bislang kaum eine Rolle spielt und dies nicht viel mehr die Politiker:innen von unterschiedlichsten Ministerien und Rängen auf den Plan (und die Menschen auf die Straßen) ruft. Schließlich ist ein finanziell stabiles System mehr als nur eine reine Kostenfrage: Wo sparen wir, wo kürzen wir? Das ist zu kurz gedacht. Die Frage, die zunächst beantwortet werden muss, heißt: Welchen Wert messen wir Gesundheit bei? Und im nächsten Schritt: Sind wir bereit, sie als eine Investition in Sicherheit, Wohlstand, Zukunftsfähigkeit zu begreifen – und die entsprechend notwendigen finanziellen Mittel bereitzustellen, damit das System fitgemacht werden kann, um genau diesen Zweck zu erfüllen?
Gesundheitswirtschaft zukunftsorientiert denken
Zumal: Nur wenn das Gesundheitssystem auf festen Füßen steht, kann auch die industrielle Gesundheitswirtschaft florieren – und die zu stärken hat sich die Bundesregierung bekanntlich vorgenommen. Sie will Deutschland zum weltweit innovativsten Chemie-, Pharma- und Biotechnologiestandort machen. Denn diese Industrie fördert Gesundheit, schafft Innovationen „made in Germany“ – und damit mehr Unabhängigkeit in der Gesundheitsversorgung. Sie ist Wirtschaftsmotor, bietet Stabilität in Krisenzeiten. Und weil sie – insbesondere in der forschenden Pharmabranche – besonders produktive, gut bezahlte Arbeitsplätze bietet, kann sie Produktivitätsverluste, die infolge des demografischen Wandels entstehen, zum Teil abfedern und Beschäftigte aus kriselnden Branchen auffangen. Mit politischen Weichenstellungen – etwa in Sachen Fachkräftesicherung – wäre noch deutlich mehr Wachstum für die industrielle Gesundheitswirtschaft möglich. So ließe sich der Strukturwandel aktiv begleiten.

Doch im Diskurs um die GKV-Finanzen kommt dieses strategische, ganzheitliche Denken von Gesundheit bislang zu kurz; und in der Öffentlichkeit, in den Medien bleibt der Nutzen von Innovation unterschätzt. Dabei gäbe es so viel zu gewinnen, wenn das Thema zu einer politischen und gesamtgesellschaftlichen Priorität wird. Nicht nur, weil Gesundheit systemrelevant ist; sondern weil sie angesichts der vielen großen Herausforderungen, vor denen die Bundesrepublik steht, gleichzeitig Teil der Lösung sein kann. Es ist an der Zeit, mehr darüber zu reden. Mit einem neuen Mindset, einem neuen Narrativ: Ausgaben für Gesundheit sind nicht einfach nur ein Kostenfaktor. Sie sind die vielleicht klügste Investition, die Deutschland tätigen kann: für Zukunftsfähigkeit „made in Germany“.
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In der öffentlichen Wahrnehmung geht manchmal ein wenig unter, was Wissenschaft und Forschung alles erreichen können. Das gilt auch für den Nutzen, den Pharmaunternehmen mit der Entwicklung von Arzneimittelinnovationen für Menschen mit schweren Erkrankungen schaffen können. Es ist ein Thema, das Onofrio Mastandrea umtreibt. Er leitet seit Sommer 2025 das Deutschland-Geschäft des forschenden Biotech-Unternehmens Incyte Biosciences. Im Gespräch mit Pharma Fakten erläutert er, wie er mehr Innovationen in die Bundesrepublik holen will.

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Arzneimittelinnovationen ermöglichen die Behandlung von Krankheiten, für die es bisher keine wirksame Therapie gab, und verbessern bestehende Behandlungen durch höhere Wirksamkeit und bessere Verträglichkeit. Sie spielen damit eine entscheidende Rolle für die Gesundheit und Lebensqualität der Menschen. Um zu zeigen, wie sehr die Menschheit von medizinischen Innovationen profitiert, hat der Verein LAWG das Projekt „Der Wert medizinischer Innovationen“ gestartet, das Pharma Fakten in einer Serie aufgreift.
